Das modulare Bauen – ein kollaborativer Prozess

Ein Interview mit Nicole Steinmetz, Leiterin Technik und Vertrieb ALHO

Wie gehen Standardisierung und Gestaltungsfreiheit zusammen? Diese Frage stellen sich ArchitektInnen im Zusammenhang mit der Modulbauweise immer wieder. Wichtig dabei ist es zu verstehen, dass die durch die Bauweise vorgegebenen Abläufe und Prozesse keine Einschränkung für ArchitektInnen in der Gestaltung bedeuten, sondern in vielen Punkten eine Hilfestellung bieten und Sicherheit geben. Die Wahrscheinlichkeit von Planungsfehlern und Mängeln in der Ausführung, die in der Unikatfertigung hoch ist, werden durch die Prozesse im seriellen Bauen reduziert. Wie sich ArchitektInnen kollaborativ in den Planungsprozess einbringen können, welche Freiheiten sie dort genießen und welche nachhaltigen Innovationen zu erwarten sind, erläutert Dr. Nicole Steinmetz, Leiterin Technik und Vertrieb bei ALHO.

Bei modularem Bauen denkt man vor allem an die Zeitersparnis. Wie kann trotz des schnelleren Bauprozesses eine höhere Qualität erreicht werden?

Nicole Steinmetz: Hier betrachte ich gerne sowohl den Planungs- als auch den Ausführungsprozess. Zunächst zum Planungsprozess: Aufgrund der modularen Bauweise haben wir viele standardisierte Planungsdetails. Wir erfinden das Rad sozusagen nicht immer wieder neu. Wenn wir neue Details entwickeln, werden diese von unseren im Unternehmen beschäftigten Architekten und Ingenieuren – z. B. Bauphysikern, Brandschützern und Statikern – auf das Genaueste geprüft. Die Wahrscheinlichkeit, einen Planungsfehler zu begehen, die bei der Unikatfertigung hoch ist, ist damit bei uns wesentlich geringer.
Nun zum Ausführungsprozess: Im Vergleich zum konventionellen Bauen wird unser Produkt witterungsunabhängig in einer Halle gefertigt. Betrachten Sie einmal die normalen Baustellenbedingungen im konventionellen Bau: Kälte, Regen, Schnee, zunehmend zu starke Sonneneinstrahlung bzw. zu hohe Temperaturen für den korrekten Einbau von Beton – alle diese Themen kennen wir bei der Modulbauweise nicht. In unseren beheizten Produktionshallen herrschen das ganze Jahr über die Umgebungstemperaturen, welche die von uns verwendeten Baumaterialen für die optimale Verarbeitung benötigen. Zudem sind die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter optimiert. Mir persönlich ist ein weiterer Punkt aufgefallen: Es gibt am Bau bekanntlich Toleranzen, diese bewegen sich im Massivbau im Zentimeterbereich. Wir denken in unserer Produktion in Millimetern. Ich finde, dies sagt auch schon viel aus.

Was muss ich als ArchitektIn im Entwurfsprozess beachten, wenn ich mit Modulen bauen möchte?

Nicole Steinmetz: Zunächst einmal sollten Sie frühzeitig mit uns Kontakt aufnehmen. Wir mögen Planen und Bauen, und das Tollste dabei ist die gemeinsame Projektarbeit mit Dritten. Unsere Planer und Ingenieure sprechen gerne mit Ihnen erste Entwurfsideen durch. Im Modulbau können nahezu alle Grundrisse abgebildet werden, sofern sie in rechteckige Formen aufgeteilt werden können. Kritisch sind für mich in erster Linie die Geschosshöhen. Höhen von mehr als 3,6 m sind ungünstig. Nicht, weil wir diese nicht herstellen könnten, sondern aus einem einfachen Grund: Da wir die Module zum Einsatzort transportieren müssen und die lichte Höhe unter Brücken ein Limit darstellt.

Schränkt mich die Modulbauweise in meiner Gestaltungsfreiheit ein?

