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Bürogebäude ASI Reisen, Natters/AT

Der Reiseveranstalter ASI versteht sich als Experte für individuelle Reisen. Diese stehen für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus und sollen den ökologischen Fußabdruck soweit wie möglich minimieren. Der gleiche Anspruch galt auch für den neuen Firmensitz in Natters, südlich von Innsbruck, den Snøhetta gemeinsam mit dem Bauherrn als „Symbiose zwischen Natur und Mensch“ entwickelte.

Der Entwurfsansatz von Snøhetta ist stark mit der Historie und der Ausrichtung des Unternehmens verbunden. Hannes Gasser gründete ASI Reisen bereits 1963 als Alpinschule Innsbruck und bot zunächst alpine Ausbildungskurse an, bevor in den 1970er-Jahren erste Wandertouren mit Übernachtungen in einfachen Hütten am Berg hinzukamen. Das Angebot erweiterte sich im Lauf der Jahre stetig; erst kamen europäische, später auch weltweite Destinationen hinzu. Das Netzwerk wuchs und Kooperationspartner vor Ort wurden in Planung und Organisation miteinbezogen. Seit 2007 liegt die Leitung des Unternehmens bei Gassers Sohn Ambros. Das Thema Nachhaltigkeit rückt immer stärker in den Fokus, sodass ASI die CO2-Emissionen (Flug, Unterkunft, lokaler Transport, Aktivitäten) seiner Reisen inzwischen zu 100 % kompensiert und seit diesem Jahr z. B. auch keine Inlands- und Zubringerflüge mehr anbietet.

Der Firmensitz liegt in dem kleinen Ort Natters, südlich von Innsbruck, wo Hannes Gasser bereits vor vielen Jahren ein idyllisches Hanggrundstück erwarb und entsprechend bebaute. Das Gebäude von Architekt Peter Lorenz war allerdings deutlich in die Jahre gekommen und entsprach bezüglich des Raumangebots sowie bauphysikalisch in keiner Weise mehr den heutigen Standards, sodass sich Ambros Gasser 2018 für einen Neubau entschied und Snøhetta mit dem Entwurf beauftragte. Lediglich ein Anbau aus den 1990er-Jahre konnte erhalten und in das neue Konzept integriert werden. Über eine Brücke ist er nun mit dem Neubau verbunden und beherbergt einzelne Rückzugsräume sowie einen Yoga-Raum. Naturverbundenheit, Regionalität und Nachhaltigkeit sollten für den Entwurf gleichermaßen als Parameter gelten wie für die unternehmerischen Tätigkeiten von ASI. „Den Entwurfsprozess starteten wir als partizipatives Projekt. MitarbeiterInnen wurden in einem Workshop zu ihren Arbeitsweisen und Bedürfnissen befragt, die uns dann als Grundlage dienten. In einem zweiten Workshop wurden Ideen zu Materialien und Arbeitsatmosphäre weiterentwickelt“, erinnert sich Patrick Lüth, Partner und Geschäftsführer der Innsbrucker Niederlassung von Snøhetta.

Nachhaltige Materialwahl

Durch die Lage am Hang und um den Materialeinsatz zu optimieren wurde das Gebäude als hybride Konstruktion konzipiert. Sockel und ein aussteifender Versorgungskern sind aus Stahlbeton, die übrige Konstruktion des Viergeschossers als Kombination aus Holzskelettbau und Massivholzelementen, mit möglichst schlanken Querschnitten, ausgeführt. Eine frühzeitige Einbeziehung der FachplanerInnen, insbesondere der Statik und der Haustechnik, sowie ein optimierter Einsatz der unterschiedlichen Baustoffe gewährleistete zudem die Erfüllung aller Anforderungen an Raumklima, Brandschutz und Akustik. Dem Baustoff Holz kommt eine besondere Bedeutung zu. Er sorgt für ein natürliches Raumklima und eine Reduzierung der grauen Energie. „Gegenüber einem konventionellen Massivbau konnten mehr als 50 % CO2 eingespart werden“, kommentiert Patrick Lüth. Neben den konstruktiven Bauteilen aus Fichte kam Holz auch für die Pfosten-Riegel-Fassade, die Fenster, Böden und Akustikpaneele zum Einsatz. Nicht notwendige chemische Oberflächenbehandlungen wurden vermieden, die Fenster sind lackiert, die Böden nur geölt.

