»Das können nur wir Architekten übernehmen«

Im Gespräch mit Peter Haimerl, München
Im Gespräch mit Peter Haimerl, München
Als Architekt in den Bielefelder Kunstverein eingeladen zu werden, ist durchaus eine Ehre. Dass diese Ehre im Zweijahrestournus dieses Jahr
Peter Haimerl zukam, verdankt er sicherlich der besonderen Art der fotografischen Projektepräsentation durch beierle.goerlich, dem Künstlerkollektiv Edward Beierle und Jutta Goerlich. Aber natürlich auch seinem Blick auf die Dinge des Bauens, die allerdings mit Heimat, Leichtbeton oder Spinnertum nicht zu erfassen sind. Er hatte Zeit für ein Gespräch am Rande, was wir gerne nutzten.

Der Architekt im Kunstverein? Ohne Modelle, Pläne, nur Fotografien: Geht das?

Peter Haimerl: Wir arbeiten eigentlich immer multimedial und die beiden Künstler sind schon lange Teil von vielen meiner Architekturprojekte. Darum hat sich hier eine Fotoausstellung auch angeboten. Das geht!

Ist die Einbeziehung von künstlerischer Arbeit Teil Ihrer Architekturvermarktung?

Klar, schön, dass Sie das so sehen. Aber natürlich sind die Arbeiten von dem Künstlerduo beierle.goerlich mit meinen Arbeiten zusammen entstanden, hier wurde also nichts nachträglich gelabelt oder so. Nein, wir sind über die Frage zusammen gekommen, wie man alte, marode Häuser fotografiert? Klassische Architekturfotografie würde die ganzen Geschichten, die in diesen sehr speziellen Häusern stecken, nicht erzählen können.
So war die schwarzgekleidete Frau, die Sie auf vielen Bildern finden und die für all die Geschichten, all die Stimmungen steht, Teil der Architektur oder zumindest Teil des Nachdenkens über Architektur. Und die Fotos haben auch die Architektur verändert, in Blaibach haben wir das gesehen.
Versteht sich ein Peter Haimerl im Kunstverein auch als Dienstleister am Bauherrn?
Ich habe mich, im Unterschied zu den meisten Architekten, immer schon als Künstler gesehen. Besser gesagt, ich sehe Architektur als Kunst an. Wenn ich Dienstleister für einen Bauherrn bin, dann liefere ich ein Kunstwerk ab. Das hat nichts mit Kunstmarkt, mit preziös oder hochintellektuell diskursiv zu tun. Die Bauherrn, die zu mir kommen, wollen den künstlerischen Aspekt für ihr Haus, sie wollen, dass ich als Künstler über die Bauaufgabe nachdenke. Ich bin also Dienstleister, nur anders.

Wie biegen Sie die Freiheit der Kunst mit der Pflicht zum regelrechten Bauen zusammen?

Über meine Haltung. Es gibt da den schönen Satz vom Gehry, der sich fragte, warum Bauherrn immer Architekten holen, wenn sie ihm dann sagen, was er zu machen hat! Dem schließe ich mich an, weil ich glaube, dass ein Architekt dem Bauherrn mehr anbieten muss, als er erwartet, mehr, als was er im Katalog gesehen oder sich in seinen Träumen vorgestellt hat.

Der Bayerische Wald ist Ihre Heimat, die Sie durch leichtfertigen Umgang mit dem Gebauten bedroht sehen. Hier haben Sie viele Projekte und Initiativen gestartet, Identität zu retten, indem Sie Häuser wieder bewohnbar gemacht haben. Braucht Ostwestfalen das vielleicht auch?

Ich habe im Bayerischen Wald mit meiner Arbeit begonnen, weil ich da ja herkomme. Das erste Haus, das ich umgebaut habe, war dann auch mein eigenes. Aber klar, es ist schon von Vorteil, wenn man die Mentalität der Region sehr gut versteht, die Konstellationen der Interessengruppen, Gründe für den Leerstand etc. Aber das Nichtwissen von der Geschichte des Dorfes und einer daraus resultierenden Entwurzelung, das ist ein universelles Phänomen, das man in Europa und bestimmt auch hier in Ostwestfalen antrifft.

Das Haus als Kunstwerk, das Dorf als Ort? Bekommt man das so einfach zusammen?

Ganz einfach! Ich sehe die Stadt, das Dorf als Einheit, die aus Häusern, Straßen, Plätzen usw. besteht. Deswegen sind wir auch in vielen städtebaulich beratenden Projekten.
Oder auch nicht mehr. In Viechtach, Ihrem Heimatort, funktionierte die Zusammenarbeit nicht.
Ach das … Aber kommen wir noch mal zu unserer Rolle in diesem Prozess der Suche nach Entwicklungsmöglichkeiten. Entweder beteiligen wir uns mit eigenen Projekten oder suchen nach konkreten Anknüpfungspunkten für die weitere Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass wir allein über ganz konkrete Planungen auch Visionen umsetzen können. So lange Visionen bloß eine Idee auf dem Papier bleiben, ist die Vision nicht wirklich.

