Bremen, Casablanca, Tokio
Wohnanlage Tokio­straße, Wien/AT

Nach dem Prinzip der Bremer Stadtmusikanten stapel­ten Artec-Architekten vier Wohntypen über- und neben­einander. Im Erdgeschoss sind Lofts mit Galerie und Garten geparkt. Darüber gibt es Maisonetten mit Atrium, darauf Reihenhäuser und auf dem Dach die urbane Version des Lebens im Kleingarten.

Der soziale Wohnbau hat in Wien eine lange Tradition, die in Stadtentwicklungsgebieten wie der Donaustadt gezielt weitergeführt wird. Auf neu erschlossenen Parzellen mit oft exotischen Straßennamen entstanden unterschiedliche Siedlungen, darunter viele Pioniere und Themenanlagen. Eine der jüngsten Wiener Wohnbau-Sensationen ist das Resultat eines Bauträgerwettbewerbs, bei dem eine Neuinterpretation des Terrassenhauses der 60er Jahre gefragt war.

 Artec-Architekten siegten, die gemeinnützige Bau-, Wohn- und Siedlungsgenossenschaft „Neues Leben“ realisierte ihr Projekt. Es steht auf einem Eckgrund unweit von der U-Bahn Station Kagran und dem Donauzentrum: im Norden und Süden eine Zufahrt, an der langen Westseite die Tokiostraße. Nach dem Prinzip der „Bremer Stadtmusikanten“ wurden vier Gebäudetypen mit starkem Freiraumbezug urban überformt, aufeinandergestapelt und zu zwei dichten, kleinteilig gegliederten Riegeln gebündelt. Schottenbauten aus Stahlbeton mit einem Achsmaß von 6,30 m und acht Geschossen voller Vielfalt. Sie orientieren sich zu einem Innenhof, der etwa so breit ist wie eine Straße ­in der Gründerzeit: das schafft eine angenehme Distanz zwischen den Bauteilen und Privatsphäre in den Freiräumen.

 Dieser soziale Wohnbau gibt auch der Öffentlichkeit Raum: sein Erdgeschoss ist 4,40 m hoch und bildet großzügige Passagen aus. An der Tokiostrasse gibt es eine 65 m lange Arkade, die für temporäre Nutzungen offen ist. Darüber bereichert die Sonderform des „Casa­blanca“-Typs die eingeschossigen Einheiten an der Straße um die besondere Qualität zweistöckiger Freiräume. Das war bei Gleichbe­hand­­lung aller nur möglich, in dem man die Wohnzimmer um 45° ver­schwenkte und dreieckige Loggien einschnitt, an die noch ein Balkon andockt. Tief fällt die Sonne von Südwesten nun in die Wohnung, auf den vorspringenden Bauteilen kann man vom zweistöckigen Luftraum quasi auf die Straße treten. Die vor- und rückspringenden Brüstungen aus Streckmetall sind mit diagonalen Rankgittern verbunden. „Das gibt dem Haus ein Gesicht,“ sagt Richard Manahl von Artec. Sie brechen die serielle Strenge und warten auf die Pflanzen künftiger Bewohner.

 

Freiraum in Variationen

Hofseitig bilden Einraumwohnungen das lebenswerte Pendant zur Arkade an der Straße. Auch sie haben 4,40 m Raumhöhe, lauschige Schlafgalerien und große Fenster mit Morgen- oder Abendsonne, denen exklusive Freiräume mit Terrasse und Pflanzstreifen vorgelagert sind. 1,80 m hohe Mauern legen sich schützend um diese privaten Oasen am Hof, der sich als halböffentlicher Freibereich von Norden nach Süden durch die Anlage zieht.

Darüber winden sich Maisonetten L-förmig um ein zweigeschossiges Atrium mit Erdkoffer und einer gedeckten Terrasse. Die dritte Schicht besteht aus einer Zeile von zweistöckigen Reihenhäusern mit Garten, zwischen ihnen liegt ein Kinderspielplatz. Ganz oben wurde das für Wien typische und sehr populäre Kleingartenhaus in schmale Baukörper transformiert, die von Süden belichtet sind und sich konisch zum Hof hin verjüngen. So kann die Sonne in alle unteren Freiräume dringen. Auf der Dachfläche des „Casablanca“-Regals gibt es ein Schwimmbad mit Liegewiese und Weitblick für alle.

 „Wir wollten die Qualitäten eines Einfamilienhauses in einen dich­ten, urbanen Wohnbau bringen. Durch die Stapelung kamen viele differenzierte Freiräume zustande,“ so Bettina Götz von Artec. „Die Terrassenhäuser der 60er Jahre haben oft helle Wohnungen und Balkone, aber sehr dunkle Gänge. Wir wollten auch die Erschließungszonen besonders gestalten.“

 Die Materialität des Hauses ist außen sehr zurückhaltend: die Mauern zwischen den Atrien und Terrassen sind aus Sichtbeton, die Wände schlammfarben isolierverputzt, alle Brüstungen aus Streckmetall, die Fensterrahmen schwarz oder weiß. Die Erschließungszonen aber tragen strahlende Farben. Helles Licht fällt durch das Glasdach von oben auf die sonnengelben Mauern des Laubengangs, von dem Luftstege zu den „Casablanca“-Typen abzweigen. Der Boden ist hellgrün, die Brüstungen sind schwarz lackiert. Im zweiten Stock gibt es vor den Türen Streckmetallplattformen, auf denen man Tische, Räder, Pflanzen und mehr aufstellen kann. Küchen, Nebenräume und Bäder haben Fenster zum Laubengang: bei Tag erhellt er die Wohnungen, bei Nacht sorgt das Licht von drinnen für Leben in dieser inneren Straße des Hauses. Die Stiegenhäuser an den Enden tragen ein sattes Rot, im Norden schwebt ein Gemeinschaftsraum mit Sanitärbox über den Zugang zum Hof. Er ist ganz in Orange getaucht und sieht wie eine Skulptur aus. Isabella Marboe, Wien

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