Digitalisierung – der Schlüssel zu nachhaltigeren Bauprozessen?

Das Thema Digitalisierung im Architektur- und Ingenieurbüro ist nicht neu. Seit in den 1990er-Jahren die ersten CAD-Programme Einzug in die Büros gehalten haben und in den letzten 10 Jahren BIM-basiertes Planen hinzugekommen ist, schreitet die Entwicklung stetig voran. Doch es scheinen immer noch erhebliche Vorbehalte gegenüber digitalen Planungs- und Bauprozessen zu bestehen und die Baubranche wird – im Vergleich zu anderen – gemeinhin als nur wenig innovativ und „unterdigitalisiert“ wahrgenommen. Insbesondere die Schnittstellen zwischen den am Prozess Beteiligten und der nach wie vor nicht durchgängige Prozess von der Planung über die Ausführung zum Betrieb und evtl. Rückbau eines Gebäudes sind immer wieder Anlass zur Diskussion.

Passend zum Thema trafen wir uns zu dieser Expertenrunde rein digital. Am virtuellen Tisch konnten wir Knut Stockhusen, sbp, Alexander Rieck, LAVA/Fraunhofer, Hubert Fritschi, Schöck, und Steffen Szeidl, Drees & Sommer, versammeln, um ihre Positionen zu bestimmen, zu diskutieren und zu bewerten.

Diverse Leuchtturmprojekte wie z. B. der Energiespeicher Heidelberg, das Cube, Berlin, oder das Bürogebäude Obere Waldplätze 12 zeugen von den Möglichkeiten und Potentialen digitaler, nachhaltiger Planungs- und Bauprozesse. Aber wo stehen wir tatsächlich, auch im internationalen Vergleich?

Rieck: In Deutschland sehe ich sogenannte Leuchtturm-Projekte nur punktuell. Ein wirklicher Schritt nach vorne wäre es, ein Quartier komplett nachhaltig und vor allem auch günstiger zu errichten.

Szeidl: Die behördlichen, rechtlichen Vorgaben sind hier vergleichsweise streng und stark lobbyistisch geprägt. Dies führt vielfach zu einer gestalterischen Eintönigkeit, die allein auf Energieeinsparung durch Dämmung ausgerichtet ist. So restriktiv ist das im Ausland nicht. Nachhaltigkeit entsteht ja vor allem auch durch architektonische Qualität, die Nutzungsmischung in den Quartieren. Dies wird in Deutschland immer noch zu wenig beachtet.

Stockhusen: Nachhaltige Leuchtturmprojekte leben von Innovation. Diese bis zur Realisierung durchzuhalten ist natürlich durch Preisdruck und konventio­nelle Planungs- und Fertigungsabläufe besonders herausfordernd. Letztendlich müssen wir dahin kommen, dass wir, gestützt durch neue digitale Möglichkeiten und Schnittstellenorganisation, nachhaltigere Gebäude auch günstiger machen. Zurzeit bedeutet es, vor allem auf der Bauherrnseite, noch zusätzliche Investitionen und die Bereitschaft, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Ich bin überzeugt, dass sich dieser Pioniergeist im Laufe der Zeit auszahlt. Bis dahin ist es eben unabdingbar, dass solche Projekte gefordert und auch gefördert werden. Wir müssen Lehren aus internationalen Herangehensweisen ziehen und mit den hiesigen abgleichen, um insgesamt daran zu wachsen.

Wie können nachhaltige Projekte denn auf längere Sicht gesehen günstiger werden?

Szeidl: Ich sehe ein wesentliches Hindernis in dem nach wie vor vorherrschenden Black-Box-Denken – Planen, Bauen, Betrieb. Dies zieht sich auf allen Ebenen durch und hat die ganzen Jahre ja auch gut funktioniert. Aber wir müssen weg von der alleinigen Betrachtung des Erstinvests hin zu einer Betrachtung des ganzen Lebenszyklus kommen. Hier gibt es zwei wesentliche Stellschrauben: zum einen das Regulative, z. B. darf es einfach nicht günstiger sein sich CO2-Zertifikate zu kaufen anstatt tatsächlich an der Einsparung zu arbeiten, zum anderen sehe ich einen gesellschaftlichen Aspekt – wegweisende Projekte müssen sichtbarer werden und sich mehr im Bewusstsein aller verankern. Daraus werden dann auch entsprechende Forderungen resultieren.

Wie sehen Sie es von der Herstellerseite aus, fühlen Sie sich hier ausreichend und frühzeitig genug in die Planungsprozesse eingebunden?

