»Das kann der Bildschirm nicht ersetzen…«

Gerade die Hotelbranche hat es während der Coronakrise mit Shutdown und allen Maßnahmen zur Hygiene sehr hart getroffen. Damit waren und sind natürlich auch alle diejenigen gezwungen umzudenken, die Hotels planen, bauen und einrichten. Wir haben im Büro von JOI-Design in Hamburg angefragt, wie man dort mit der Situation umgeht und welche Konsequenzen sich daraus für die Zukunft ergeben. Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk haben uns dazu einige Fragen beantwortet.

DBZ: Wie geht es euch als passionierten Vielreisenden mit den Corona-bedingten Einschränkungen?

Corinna Kretschmar-Joehnk (CK-J): Ich bin erst letzte Woche zum ersten Mal nach vier Monaten wieder geflogen und das war tatsächlich ‚nur‘ privat. Bei Peter waren da vorher schon ein paar Geschäftsreisen, wo er noch über menschenleere Flughäfen zum Gate ging. Für unseren Beruf, die Planung von Hotels, ist es unerlässlich, sich ein Hilton Hotel beispielsweise auch mal in Chicago anzuschauen oder in London, wenn man ein Hilton am Münchner Airport gestalten möchte, so wie wir es gerade tun – denn die internationalen Gäste haben diesen Überblick heutzutage auch. Ich denke allerdings, wir müssen, was die Zukunft anbelangt, alle ein wenig umdenken. Wir werden von nun an achtsamer planen und sensibler entscheiden, welche Reise wirklich wichtig ist und anders mit dem Thema umgehen.

Was hat sich im Büro geändert?

CK-J: Im Büro hat sich auch viel verändert. Zu allererst mussten wir uns an die neue Situation anpassen und auch unser Planungsteam verkleinern. Wir haben uns leider von lieb gewonnenen KollegInnen trennen müssen und die anderen auf Kurzarbeit gesetzt. Es reguliert sich erfreulicherweise bereits langsam wieder. Wir können Schritt für Schritt die Arbeitszeiten von 50 % wieder in Richtung 100 % hochsetzen. Das geht allerdings langsam, denn die Branche, für die wir arbeiten, leidet mit am meisten. Unsere Hotelkunden mussten ihre Häuser schließen; die gerade begonnene Planung von Kreuzfahrtschiffen konnte nicht weitergeführt werden. Und andere Projekte, wie zum Beispiel die Flughafen Lounges, wurden gänzlich gestoppt. Wir sind aber zuversichtlich, denn es zeichnen sich seit den letzten Wochen wieder neue Chancen am Horizont ab, und so hoffen wir, dass wir bald wieder alle mit voller Kraft arbeiten und das Team dann auch Step by Step wieder vergrößern können.

Das Arbeiten selbst hat sich natürlich auch verändert: Wir haben zunächst fast alle aus dem ­Homeoffice gearbeitet. Außer einem harten Kern um meinen Mann und mich konnten alle von zuhause aus mit den Kunden oder dem Team kommunizieren. Das ist bei unserem Beruf ja recht einfach möglich, da vieles mit Computer und Telefon erledigt wird.

Homeoffice – wie hat das funktioniert?

Peter Joehnk (PJ): Wir hätten vorher nicht gedacht, wie schnell und einfach wir uns darauf einstellen könnten. Wir sind generell ja sehr viele Frauen im Büro und haben daher auch viele Mütter im Team, die schon immer einen Teil ‚remote‘ gearbeitet haben. Aber es ging praktisch von einem Tag auf den anderen, dass eben fast alle nur noch aus der Ferne agierten. Das war schon erstaunlich! Es war auch sicherlich für jeden am Anfang eine positive neue Erfahrung, denn man hat plötzlich ganz andere Freiheiten. Doch nach einiger Zeit sagten bereits viele, dass ihnen das Miteinander fehlen würde. Wir haben einen starken Teamzusammenhalt und sehen uns als Familie – und man bemerkt die Dinge ja immer erst, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind: Der Erfahrungsaustausch zwischendurch und der Abgleich im Team über kleine Brainstormings ist ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags. Unser Fazit ist also: Die Erfahrung war gut und wir wollen bei Bedarf in Zukunft auch die positiven Seiten beibehalten, um generell flexibler zu werden. Aber wir sind im Kern eine Agentur, die über das menschliche Miteinander funktioniert und erfolgreich ist. Das kann der Bildschirm nicht ersetzen.

Hat sich das Planen von Hotels geändert?

