„Das Bauhaus ist mir erstmal piepegal“

Wissen sie noch? Wissen Sie noch, was das Bauhaus war, was es heute ist? Vor Jahren gingen Streitereien um Patent- oder Namensschutz durch die Presse, das Bauhaus klagte gegen eine Firma, die den B2 (Rohrstahlhocker von Marcel Breuer) produzierte, was sie nach Auffassung des Gerichts gar nicht durfte. Und dann gibt es noch eine Baumarktkette, die glaubt, sie hätte die Rechte am Namen BAUHAUS. Hat sie?

Immer wieder schreckt die Sammlergemeinde Meldungen über Fälschungen von Möbeln auf, aber auch Malerei, Textilien, Töpfer- oder Glaswaren sind offenbar beliebtes Fälschungsgut. Kein Wunder, die Gestaltungs- und Programmschule Bauhaus ist längst ein marktpreisetreibender Mythos geworden; und das nicht bloß in Deutschland, nicht bloß dort, wo es einmal seinen Lehrort hatte: zuerst in Weimar, dann Dessau, schließlich für nur ein Jahr in Berlin. Was die Sache für Heute verkompliziert, die HfG Ulm gab es nur in Ulm, die AA in London, die ETH in Zürich … Aber kann man die mit dem Bauhaus vergleichen?

Nein. Teile des baulichen Erbes in Dessau und Weimar stehen seit 1996 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Und Namen wie van de Velde, Gropius, Klee, Itten, Kandinsky, Schlemmer, Moholy-Nagy, Breuer, Stam und Mies van der Rohe haben heute immer noch einen großen Klang. Stehen immer auch für das Bauhaus, das sich als Gesamtkunstwerk verstand. Als Weltenverbesserungsmaschine. Mit einer dezidierten Doktrin. So glaubten jedenfalls seine Jünger wie Max Bill oder Philipp Johnson. Andere wiederum sehen im Bauhaus bis heute ein Modell, an dem es sich abzuarbeiten gilt auf vielen gesellschaftlich relevanten Arbeitsfeldern.

2019 feiert das Bauhaus sein hundertjähriges Bestehen. Aber wie mit einer Institution umgehen, die so hermetisch wirkt in all ihren Geschichten und Anekdoten, in den Schüler-Doktrinen und Schüler-Exegeten-Doktrinen, dass da schon kaum noch ein Durchkommen möglich scheint? Wie sich einen Überblick verschaffen und in welchem (angemessenen) Rahmen sollte eine Feier vonstatten gehen? Und überhaupt feiern: Sich einfach nur freuen und gut gelaunt sein, dass da mal was war, was bis heute irgendwie fortwirkt, das wäre wohl zu wenig. Für deutsche Verhältnisse.

Nationales Ereignis

Das Jubiläum wird schon als „nationales Ereignis von internationaler Bedeutung“ bezeichnet. Man wolle die Welt, so der die Schau organisierende Verbund „Bauhaus 2019“, neu denken. Diesem 2012 gegründeten Verbund gehören an die Länder Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie die drei sammlungsführenden Bauhaus-Institutionen – Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik Stiftung Weimar. Aktuell kamen noch hinzu der Bund („nationales Ereignis“) sowie Rheinland-Pfalz als siebtes Bundesland. Weitere Akteure, so wurde verlautbart, sind hier willkommen.

Aber jetzt das: „street credibility“

Aber jetzt das: Eine internationale Gruppe von Architekten, Designern, Theoretikern und Kuratoren verschiedener Generationen aus Europa, Asien und Afrika traf sich am 30. Januar 2015 in Berlin und hat dort die internationale Initiative „projekt bauhaus“ gegründet. Ziel der offenen Plattform ist es – so die Plattform – „eine lebendige Debatte zur Aktualität des Bauhauses zu führen“. Bis zum Jubeljahr möchten die Initiatoren mit allen, die mitmachen wollen, „eine kritische Inventur der Bauhausideen“ versuchen und den „utopischen Überschuss dieser Schule für die Gegenwart fruchtbar“ machen. Im nachfragenden Gespräch auf der Gründungssitzung erklärten Jesko Fezer, Anh-Linh Ngo und Jan Wenzel, drei der fünf verantwortlichen Koordinatoren des Projektes, dass gerade der nichtinstitutionelle Blick die größten Chancen auf eine neue Sichtweise und damit auf vielleicht neue Ergebnisse hätten. Geschichte und Geschichtchen, Personen und das bereits in Fülle vorliegende Forschungsmaterial sei ihm, so Jesko Fezer, „zunächst einmal piepegal“. Es gehe darum, die kommenden fünf Arbeitsjahre dazu zu nutzen, Fragen zu suchen und möglichst für viele Gesellschaftsgruppen relevant beantworten zu lassen. Man setze hier auf die „street credibility“ sämtlicher Teilnehmer, das waren Ende Januar 34 Architekten, Designer, Künstler, Kuratoren, Wissenschaftler aus sieben Ländern sowie mehrere Institute und nicht zuletzt die Zeitschrift ARCH+.

Die wird ihre letzten Themenhefte der kommenden fünf Jahre dann als Publikationsplattform den fünf Fragen zur Verfügung stellen, so die „Versuch 1“ genannte für 2015: „Kann Gestaltung Gesellschaft verändern?“ Die Fragen, die im Team gesucht und formuliert wurden (aber jeweils erst zu Beginn eines neuen „Arbeitsjahres“ bekannt gegeben werden), sollen „Gedankenträger“ anziehen, sollen Ergebnisse liefern oder auch keine („wenn es nichts gibt, dann besteht auch kein Zwang, hier etwas zu machen“; Anh-Linh Ngo). Aber man ist sich sicher, dass hier eine Menge Input anlanden wird in den kommenden Monaten. Soviel, dass nicht nur ein Heft (insgesamt fünf) gefüllt werden kann, sondern auch das notwendige Material, um „den Wandel von einer fossilen zur postfossilen Industriegesellschaft und von einer expansiven zu einer inklusiven Modernisierung zu gestalten.“ Liebes Bauhaus, halt dich fest, wir kommen! Be. K.

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