Einfache Haustechnik

„Bei der Holzfassade wurde eine traditionelle Methode zur Holzkonservierung verwendet, so genanntes Yakisugi, bei dem die Holzoberfläche leicht verkohlt und so karbonisiert wird. Die verkohlte Holzoberfläche macht die Fassade ohne weiteren Anstrich nicht nur wasserdicht und haltbar, sondern schützt auch vor Insekten“ ergänzt Patrick Lüth. Davor liegt als zweite Fassadenebene ein begrüntes Netz, das den Baukörper nicht nur optisch mit der Umgebung verschmelzen lässt, sondern auch Teil des klimatischen Konzepts ist. In Kombination mit den offenen und geschlossen Fassadenelementen sorgt der „grüne Vorhang“ nicht nur für Blendschutz, sondern auch für zusätzlichen Wärmeschutz im Sommer und ermöglicht solaren Energieeintrag im Winter. Patrick Lüth erklärt weiterhin: „Anhand einer thermisch-dynamischen Gebäudesimulation wurde das Raumklima optimiert. Eine reversible Luft-Wasser-Wärmepumpenanlage (40 kW) heizt und kühlt das Gebäude über die Bodenheizung bzw. -kühlung. Raumtemperatur-, Feuchte-, CO2- und Windfühler steuern vollautomatisch die natürliche Lüftung über mechanisch angetriebene Lüftungsflügel. So werden der thermische Auftrieb sowie die Winddruckverhältnisse genutzt, um das Gebäude mit Frischluft zu durchströmen. Der Öffnungsgrad der Lüftungsflügel und die Öffnungszeit und -dauer sind abhängig von der Umgebung und dem Raumklima, das mittels Soll- und Ist-Werten ständig überprüft wird.“ Zusätzliche Fenster und Türen können von den MitarbeiterInnen auch manuell geöffnet werden. Wichtig war den Beteiligten der Einsatz möglichst einfacher Technik, um einen geringen Wartungsaufwand zu haben. Eine großflächige PV-Anlage sorgt für die Bereitstellung benötigter elektrischer Energie, eine Zis­terne zur Regenwasserspeicherung ermöglicht die Nutzung für Brauchwasser und Bewässerung der grünen Fassade.

Arbeiten mit Atmosphäre

All das lässt einen fast vergessen, dass es sich bei dem Neubau um ein Bürogebäude handelt. Schon beim Betreten des Gebäudes umfängt einen die ruhige, fast wohnliche Atmosphäre und ein angenehmer Holzgeruch breitet sich aus. Die Materialität wird mit allen Sinnen spürbar. Neben dem Empfang gelangt man über eine großzügige Treppe nach oben, wo sich die Arbeitsbereiche über zwei Ebenen erstrecken. 65 MitarbeiterInnen finden hier Platz. Trotz der offenen Raumstruktur wirkt der Raum angenehm strukturiert und gegliedert. Eigens entworfene, schwarz lackierte Stahlregale zonieren ohne zu trennen, bieten Stauraum und Ablageflächen. Sie wirken leicht, fast transparent und ermöglichen vielfältige Blickbeziehungen über die zwei Ebenen sowie nach draußen. Durch ihre geschickte Platzierung integrieren sie auch die verglasten Besprechungsräume so selbstverständlich in das gesamte Raumkonzept, dass diese kaum spürbar sind und den Fluss des Raums nicht unterbrechen. Auf den Regalen finden zudem etliche Grünpflanzen Platz, die das Thema der Naturverbundenheit auch in den Innenraum holen sollen.

Die offene Raumgestaltung dient selbstverständlich auch dem besseren Austausch der einzelnen Abteilungen. Patrick Lüth erzählt, dass beispielsweise die MitarbeiterInnen des Callcenters auf verschiedene Arbeitsbereiche verteilt wurden, damit auch die übrigen KollegInnen ganz nebenbei einen Einblick in die konkreten Wünsche und Anliegen der KundInnen bekommen. Dazu kommen die inzwischen im Großraum obligatorischen Rückzugsbereiche, Zonen für spontane Meetings und große gemeinsame Sozialbereiche. Und wie könnte es für ein sportlich ausgerichtetes Unternehmen anders sein – Umkleiden und Duschen zur Förderung sportlicher Aktivität auf dem Weg zur Arbeit sowie E-Bike-Ladestationen gibt es natürlich auch!