Fritschi: Nein, eingebunden sind wir in diese Prozesse nicht wirklich, aber wir versuchen proaktiv zu agieren und die besten Produkte zur Verfügung zu stellen, auch wenn wir uns nur in einer kleinen Nische bewegen, wohlwissend, dass oft nur der Preis entscheidet.

Stockhusen: Planung und Fertigung bzw. Realisierung sind bei vielen Verfahren noch zu weit voneinander entfernt. Solange durch ein innovatives Team gewonnene Wettbewerbe in Folge noch zur Planung/VGV ausgeschrieben werden und Vergabekriterien honorarlastig sind, kommt es nicht zu einer optimalen Lösung für den Bauherrn. Eine ganzheitliche, nachhaltige Planung gerät damit schnell wieder ins Hintertreffen. Und vor allem beim Übergang zur Produktion bleibt so von der ursprünglichen Entwurfsidee even­tuell nicht mehr viel übrig. Die konsequente digitale Projektentwicklung und Übergabe und Nachverfolung der Schnittstellen (quasi die Blockchain der Baubranche) kann dies verbessern.

Szeidl: Aber auch in Deutschland lässt das Vergaberecht andere Themen zu. Beispielsweise lässt sich mit BIM, das immer noch ein Innovationsthema ist, auch eine freihändige Vergabe machen. Dieser Weg wird nur leider zu selten gewagt. Unsere Nachbarn in der Schweiz haben eine sehr vergleichbare Honorarordnung, aber oftmals werden der günstigste und der teuerste Anbieter bereits im Vorfeld ausgeschieden. Dies führt insgesamt zu einer realistischeren Honorarplanung.

Rieck: Aus meiner Sicht tut man sich in Deutschland aufgrund der Zersplitterung des Marktes und der Regulierung der einzelnen Teilnehmer zu schwer. Viel wird auf der Produktebene geregelt, die übergeordnete Sicht auf das Bauwerk, das Quartier fehlt. Als Architekt habe ich gar nicht die Möglichkeit, mein übergeordnetes Ziel zu erreichen, z. B. ein CO2-neutrales Quartier zu errichten, weil der Weg dorthin nicht offen, sondern mit einer sehr kleinteiligen, sich zum Teil auch widersprechenden Normenstruktur verengt wird. Wenn wir das nicht grundsätzlich in den Griff bekommen, werden wir insgesamt gesehen nicht viel weiterkommen, Digitalisierung hin oder her. Wir müssen Bauen mehr als ganzheitlichen Prozess betrachten, mit Teams, die sich anpassen und ergänzen und immer das Große und Ganze im Blickfeld haben.

Wie kann das gelingen?

Rieck: Die Frage ist zunächst, woher kommt das? Das liegt zum einen an unserem traditionellen Standesdenken, das eine Erneuerung von Prozessen verhindert, und dies wird durch die Rechtsprechung, nicht mal durch Gesetze, über Haftungen manifestiert. Aber ich glaube, dies wird sich überholen, wenn die ersten ganzheitlich geplanten und gebauten Projekte auch auf der Kos-tenseite überzeugen – aber das muss halt mal einer machen! Möglichkeiten dazu gäbe es auch in Deutschland, z. B. im Rahmen der IBAs, aber oftmals fehlt einfach der Mut. Unter Zugzwang werden wir kommen, wenn international die ers­ten Projekte Schule machen. Wenn z. B. die Vorgabe bestehen würde, ein CO2-neutrales Quartier zu erstellen, dann wäre das schon heute möglich. Aber den Investoren müsste klarwerden, das geht nur mit digitalen Prozessen.

Stockhusen: In der Digitalisierung steckt doch eine große Chance in Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus mit Wissens- bzw. Informationserhalt. Je länger und flexibler das Gebaute genutzt werden kann, desto besser ist es. Eine entsprechende Dokumentation und Nachverfolgbarkeit kann zukünftige Nutzungsänderungen aufzeigen und ermöglichen. Hier liegt die Chance im nachhaltigen Umgang mit Bestand.

Szeidl: Ich sehe auch in der Ausbildung Nachholbedarf und modulare Bauweisen werden z. B. viel zu wenig in Betracht gezogen. Ein weiteres Thema sind die Versicherungen. Wenn wir hier gute Lösungen haben, ist der ein oder andere Kunde sicher bereit, ein höheres Risiko einzugehen. So könnte ebenfalls Bewegung in die Sache kommen.

Werden sich denn zukünftig auch die Berufsbilder verändern?