Nicole Steinmetz: Ein klares „Ja“ und ein klares „im Gegenteil“. Zunächst zu „Ja“: Ein Atrium mit 6 m Höhe kann man mit einem einzigen Modul nicht verwirklichen. Jedoch haben wir dies schon gebaut – aus mehreren Modulen mit einer dazwischen gespannten Decke. Rundungen können wir auch nicht anbieten. Polygonale Lösungen funktionieren schon eher.
Aber ich sagte auch: „Im Gegenteil“. Modulgebäude zu entwerfen, schränkt Architekten grundsätzlich nicht ein – es kann im Gegenteil eine neue Kreativität entstehen. Ganz einfach, weil mehr Zeit für den kreativen Prozess zur Verfügung steht. Der Architekt kann den Kunden umfassend beraten, bei Bedarf auch leiten und dessen Wünsche dann im Entwurf abbilden. Warum hat der Architekt mehr Zeit? Weil wir erprobte Ausführungsdetails beisteuern können, die dann später den Zeitrahmen für die Ausführungsplanung verkürzen. Zusammengefasst: Mehr Zeit für den kreativen Part, weniger Zeit für die Standard-Anforderungen.

Was erwarten Sie in der Zusammenarbeit mit ArchitektInnen? Welche Erfahrungen haben sie hier in den letzten Jahren gemacht? Was lief besonders gut, was weniger?

Nicole Steinmetz: Hier gibt es keine großartigen Unterschiede zum konventionellen Bauen. Der Architekt sollte zu einem möglichst frühen Zeitpunkt die Abstimmung mit ausführenden Firmen suchen. Und später gelten die allgemeinen Anforderungen an eine gute Zusammenarbeit im Team: gute Kommunikation, frühzeitiges Ansprechen von kritischen Themen – jeder erbringt eine professionelle Leistung. Zufriedene Kunden und Projektteilnehmer haben wir immer dann, wenn die Bauherren, Architekten und ausführenden Unternehmen auf der gleichen Seite stehen und nicht konfrontativ miteinander umgehen.

Lassen sich verschiedene Bauweisen miteinander kombinieren? Was muss ich dabei beachten?

Nicole Steinmetz: Auf jeden Fall lassen sich unterschiedliche Bauweisen miteinander verbinden. Oft lässt sich dieses auch gar nicht vermeiden. Eine Unterkellerung führen wir in massiver Bauweise durch. Wir haben eigene Fachleute im Unternehmen, die sich mit der Massivbauweise auskennen und die Schnittstellen im Griff haben.
Werden Sie immer noch häufig mit dem Vorwurf konfrontiert „nur Container übereinander zu stapeln“? Was halten Sie dem entgegen?
Nicole Steinmetz: Glücklicherweise ändert sich das mehr und mehr. Und weil die Architekten, mit denen ich arbeite, den Unterschied zwischen Containern und Modulgebäuden inzwischen sehr genau kennen, habe ich persönlich diesen Vorwurf noch nie gehört. Aber stapeln tun wir ja tatsächlich. Natürlich im Millimeterbereich und vorschriftsmäßig verschweißt. Im Vergleich zu einer Massivbaustelle ist der erweiterte Rohbau dann erheblich schneller fertiggestellt und zudem ohne die Lärm- und Staubemissionen einer konventionellen Baustelle. Innenausbau, TGA-Ausstattung und Fassade – hier gibt es keinen Unterschied zu konventionellen Bauwerken. Sie können die spannendsten TGA-Leistungen auch mit unserer Bauweise realisieren. Wir haben beispielsweise vor kurzem ein Projekt mit einer innovativen Eisspeicherheizung realisiert.

Welchen Einfluss hat die Materialwahl auf die Qualität und das Erscheinungsbild modularer Gebäude?

Nicole Steinmetz: Einen sehr großen! Wie aber im Übrigen auf alle Gebäude. Vielleicht kann man sich dem Thema über die Bauhaus-Philosophie annähern. Intelligente Nutzung von Ressourcen, pure Materialien verwenden, klare lineare und elegante geometrische Formen. Keine unnötigen Verzierungen. Modulgebäude sind massiven Bauten qualitativ auf jeden Fall ebenbürtig.

Welches Material ist für welche Bauaufgabe besonders gut geeignet?

Nicole Steinmetz: Tatsächlich sollte man sich die Bauaufgabe im Detail ansehen. Eine pauschale Antwort sehe ich hier nicht. Aktuell ist ein Trend zum Holz erkennbar. Holz wird sowohl in der Tragstruktur als auch für Fassaden eingesetzt. Wenn wir nachhaltiger bauen möchten, ist Holz auf jeden Fall ein geeigneter Baustoff. Er hat aber auch Nachteile, z.B. benötigt er größere Querschnitte. In Kombination mit anderen Baustoffen, kann man diese Nachteile aber ausgleichen. Wir bieten daher beispielsweise ein Holzhybridmodul an.