CK-J: Im Grunde hat sich beim Planen von Hotels noch nicht so viel verändert. Langfristig sehen wir da auch nicht allzu viele grundlegende Änderungen – dafür aber viele kleine Stellschrauben zum Feinjustieren. Kurzfristig ist das natürlich komplett anders. Wir treffen uns im Moment mit Kunden und sprechen über Raumteiler sowie über schönere und ästhetisch ansprechendere Lösungen, statt überall Plexiglasscheiben einzusetzen (wie früher am Bankschalter!), um den nötigen Schutz zu gewähren.

Beim Planungsprozess finden Konferenzen und Meetings zu den Projekten jetzt vermehrt digital statt. Das kann man in vielerlei Hinsicht natürlich auch als Errungenschaft sehen (es spart Zeit, Geld und schont die Umwelt) – auch wenn das gerade für die Businesshotellerie unserer Branche genau der Wermutstropfen ist. Das Konferenzgeschäft wird sich in Zukunft verändern. Hier muss sicherlich umgedacht werden. Wir sollten nach multifunktionalen Nutzungen für Tagungsräume ­suchen. Sie könnten bei wenig Auslastung beispielsweise auch als Raum für Yoga und Meditation dienen. Die Nachfrage zur Stärkung einer ­guten Balance zwischen Körper, Geist und Seele hat ja gerade zugenommen in letzter Zeit. Bei ­Restaurants können wir uns gut von den Gewohnheiten in Asien inspirieren lassen. Da gab es schon seit eh und je mehr abgeschlossene Räume für das dort viel mehr genutzte ‚private dining‘. Dafür könnte hier ebenfalls die Nachfrage steigen. Und das Zauberwort ‚Community‘ der letzten Jahre könnte sich plötzlich wieder zu einem Wunsch nach ‚Cocooning‘ wandeln. Es gibt also viele Themen, auf die es im Detail zu reagieren gilt.

Wir haben schon immer gezielt recherchiert und beobachtet, inwiefern sich wandelnde gesellschaftliche Strömungen auf neue Bedürfnisse in der Innenarchitektur von Hotels auswirken. Und wir sind auch jetzt schon intensiv daran, zu analysieren, was es für Neuerungen nach der Krise geben wird. In dieser Zeit ist es daher wichtiger denn je, sich mit unseren Kunden auszutauschen und zu kommunizieren.

Haben sich die Ansprüche der Hotelmanager geändert?

PJ: Hier muss man unterscheiden in ‚kurzfristig‘ und ‚langfristig‘: Kurzfristig ist es das Bestreben nach einer einladenden Atmosphäre trotz der ganzen Sicherungsmaßnahmen – und langfristig ist es ein Abwägen, Ausloten und Herantasten an neue Belange und ihre Konsequenzen, die sich aus dieser Zeit ergeben. Die langfristigen Änderungen kann im Moment noch keiner so genau voraussagen. Die Situation dauert allerdings schon sehr lange an und wir haben gemerkt, dass vieles auch anders funktioniert. Wir werden also wohl in einigen Bereichen neue Prioritäten setzen.

Werden jetzt andere Produkte (wegen Virenschutz) eingesetzt?

PJ: Wenn wir für Neubauten mit langem Vorlauf planen, dann denken wir im Moment zum Beispiel verstärkt auch an berührungslose Türöffnungssysteme oder Armaturen. Denn eine grundsätzlich neue Einstellung zum Thema Hygiene wird bleiben – da bin ich mir sicher!

Dass jetzt plötzlich nur noch alles aus abwaschbaren, plastikähnlichen Materialien gebaut wird, das denke ich wiederum nicht, denn auch das hat uns die letzte Zeit gezeigt: Wir hatten alle mehr Muße und Zeit, uns um die eigenen vier Wände, um die Terrasse, den Garten zu kümmern und unsere Region und Heimat einmal besser kennen und schätzen zu lernen. Ich denke, dass daher eine generelle Wendung hin zum Einsatz von ­lokalen und natürlichen Materialien und die Wertschätzung von regionalem Handwerk wieder mehr im Fokus stehen werden. Und wir möchten nicht mehr von langen Lieferketten abhängig sein, denn wir haben neben dem anfänglichen Segen nun auch den Fluch der Globalisierung kennen gelernt.

Dies ist für uns schon lange eine Herzensangelegenheit: Wir haben im Team gleich mehrere Nachhaltigkeitsbeauftragte und wir sind der Überzeugung, dass man, wenn man mit guten Materialien baut, gleichzeitig nachhaltig baut, weil dies auch länger hält. .... also durchaus noch eine positive Wendung, die das Ganze mit sich bringt!

JOI-Design, 31.07.2020

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