Ein Haus trägt Kappe Uefa-Verwaltungs- gebäude in Nyon/CH

Wie sich Energieeffizienz und Ästhetik stimmig verbinden lassen, zeigt das neue Verwaltungsgebäude der Uefa in Nyon. Die gewölbte, dreifachverglaste Fassade filtert Licht und Wärme ins Haus und rahmt den Blick auf den Genfer See. Vor zu viel Sonne schützen markant geschwungene Vordächer aus Sichtbeton, von den ­Architekten „Schirmmützen“ genannt.

Von der Kantonsstraße aus kann man den Hauptsitz des Europäischen Fußballverbands Uefa in Nyon leicht übersehen. Der dreigeschossige Flachbau, in dem unter anderem die Spiele der Champions League ausgelost werden und über Sperren wie jüngst gegen Bayern-Star Frank Ribery entschieden wird, verbirgt sich – in einen Abhang eingebettet – diskret hinter Bäumen; nur zwei aufgesetzte Glaspavillons lugen hervor. Nach Süden öffnet sich der gläserne Riegel zum Genfer See. Bei gutem Wetter blicken die Mitarbeiter vom Schreib­tisch aus auf die Savoyer Alpen und das Mont Blanc Massiv.

Trotz aller Leichtigkeit, die das vorherige Gebäude des Pariser Architekten Patrick Berger verkörpert: Von innen platzt es quasi aus allen Nähten. Als der Uefa-Hauptsitz im Oktober 1999 eröffnet wurde, fanden hier 130 Angestellte Platz. Mittlerweile hat sich die Zahl der Mitarbeiter etwa verdreifacht. Höchste Zeit also für eine Erweiterung: Die Uefa entschied sich für ein neues Verwaltungsgebäude in unmittelbarer Nähe. Der Neubau liegt direkt gegenüber dem Hauptsitz, auf der anderen Seite der Kantonsstraße, in einem mit Bäumen bepflanzten Park. Auf 6 000 m² – verteilt auf vier Etagen – bietet er Raum für 240 Mitarbeiter.

Wie beim Uefa-Hauptsitz lautet das beherrschende Thema des Hauses: Transparenz. Inmitten des Parks entwarfen die Genfer Architekten Bassi Carella einen pavillonähnlichen Rundbau, mit einem zentralen Innenhof und einer lichten, fast schwerelos wirkenden Hülle aus Glas. Dank eines klugen Energiekonzepts erfüllt das Gebäude den Minergie-Eco-Standard, einen der wichtigsten Qualitätsstandards für energieeffiziente Gebäude in der Schweiz. Bislang sind landesweit nur 66 Bauten nach Minergie-Eco zertifiziert.

Ein Erlebnis in Sichtbeton

Ein 130 m langer Tunnel aus Sichtbeton verbindet den Hauptsitz mit der neuen Verwaltung und führt die Mitarbeiter unter der Kantonsstraße hindurch. Der Tunnel ist mehr als eine schlichte Röhre, er ist ein Erlebnis. Im ersten Drittel des Gangs öffneten die Architekten die linke Seitenwand und hauchten so der Passage Leben ein. Raumhohe Betonstützen wechseln mit senkrechten Glasschlitzen und tauchen den Gang rhythmisch in Licht und Schatten. Da der Weg neben dem Tunnel steil ansteigt, werden die Schatten mit jedem Schritt kürzer – bis nur noch Kunstlicht den Tunnel erhellt. Auch die Deckenhöhe variiert zwischen 2,50 m und 4,50 m; erst geht es leicht hinauf, später hinab. Von der üblichen Monotonie eines Durchgangs ist nichts zu spüren.

Tritt man aus dem dunklen Tunnel, folgt eine Art „Arena-Effekt“: Das Parkgelände ist vor dem Haupteingang heruntergezogen, so dass der Blick allein auf dem kreisrunden Neubau und seinen markant geschwungenen Vordächern ruht. Die weichen Kurven der Dächer, der hellgraue Beton und die zeichenhafte Form erinnern ein wenig an die wellenförmigen Sonnenblenden, mit denen einst Oscar Niemeyer das größte Wohnhaus der Welt, das Copan in Sao Paulo, schmückte.

Die schwingende, heitere Gestaltung setzt sich im Park fort, den mit Grün bepflanzte Inseln und orange eingefärbte Kieswege durchziehen. Zum Eingang hin wurde das Gelände etwas heruntergezogen. Einer der Kieswege führt in eine zweigeschossige Tiefgarage, die sich unter einem Grashügel verbirgt. Kreisrunde Oberlichter filtern Licht und Luft in die Garage und ersetzen so eine künstliche Belüftung. ­Die beiden weitgehend im Gelände vergrabenen Untergeschosse neh­men den Personaleingang sowie Technik, Archive und Depots der Uefa auf.

