Bitte nicht berühren!
Interview mit Odile Decq, Paris/F, www.odbc-paris.com

Odile Decq, die sich für den Entwurf des Restaurants Phantom in der Opéra Garnier in Paris verantwortlich zeigt, spricht über ihre Idee und deren Umsetzung.

DBZ: Frau Decq, war die neobarocke Architektur eher eine Inspiration oder eine Provokation für Sie, als Sie den Auftrag bekamen das Restaurant für die Opéra Garnier in Paris zu gestalten?

Odile Decq: Beides zugleich! Mich hat die Architektur von Charles Garnier inspiriert, die ich auch als Neobarock empfinde. Das hat mich amüsiert und interessiert. Es ist aufregend. Es ist aber auch eine Provokation im Sinne von Herausforderung oder Wettkampf. Ich sagte mir: „Man muss genauso stark oder genauso verrückt sein, wie er!“ Also galt es, dafür eine Lösung zu finden. Ich suchte eine Möglichkeit in die Architektur Garniers einzudringen ohne Garnier zu machen, indem man sich mit dem neuen Entwurf, wie soll ich sagen, auf eine angenehme Weise einfügt ,ohne Garnier anzugreifen, ohne ihn zu dominieren. Aber ich wollte mit meinem Entwurf präsent sein.

DBZ: War die Auswahl des Bauplatzes Ihre Entscheidung?

O.D.: Nein, das war gegeben. Es war der Direktor der Opéra Garnier, der diese Entscheidung für diesen Ort, der eine offene Rotunde war, getroffen hat. Und er hat eine Umfrage gemacht, um einen Betreiber für das Restaurant zu finden. Dieser hatte ein Projekt, das dem Architekten für Denkmalschutz und Kultur nicht passte. Die Entscheider waren also das Ministerium und der Operndirektor, der mich dann angerufen hat.

DBZ: Sie haben in einem Interview ausgedrückt, die Architektur von morgen machen zu wollen

O.D Ja, weil ich nicht die von gestern mache!

DBZ: Natürlich, aber bleibt das, was Menschen in einem Restaurant suchen nicht immer das Gleiche? Etwas fast Archaisches, so dass man nur Varianten entwickeln kann?

O.D.: Nein, das, was ich in vielen zeitgenössischen Restaurants nicht mag, ist die schlechte Akustik, die Kälte und zu starkes Licht. Ich wollte ein komfortables Restaurant schaffen, mit verschiedenen Situationen, damit man seinen Platz wählen kann, so wie das auch in der Oper möglich ist: Parkett oder Loge? Also, das Thema der Wahlmöglichkeit war wichtig, gleichzeitig aber auch das der Akustik, selbst wenn es natürlich immer Musik gibt. Und es war wichtig dafür zu sorgen, dass das Licht sanft bleibt. Genau im richtigen Maß eben. Komfort ist etwas sehr Wichtiges für mich!

DBZ: Wenn man sich für eine organische, bewegte Formgebung mit Kurven und Wölbungen entschieden hat, gibt es fast unendliche Möglichkeiten.

O.D.: Nein, nein, für mich nicht!

DBZ: Wie haben Sie die Dimensionen festgelegt?

O.D.: Ich habe keine Erklärung. Es gibt eine Form, die ich irgendwann für gut erachte. Wann das ist, kann ich nicht sagen.

DBZ: Entscheiden Sie mit Hilfe der Zeichnung?

O.D.: Nicht unbedingt. Es ist eine schrittweise Anpassung mit Computer und Papier, um Spannung und zugleich Geschmeidigkeit zu erreichen. Das ist meine eigene Alchimie. Eine Anpassung zwischen gespannten und sanften Formen. Das ist kein geometrischer, sondern ein intuitiver Ansatz.

DBZ: Gilt das auch für die Wölbungen und Kurven der Untersicht des Mezzanins?

O.D.: Das hat was mit der Akustik zu tun; der Fachingenieur riet von einer glatten Fläche ab, um Widerhall zu vermeiden und wir haben dann sanfte Vertiefungen und Kurven entwickelt.

DBZ: Wiederholen sich einige Elemente oder ist jede der Säulen, wenn man sie so nennen kann, einzigartig?

O.D.: Ja, sie sind einzigartig, weil auch ihr Ort einzigartig ist, das hängt mit vielen anderen Faktoren zusammen.

DBZ: Gibt es für diese Implantation in die Oper eine definierte Lebens­dauer?