Rieck: Das wird ganz sicher so sein. Und die Dynamik nimmt schneller zu, als die Berufsausbildung hinterherkommt. Das ist aber nicht kritisch und in allen Disziplinen so. Die Märkte und Technologien entwickeln sich inzwischen so schnell, dass es kaum möglich ist, Schritt zu halten. Aber es ist wichtig, dass man offen bleibt für die Entwicklung und versucht, diese bestmöglich zu integrieren. Es kann nicht sein, dass man sich immer nur gegenseitig den Schwarzen Peter zuschiebt, nach dem Motto, erstmal muss sich in der Ausbildung was ändern, dann können wir auch in den Büros anders agieren. Wir versuchen jedenfalls integrativ zusammenzuarbeiten, z. B. mit Partnern wie sbp oder Dress & Sommer, und dadurch das Gebäude gemeinsam zu verbessern. Für das Gesamtsystem sind wir gemeinsam verantwortlich, da muss jeder mal über seinen eigenen Schatten springen und auch offen sein für die Belange des Anderen.

Stockhusen: Die Berufsbilder ändern sich doch schon. Bereits jetzt haben wir weiterführende und  automatisierte Prozesse implementiert, maßgeblich beeinflusst durch die digitalen Skills der jungen KollegInnen, die z. B. zu optimierten Geometrien und Kraftflüssen und damit zu reduziertem Verbrauch von Ressourcen führen, die sich dann auch in der Architektur widerspiegeln. Von KI würde ich noch nicht wirklich sprechen, aber auch die wird kommen. Es ist wichtig, diese Tools zu beherrschen, sie aber als Hilfsmittel und vor allem als Hilfe zu begreifen. Das gilt insbesondere für BIM. Zusammenarbeit wird auch in Zukunft Motivation und Freude verlangen, digitale Tools müssen dafür funktionieren und Abläufe erleichtern. Dann kann Innovation stattfinden, und digitale Tools können diese Kollaborationsprozesse einfach verbessern.

Und dies bedeutet eine andere Form der Zusammenarbeit?

Szeidl: Um nochmal auf die Leuchtturmprojekte zurück zu kommen - die sind doch in erster Linie auch nur dazu geworden, weil das Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert hat. Aber BIM wird nicht alles lösen – nur, weil man einen analogen, schlechten Prozess digitalisiert, wird er in keiner Weise besser, da muss man ansetzen.

Stockhusen: Ja, das ist richtig, die Prozesse müssen neu und über alle Disziplinen und Phasen gedacht werden und dafür ist Erneuerung erforderlich – das kostet Geld und findet großteils auch außerhalb eines Projekts statt. Dazu braucht es Bereitschaft. Dies kann durch entsprechende Förderung wie zum Beispiel steuerliche Erleichterungen für Innovationsprojekte geschehen. Ein anderes Thema sind Start-ups. Die Bereitschaft von Investoren in Start-ups zu investieren ist ­diametral anders als einfach in innovative Bauvorhaben zu investieren. Hier gibt es auch für PlanerInnen Potential zur Zusammenarbeit.↓

Fritschi: Aufgrund unserer Markführerschaft sehen wir uns auch in der Pflicht, in Innovationen zu investieren. Das ist für uns ein Investment in die Zukunft. Früher haben wir in erster Linie in die Produktentwicklung investiert, heute sehen wir Riesenchancen in der Digitalisierung und dem Kunden dadurch Vorteile zu verschaffen. Dafür muss aber eben auch entsprechendes Personal abgestellt werden, sonst kann man das aus eigener Kraft nicht schaffen.

Wie lang müssen wir auf eine wirkliche Veränderung der Prozesse noch warten?

Fritschi: Die Geschwindigkeit wird zunehmen, aber es wird nicht sprunghaft sein. Es kommt ja nun eine Generation, die es gewohnt ist, digital zu handeln. Gerade das Handwerk wird durch den vermehrten Einsatz digitaler Tools wieder an Attraktivität gewinnen.

Stockhusen: Das merken wir auch bei neuen BewerberInnen. Und auch eine dynamische und junge Führungsriege ebnet Wege für neue Arbeitsweisen. Das ist auch richtig so, man lernt voneinander und kommt so zu besseren Ergebnissen. Es ist toll, an solchen Prozessen Teil zu haben, aber ich denke, man muss der Entwicklung von neuen Prozessen auch Zeit geben und bereit sein auch mal in einer Sackgasse zu landen.

Szeidl: Ich glaube, die nächsten fünf Jahre werden so dynamisch wie die letzten zwanzig. In der Planung hat sich schon unheimlich viel getan, wir werden in den nächsten Jahren nun viel auf der Baustelle sehen. Denken Sie nur an Katerra in den USA. Hier wird es neue Player auf dem Markt geben, die sehr stark aus der Produktion herauskommen und neue Messlatten setzen.

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