Licht, Luft und ein grasgrüner Teppich

Durch Schiebetüren betritt man ein kompaktes, unscheinbares Foyer. Was hier an Repräsentationsflächen gespart wurde, kommt den oberen Etagen zugute. Jedes der Bürogeschosse ist als offener, lichtdurchfluteter Allraum gestaltet. Geschwungene Glaswände rahmen den Blick auf den Park und den zentralen, mit Bäumen bepflanzten Innenhof. Weder Trennwände noch Jalousien stören die Sicht.

Hüfthohe Schrankwände fassen die Arbeitsplätze zu kleinen Gruppen zusammen. Für vertrauliche Gespräche hockt man sich etwas abseits in Sesselgruppen. Konferenzräume und Direktorenzimmer wurden mit Glaswänden akustisch abgetrennt, ohne die allseitige Transparenz zu stören. Wer neugierigen Blicken entgehen möchte, zieht einfach die innenliegenden Vorhänge zu.

Drei kreisrunde Erschließungskerne bündeln Treppen, Aufzüge, WC und eine kleine Teeküche. Die Kerne sind – ebenso wie die Rundstützen und die ovalen Treppenaugen – mit Edelstahlblechen verkleidet, um das Licht besser zu reflektieren und im Raum zu verteilen. Den einzigen, aber wirkungsvollen Farbakzent setzt ein grasgrüner Teppich, der sich wie eine (Fußball-) Spielwiese auf der Etage ausbreitet.

Fassade und Energiekonzept

Das umlaufende Fassadenband besteht aus 2,70 m hohen und 2,45 m breiten, gewölbten Glaselementen. Jedes der Gläser ist an der ­Decke und am Boden eingespannt, auf Blendrahmen konnte weitgehend verzichtet werden. Eine Dreifachverglasung vermindert im Winter thermische Verluste und filtert zugleich Wärme ins Haus.

Die umlaufenden Vordächer aus vorfabriziertem, hellgrauem Sichtbeton verhindern einen Hitzeüberschuss. Die Architekten nennen die Dächer liebevoll „Schirmmützen“. Je nach Himmelsrichtung kragen sie unterschiedlich weit aus: im Norden und Osten um 1,80  m, im Süden um bis zu 3 m. „Dank der Vordächer konnten wir auf elektrische Storen verzichten und sparen die Kosten für Installation und Betrieb“, sagt Architekt Andrea Bassi. Um Blendung auch im Winter auszuschließen, wurden zusätzlich Innenvorhänge angebracht.

Fenster sucht man im ganzen Haus vergebens. Stattdessen erhitzt ein Wärmetauscher die Frischluft von außen mit Hilfe warmer Abluft und führt sie den Räumen zu. Den Luftwechsel übernimmt eine mechanische Lüftung. Vor der Glasfront sind Lüftungsschlitze bündig in den Boden eingelassen. Die Abluftschlitze sitzen versteckt unter der Decke am Rand der Erschließungskerne.

Zum Heizen und Kühlen nutzt das Gebäude eine geothermische Wärmepumpe. 35 Erdsonden holen je nach Bedarf Wärme bzw. Kälte aus einer Tiefe von 200 m. Im Kontakt mit dem Boden wird die zirkulierende Kühlflüssigkeit im Sommer auf 13° C abgekühlt und genutzt, um die Büros zu klimatisieren. Im Winter holen die Sonden Wärme aus der Tiefe und setzen sie zum Heizen ein. „Die aus dem Boden ­geholten Kalorien für die Heizung geben wir im Sommer wieder für die Klimatisierung zurück“, sagt Projektleiter Stefano Marello. „Dieses Gleichgewicht im Einklang mit den Jahreszeiten ist wichtig, da es verhindert, dass das Gelände auslaugt.“ Die Warmwasserbereitung übernimmt eine 220 m² große Solarkollektor-Anlage auf dem Dach. Photovoltaikmodule mit einer Leistung von 30 KW versorgen das Haus mit Strom.

Kunststoff für die Betondecken

Um den Minergie-Eco-Standard zu erfüllen, wurden neben einer kom­pakten, gut isolierten Bauhülle und einer effizienten Lüftung auch gesundheitliche und bauökologische Kriterien berücksichtigt, wie geringe Lärmemissionen, eine einfach rückbaubare Konstruktion und ein hoher Anteil an Recyclingbaustoffen.

Mit Hilfe der Cobiax-Technologie konnte das Eigengewicht der Betondecken um die Hälfte gesenkt werden: Dabei werden Kugeln aus rezykliertem Kunststoff in den Bewehrungs­körben eingesetzt, so dass Deckenstärke, Bewehrung und die Vorspannung der Betonplatten kleiner ausfallen. Eine clevere Idee, die bei der Swissbau 2010 mit dem Umweltpreis der Schweiz belohnt wurde.

„Wir sehen die Vorgaben für energieeffizientes Bauen als kreativen Impulsgeber“, sagt Bassi. Uefa-Präsident Michel Platini wird es gefallen: Nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren hatte er die „Respekt“-Kampagne ins Leben gerufen. Eines ihrer Mottos: „Respect the Environment.“ Michael Brüggemann, Mainz

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