O.D.: Ja, zwanzig Jahre. Danach verschwindet alles oder es kann auch bleiben.

DBZ: Können Sie den Bauablauf erläutern? Wurde das meiste vorgefertigt?

O.D.: Die Gläser ja. Die Metallträger, die innere Struktur wurden vor Ort verbunden und alle Gipsformen der Untersicht wurden in der Fabrik gegossen. Vorgefertigt wurden auch die Elemente der Oberkante des Mezzanins, der Teil zwischen rot und weiß, der aus Holz, ebenso alle vertikalen äußeren Teile, aber alles Gewölbte wurde mit der Hand gemacht. Das war eine große Baustelle! Was die Stützen betrifft, da gibt es die Metallstruktur, darauf hat man eine Art Gitter fixiert, um den Gips aufzutragen und das haben die Fachleute mit der Hand gemacht. Das sind phantastische Handwerker! ...Wir haben solch großartige Firmen in Frankreich, man muss sie nur suchen. Für sie war es das bisher größte Projekt mit Gips. Das sind Künstler!

DBZ: Voilà, das ist schon die nächste Frage: wie haben Sie Ihr Projekt den ausführenden Firmen verständlich gemacht?

O.D.: Also, seltsamerweise zweidimensional! Wir hatten ein sehr fein ausgearbeitetes Modell, aber sie haben gesagt, das nützt ihnen nichts. Sie haben nach Schnitten gefragt und alles mit ihrer Hilfe ausgeführt.

DBZ: Sie haben also eine Riesenmenge an Schnitten produziert, mehr, als man das normalerweise macht.

O.D.: Ja, natürlich.

DBZ: Erinnern Sie sich an ein besonders schwieriges Detail, ein besonderes Problem?

O.D.: Das war nicht das Mezzanin, es hat keine Probleme gemacht, es war das Glas. Oder vielmehr die Tatsache zu akzeptieren das Glas ohne Struktur zu machen. Die Verhandlungen mit den Prüfinstanzen hat die meiste Zeit verschlungen. Die Ingenieure dachten, das geht nicht. Sie sagten „ihr glaubt es geht , aber das muss man prüfen“, doch die ausführende Firma und wir glaubten daran. Wir haben Modelle gebaut und als sie diese gesehen hatten, wurde es akzeptiert. Das war zwar zeitraubend, aber nichts war wirklich kom­pliziert.

DBZ: Die Glasfassade wölbt sich nicht über die Außenkante der Steinsäulen hinaus.

O.D.: Nein, sie verläuft sogar hinter den Säulen. Sie darf nicht darüber hinausragen und sie auch nicht berühren. Wenn man das gemacht hätte, wäre es als Fenster angesehen worden und die waren nicht erlaubt. Ich habe vorgeschlagen, ein gewelltes, selbsttragendes Glas zu machen. Und so ist das, was man sieht, dadurch dass wir innen geblieben sind, schöner geworden.

DBZ: Welche Funktionen verstecken sich in der Mezzaninskulptur?

O.D.: Die Heizung, also die Rohre für den Heizsteg, die Elektroinstallation, Licht, Akustik, Lautsprecher - nicht viel also.

DBZ: Wenn man sich das vor Ort ansieht : Manchmal haben Sie nur fünf Zentimeter Abstand zum Bestand!

O.D.: Nie, immer mindestens dreißig, damit man zum Reinigen mit der Hand hinkommt und sich nichts einklemmt. Das erscheint nur so wenig, weil die Säulen so immens groß sind.

DBZ: Ärgerlich, dieses Distanz halten müssen zu Garnier?

O.D.: Nein, im Gegenteil, sobald das zum Prinzip wird, nein! Wenn ich mit ihm hätte verhandeln müssen, das wäre komplizierter gewesen! Aber ich konnte frei sein. Doch jetzt habe ich für ihn sehr viel Sym­pathie!

DBZ: Sie haben jetzt einen anderen Blick auf seine Arbeit?

O.D.: Ja, weil mich sein Denken interessiert! Ich sage nicht, dass ich diese Architektur liebe. Doch er war erfinderisch, er hatte eine Oper mittels einer Metallstruktur konstruiert , die man nicht sieht, und wie ich auch, hat er darauf das Steinkleid befestigt, ich habe das Gleiche gemacht und ich empfinde ihn als fortschrittlich in Bezug auf seine Epoche.

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