Wie kann ich durch Modulbau die Nachhaltigkeit eines Gebäudes erhöhen?

Nicole Steinmetz: Hier können wir gleich mit mehreren Aspekten punkten. Beginnen wir mit der geringeren Verschwendung: Durch die industrielle Lean-Fertigung und den intelligenten Einsatz der Ressourcen haben wir einen optimierten Materialeinsatz. Die Reste der Fertigung werden gesammelt und den Lieferanten wieder zugeführt, damit diese in den Produktionsprozess gegeben werden können. Sieht man Zeit auch als Ressource, ist dies eine weitere Stellschraube für Nachhaltigkeit.
Zum zweiten verursachen wir mit der Modulbauweise erheblich weniger Emissionen auf der Baustelle. Aufgrund der Modul-Vorfertigung werden Schmutz, Lärm und Bauabfälle auf ein Minimum reduziert. Besonders bei Erweiterungen von Klinken oder Altenheimen oder dem Schließen von Baulücken und der Nachverdichtung im Wohnungsbau ist dies für die Bewohner bzw. Patienten weit weniger belastend. Und was den viel zitierten CO2-Fußabdruck angeht: Dieser ist bei unserer Bauweise wesentlich geringer. Bei unserem Holzhybridmodul ist der Effekt sogar noch größer, Vergleichsrechnungen haben ergeben, dass wir hier je nach Größe des Moduls und bei Betrachtung des Produktionsstadiums A1-A3 bis zu 64 % CO2 -Äquivalente einsparen können.
Am Ende des Gebäudelebenszyklus schließlich stehen bei uns nicht Abriss und Entsorgung, sondern der Rückbau: Sollte ein Gebäude nicht mehr genutzt werden, kann es umgesetzt oder rückgebaut werden, wobei die Materialien fast zu 100 % recycelt werden könnten.

Wo liegen für Sie als Unternehmen in Zukunft die höchsten Potenziale?

Nicole Steinmetz: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind sicherlich Bereiche, in denen das größte Potenzial liegt. Hier treiben wir unsere interne Forschung und Entwicklung voran. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist aber auch der Bereich Personal. Wir sind in der glücklichen Lage, hervorragend ausgebildete Mitarbeiter an unseren Standorten zu beschäftigen.

Gibt es ein modulares Gebäude, dass Sie persönliche für besonders gelungen halten und warum?

Nicole Steinmetz: Es ist zwar abgedroschen, aber für mich ist ein Gebäude besonders gelungen, wenn der Nutzer, wenn der Eigentümer es für gelungen hält. In einer Schule sollten Kinder besser lernen können, in einer Wohnung sollen sich die Bewohner wohl fühlen. Fazit: Wenn wir einen begeisterten Kunden haben, ist dieses Gebäude besonders gelungen. Wenn Sie jetzt aber mein Highlight kennen lernen wollen: Das Verwaltungsgebäude für die Wärme Hamburg GmbH. Wir haben das viergeschossige Modulgebäude in Rekordzeit fertiggestellt. Der ohnehin schon ambitionierte Bauzeitenplan konnte trotz Corona eingehalten werden. 

Dr. Nicole Steinmetz

Seit April 2021 ist Dr. Nicole Steinmetz als Geschäftsführerin der ALHO Systembau GmbH tätig und verantwortet zudem übergeordnet die Bereiche Technik und Vertrieb innerhalb der ALHO Unternehmensgruppe. Mit über 50 Jahren Erfahrung ist die ALHO Gruppe Pionierin im seriellen Bauen und beschäftigt aktuell fast 1 300 Mitarbeitende an fünf Produktionsstandorten, in 15 Niederlassungen und Vertriebsbüros. In den letzten Jahren hat sich die ALHO Systembau GmbH zum Marktführer im Seriellen Geschosswohnungsbau entwickelt. Individuell geplante, hochwertige Gebäude für Bildung, Arbeiten und Gesundheit vervollständigen das Leistungsportfolio. Frau Dr. Steinmetz hat jahrelange Erfahrung in der Bauindustrie und sieht im Modulbau das größte Potenzial für mehr Nachhaltigkeit im Bauen. Diesen Wandel will sie aktiv mit vorantreiben.

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