Der Oberbürgermeister von Viechtach nannte Sie einen „positiven Spinner“. Er bezog das auf Ihre Forderung, das Gemeinwohl auch mal über das des Einzelnen zu stellen!?

Die Frage, was hier über was zu stellen ist, ist immer eine Frage der Perspektive. Als Bürger ist man per se für die Gesellschaft – deren Teil man ist – mitverantwortlich. Das impliziert auch, dass man sich auch über die Geschichte und deren Bedeutung für die Jetztzeit informiert und sie in einen größeren Zusammenhang setzt.
So gesehen ist Besitz immer nur für eine bestimmte Zeit und ist Teil einer größeren Gemeinschaft. Jede Entscheidung, die man für sich trifft, muss die Vergangenheit und Folgen für die Zukunft für andere Mitbürger mit einbeziehen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Da ist sie wieder, die Verantwortung! Aber kann ein Architekt das überhaupt, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig ein Büro mit Aufträgen am Leben halten?

Das Argument, man müsse aus wirtschaftlichen Zwängen heraus Abstriche am Ethos machen, kommt leider immer wieder. Dabei zeigen uns doch auch große Büros wie das von Volker Staab mit, ich glaube, gut 100 Kollegen, dass das überhaupt nicht sein muss! Hier spüre ich die sehr persönliche und verbindliche Haltung, dass es in der Architektur nicht nur ums Geld geht, nicht nur um das Aufrechterhalten des Betriebs. Den häufigen Hinweis auf die Abhängigkeit vom bösen Bauherrn sehe ich als schwache Ausrede. Im Gegenteil, viele Bauherrn warten doch darauf, dass man ihnen hilft, einen anderen Blick auf die Aufgabe zu gewinnen. Um am Ende wirtschaftliche und schöne Projekt zu erreichen.

Beschränkt sich Verantwortung auf das schöne Projekt? Wo bleibt die Gesellschaft?

Als Architekt muss ich Vorschläge machen, die begründet sind und an die ich selbst glaube. Daraus entstehen dann die Dinge, die für die Gesellschaft positive Auswirkungen haben. Es ist auch ein Risiko mit dabei, denn ich kann ja nicht garantieren, dass meine Vorschläge wirklich optimal ins Ziel führen. Ich habe eine große Verantwortung, wenn ich mit meinen Plänen in die Substanz eines Dorfes eingreife, da ich einfach nicht absehen kann, wohin das am Ende führen kann. Diesen Verantwortungsbereich können auch nur wir Architekten übernehmen, auch wenn wir das häufig nicht machen und uns auf die Anforderungen herausreden, die von außen kommen.
Wo spielen Architekten ihre Stärken denn aus?
Dort, wo Architektur Mehrwert schafft. Wo der Architekt bessere Räume macht, wo man sich wohl fühlt, Räume, die nicht so zugemüllt sind oder wenn sie zugemüllt sind, dann aber total virulent sind und ihren Bewohnern etwas bieten. Der Architekt muss auch Räume entwickeln, die kontrovers sind. Darin liegt für mich die Verantwortung, vor der sich viele scheuen.

Wohlfühlen, Heimat, heile Welt? Ist der Begriff Heimat nicht ein schwieriger zurzeit?

Persönlich habe ich kein Problem mit dem Begriff Heimat. Mir ist das Heimatliche über die Region, den Dialekt und einen gewissen Stolz auf die Heimat nie fremd gewesen. Heimat ist urdeutsch, den Begriff gibt es meines Wissens in keiner anderen Sprache, in dieser Konnotation. Wenn nun einzelne Gruppen diese Begriff für ihre politischen Spiele missbrauchen, wird es tatsächlich problematisch. Wenn man in Deutschland Architektur entwickelt – und das soll hier nicht nationalstolz gemeint sein! –, kommt man um den Heimatbegriff einfach nicht herum. Oder wissen Sie einen besseren?!

Sie gehen mit dem Projekt „Konzertsaal“ im oberfränkischen Lichtenberg wieder einmal unter die Erde. Können Sie eigentlich auch fliegen?

Mein erstes Gebäude bestand aus Aluminium und PTFE-Folie und wog nur eine Tonne. Heute ist das ein Ferienhaus. Dass wir gerade so massiv rüberkommen, wie hier in der Ausstellung zu sehen, täuscht vielleicht. Wir machen gerade in Lichtenfels einen Baum, der fast ausschließlich aus Geäst besteht, Metall und Glas, da ist nichts massig oder schwer.

Was wünschen Sie Ihren Architektenkollegen?

Mehr Eigensinn!
Und was sich selbst?
Ach, ich bin ganz zufrieden. … Ich hoffe, wir haben mit unseren aufgeklärten Bauherrn, mit durchaus kunstsinnigen Bauverwaltungen weiterhin so viel Glück. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich.

Mit Peter Haimerl sprach DBZ Redakteur Benedikt Kraft am 8. März 2019 im Bielefelder Kunstverein.

www.peterhaimerl.com

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