Ein gutes Haus singt. Das hat etwas mit Nachhaltigkeit zu tun
Im Gespräch mit dem Architekten Arno Lederer im Kunstmuseum Ravensburg

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„Wenn Sie beispielsweise an die Philosophie oder die Musik denken ... hier greift das Fortschrittsdenken überhaupt nicht. Wenn wir aber Zeit und Fortschritt einmal weglassen und schauen, was dann noch da ist, dann kommen wir vielleicht zu einem Denken, das den Begriff der Nachhaltigkeit erübrigt. ...“ Arno Lederer

DBZ: Auf jeder Architektur kann man zurzeit das Label „Nachhaltig“ lesen. Was glauben Sie, ist Nachhaltigkeit?

Arno Lederer: Für uns bedeutet Nachhaltigkeit, dass wir gerne Häuser machen, von denen wir wissen, dass sie länger als 50 Jahre halten. Dass sie lang tauglich sind, auch, dass man sie gut wieder wegnehmen könnte, weil man ihr Material ohne größeren Aufwand wiederwenden kann.

Die Frage des Energieverbrauchs im Bezug auf die Klimatisierung eines Gebäudes halten wir für nicht so relevant. Hier haben wir ja bereits durch Gesetze und Verordnungen einen Stand erreicht, der schon relativ gut ist.

Das klingt jetzt nach einer Reflexion auf das Praktikable. Was wäre denn der theoretisch höchste Anspruch an nachhaltige Architektur, wo wollen, wo müssen wir hinkommen?

Nachhaltigkeit ist zunächst mal etwas, das in der Kultur verankert sein muss. Wenig nachhaltig zu bauen ist also ein kulturelles Problem und erst dann ein technisches. Wir brauchen ein tieferes und zugleich breiter ausgegrägtes Verstehen von Kreisläufen, in allen Bereichen. Ob Sie nun das Essen, die Klamotten, die Literatur nehmen. Diese Bereiche sind sämtlich durchdrungen von der Idee des 20. Jahrhunderts, dass Fortschritt nur dann zu erreichen sei, wenn man alles hinter sich gelassen hat und diesen Hinterlassenschaften ihre Gültigkeit aberkennt. Egal, ob das im Kulturellen geschieht oder im Materiellen. Es gibt aber Dinge, die sich dem entziehen. Wenn Sie beispielsweise an die Philosophie oder die Musik denken. Hier greift das Fortschrittsdenken überhaupt nicht. Wenn wir aber Zeit und Fortschritt einmal weglassen und schauen, was dann noch da ist, dann kommen wir vielleicht zu einem Denken, das den Begriff der Nachhaltigkeit erübrigt.

Brauchen wir also das Rudimentäre, Einfache?

Wir sind ja nicht gegen die Technik, die Technik ist ein Mittel, dem ich mich bedienen kann. Aber die Technik sollte nicht das bestimmende Moment sein.

Kommen wir zu Ihrem Museumsbau in Ravensburg: Was macht ihn aus, wenn man mal von der Technik absieht, was ist sein Kern?

Zunächst einmal haben wir mit Ravensburg eine unglaublich schöne Stadt. Wenn man hier durch die Altstadt geht, sieht man überall die Türme, man sieht die Wachstumsringe, spürt die Organik der Geschichte. Man kann hier sehr gut eine Kohärenz spüren, Sie sehen hier keine Brüche. Und in diesem Kontext haben wir unser Haus entwickelt, haben wir die Stadt weiter gebaut.

Wird Nachhaltigkeit auch über den allerdings unbestimmten Begriff der Schönheit fassbar?

Ja, absolut. Ich bin mir sicher, dass Schönheit ein Thema ist. Ein Thema übrigens, das lange von uns Architekten tabuisiert wurde, Schönheit war im vergangenen Jahrhundert schon fast eine peinliche Sache. Aber natürlich hat Schönheit etwas mit der Bedeutung von Ordnungen zu tun, von Ordnungssystemen. Es gibt ja Phänomene, die die Architekten gar nicht im Griff haben, sie glauben aber, sie hätten das. Viele Problemstellungen in der Architektur sind ja nicht mit genuin architektionische Fragen zu erfassen. Wir haben wir nicht selten gesellschaftliche Belange, die berücksichtigt werden müssen, weil die Architekten irgendwann einmal etwas vergessen haben. Man hat etwas auf dem Weg verloren. Aber der Mensch sucht nach Kontinuität, er will sich verlassen können auf etwas.

