Davon brauchen wir mehr

Acht Monate Winter, wer wollte da leben?! Das Engadin, ein Schweizer Hochtal, ist eigentlich nicht geeignet für dauerhaftes Wohnen. Aber der Mensch, ein anpassungsfähiger Organismus, entwickelte über Jahrhunderte eine komplexe Hausform, die den Arbeits- und Nichtarbeitsanforderungen angepasst wurde. Mauerstärken, Konstruktionsformen, Raumdispositionen, Raumfolgen. Wie was zu wem liegt. Irgendwann war nichts mehr zu opitimieren, das Engadinhaus stand. Und steht noch bis heute, allerdings von Abriss, Verfall oder platten Umbauten gefährdet.

Der Schweizer Architekt Hans-Jörg Ruch hat den Wert dieser Häuser erkannt. Er hat sie archäologisch erforscht und in ihnen nur das gemacht, was sie ihm erlaubten zu tun. Interventionen nennt er das, es erscheint einem mehr. Auf jeden Fall, wenn man die vorliegende, insgesamt großartige Publikation studiert, die zehn seiner Interventionen dokumentiert. Eingeleitet von einem ganz persönlichen Bekenntnis zum Umgang mit diesen wertvollen Bauten, vertieft über einen die historischen wie die typologischen Details erläuternden Essay der Kunsthistorikerin Seifert-Uherkovich werden die wunderbaren Bauten anschließend noch einmal aus Architektensicht geschildert. Und ob es daran liegt, dass Texte, Grundriss- wie Schnittzeichnungen und die das Ganze kunstvoll in Szene setzenden Fotos die Häuser plastisch werden lassen, oder ob die Sehnsucht des Rezensenten nach solcher Authentizität in der Architektur hier gestillt wird: Man sollte nicht nur jedem Architekten dieses Buch auf den Tisch legen, sondern auch jedem privaten Bauherren, Investor und Bauminister.

Über alles Emotionale hinaus gilt dem Verlag ein großes Lob, das Ganze auf selten geworden hohem handwerklichen Niveau publiziert zu haben. Davon brauchen wir mehr, von den Ruch-Interventionen sowieso.

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