Ein großes Augenmerk legten die ArchitektInnen auch auf die Flexibilität des Gebäudes, auf die Adaptierbarkeit an kurz- und langfristige Veränderungen. Modifizierungen in der Zusammenstellung der Arbeitsbereiche sind durch den offenen Grundriss und den Hohlraumboden mit Bodenkanälen jederzeit möglich. Zwar hatte die MitarbeiterInnen die Möglichkeit und auch ein Budget, den Arbeitsplatz ihren persönlichen Bedürfnissen anzupassen, doch in Stein gemeißelt ist hier nichts. Einmal im Jahr soll rotiert und die Teams neu zusammengestellt werden. Jetzt, wo das coronabedingt doch stark zurückgegangene Geschäft wieder anzieht und neue MitarbeiterInnen gefunden werden müssen, dient nicht zuletzt auch der Büroneubau als starkes Argument für ein erfolgreiches Recruiting. KR

Baudaten

Objekt: Bürogebäude ASI Reisen

Standort: Natters bei Innsbruck/AT

Typologie: Bürogebäude

Bauherr: ASI Reisen – Alpinschule Innsbruck GmbH

Nutzer: ASI Reisen

Architekt und Bauleitung: Snøhetta, Studio Innsbruck/AT www.snohetta.com

Projektteam: Martina Maier und Carsten Göhler (Projektleitung), Patrick Lüth, Stefan Zoller, Angelo Pezzotta, Paolo Fortuna, Eva Schgaguler, Jakob Achrainer

Bauzeit: August 2018 – Augsut 2019

Fachplaner     

Tragwerksplanung: tragwerkspartner zt gmbh (Conrad Brinkmeier, Thomas Badergruber), Innsbruck/AT, www.tragwerkspartner.com

Bauphysik: Fiby ZT-GmbH (Peter Fiby), Innsbruck/AT

Lichtplanung: Christian Ragg, Innsbruck/AT,

www.lichtplanung-ragg.at

HKLS / MSR & Gebäudesimulation: Alpsolar Klimadesign, Innsbruck/AT, www.alpsolar.com

Elektro: Tivoli Plan, Innsbruck/AT, www.tivoliplan.at

Projektdaten

Grundstücksgröße: 2 027 m²

Nutzfläche: 1 389 m²

Brutto-Grundfläche: 1 548 m²

Brutto-Rauminhalt: 5 469 m³

Energiebedarf

Primärenergiebedarf: 46,5 kWh/m²a

Endenergiebedarf: 28,5 kWh/m²a

Jahresheizwärmebedarf: 31,5 kWh/m²a

Kühlbedarf: 5 kWh/m2a

CO2-Emissionen (verursacht durch Energieträger, die für den Betrieb des Gebäudes notwendig sind): 137 kg/m2a

Hersteller

Stahlnetze Fassade: Jakob Rope Systems,

www.jakob.com

Akustikdecken: Lignotrend, www.lignotrend.de

Innenverglasung: Bacher, www.bacher-glas.at

Aufzug: Schindler, www.schindler.com

Schließsystem: Gantner, www.gantner.com

Tischlermöbel: Tischlerei Kuen Alois,

www.tischlerei-kuen.at

Regale: Metallbau Dollinger & Pfeifer,
www.dp-metallbau.tirol

Büromöbel: String Furniture, www.stringfurniture.com

Steh-Leuchten: Zumtobel, www.zumtobel.com

Küche: Zebisch, www.kuechen.zebisch.tirol

Vorhänge: Kvadrat, www.kvadrat.dk

Vorhangschienen: Silent Gliss, www.silentgliss.de

Tapeten: Tecnografica, www.technografica.net

Wie übersetzt man die Werte eines Unternehmens in räumliche Lösungen? Genau das zeigt uns dieses Projekt: Architektur, die die Identität des Bauherrn und der NutzerInnen nicht nur widerspiegelt, sondern als wesentliches Gestaltungskonzept übernimmt. Das, was das Unternehmen verkauft, strahlt die Architektur aus: Naturverbundenheit im Arbeitsalltag und ökologische Holzbauweise treffen auf einen wohnlichen Charakter im mensch­lichen Maßstab im Sinne der Work-Life-Balance.«
DBZ Heftpartner HENN, Berlin
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