Vorher stand hier ein altes Fabrikgebäude, das für das Museum verschwinden musste?

Naja, einmal war es von der Substanz nicht mehr gut, es stand viele Jahre leer. Und wenn ich den Begriff der Schönheit noch einmal heranziehen darf: Das Gebäude war nicht gerade etwas, das der Stadt gut getan hätte.

Würde man Nachhaltigkeit aber konsequent, vielleicht regide verstehen, hätten Sie doch mit dem Bestand arbeiten müssen, oder?

Klar, hätten wir. Wir haben ja viele Gebäude aus den Sechziger Jahren ich sage mal bearbeitet. Aber das war hier nicht unsere Aufgabe, der Wettbewerb hat hier bereits den Abriss der Altbauten vorgesehen.

Ich sehe einen gelungenen Städtebau, eine attraktive Fassade aus in Schönheit gealtertem Ziegel, ich sehe eine intelligente Interpretation von Kontinuität, ich sehe technische Aspekte, die den Energieverbrauch reduzieren … ist das für nachhaltiges Bauen ausreichend?

Nein, das reicht nicht. Ich würde auch nicht behaupten, dass das ein nachhaltiges Gebäude ist. Wir haben viele technische Dinge hier gemacht, von denen wir nicht genau wissen, wie lange sie halten. 20, 30 Jahre? 30 Jahre sind kein Zeitraum. Aber wir haben das Ziel verfolgt, das ist vielleicht etwas ganz anderes. Aber wann hat man schon etwas erreicht? Man erreicht nie was in der Architektur, jedenfalls nicht immer und zu hundert Prozent das, was man sich vorgenommen hat.

Aber wenn man es mit anderen Projekten vergleicht, auch Häusern, die wir gemacht haben, dann kann man wohl sagen, dass es zu den Gebäuden gehört, die im Moment den aktuellen Stand der Nachhaltigkeitsentwicklung darstellen.

Nachhaltigkeit=Nachhall, wer gut baut, bleibt im Gedächtnis der Geschichte. Könnte das ein Ansporn sein?

Einer unserer Leitsätze, die wir im Büro für unsere Arbeit aufgestellt haben ist, dass ein Haus dann gut ist, wenn man nicht gleich nach dem Architekten fragt. Es gibt Gebäude die sprechen, andere schweigen, ganz wenige singen …

… und dieses hier, singt es?

Das weiss ich nicht … aber der Wunsch, dass es das tun möge war da, klar! Das hat aber nichts mit dem Autoren zu tun, sondern mit den Eigenschaften des Werks, das für sich steht.

Artikuliert sich die Werkeigenschaft auch in seinem Material? Was empfehlen Sie einem Kollegen, der auch mal nachhaltig bauen will für ein Material, einen Materialmix?

Ich würde ihm erstmal sagen, dass er nicht so bauen soll wie wir, sondern so, wie er die Welt sieht, sie interpretieren will. Auf diesem Wegen wird er selbst zu Lösungen gelangen, die ganz unterschieden sein können von denen, wir wir erarbeiten.

Es kann ja auch nachhaltig sein, temporäre Architekturen zu realisieren. Dauerhaftigkeit per se ist nicht grundsätzlich Nachhaltigkeit.

Jetzt ist das Museum fertiggestellt. Wie ist Ihr Gefühl, kommen Sie noch hierhin, um diesen für Sie sicherlich wichtigen Bau noch einmal und vielleicht auch ein drittes Mal noch anzuschauen?

In der Regel gehen wir nicht mehr zu den Häusern, die wir gebaut haben. Man hat sie übergeben, sie ins Leben, ihren Nutzen überlassen. Die haben ihr eigenes Leben, müssen groß werden. Und dann ist es vielleicht so wie mit den Gedichten, die man in den Jugendjahren geschrieben hat, die man viel später noch einmal liest und rote Ohren dabei bekommt … ja, s ist kein fehlerfreies Haus … nicht bezogen auf Benutzung, Konstruktion oder die Technik. Wahrscheinlich hätte man mehr hier oder da dran machen können. Das sage ich ganz offen, aber wer anderes behauptet ist sich selbst gegenüber wohl auch nicht ehrlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das anders geht!

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