„Bestand als Ressource für die Zukunft“
Grüntuch Ernst Architekten zum Thema „Sanierung“

Woraus wird unsere Zukunft gebaut? Welche Rolle spielen die ­Bestandsgebäude? Was ist ihr kultureller und materieller Wert? Der Paradigmenwechsel in der Energiepolitik zielt auf erneuerbare Energien. Auch die Baustoffindustrie wird bald nichts mehr für die Sondermülldeponie produzieren. Gebaut wird mit Materialien, die in Transformationsprozessen umgeformt oder in natürliche Rohstoffe zurückgeführt werden können.

Auch für Entwurfsarchitekten gibt es eine Abkehr vom Tabula-Rasa-Denken der Moderne. Immer mehr Architekten realisieren, dass man oft nicht einfach einen Neustart machen kann, sondern Aufgaben auf uns zukommen, die einen kreativeren Umgang mit Bestandssituationen abfordern.

Der Denkmalschutz sichert die wertvollsten Bausteine aus jeder Zeit – das „geerbte Glück“ einer Stadt. Sie halten als authentische Zeitzeugen Baugeschichte lebendig. Es ist wichtig, das bauliche Erbe als Kulturträger seiner Zeit anzusehen und es zu schützen – es zu schützen vor Abriss, aber auch vor Überblendung durch kulissen-hafte Nachempfindungen oder vor der formalen Entstellung durch die energetische Hüllsanierung.

Nachhaltige Architektur bedeutet jedoch nicht, die Architekturgeschichte anzuhalten und jedes Bestandsgebäude festzuhalten. Höchst individuelle Lösungsansätze für verschiedenen Orte und Funktionen im Umbruch werden uns als Architekten abverlangt. Viele alte Gebäude können heute weder baukulturell noch baukonstruktiv überzeugen und werden zum Detrius unserer Stadtgesellschaft. Architekten können dann zu Alchemisten werden, die aus Dreck Gold machen, die es schaffen, aus einem vermeintlichen Nachteil – z. B. einem unterdurchschnittlichen Bestandsgebäude – ein unerwartetes Potential zu entwickeln. Mit neuen Funktionen und Wahrnehmungs-angeboten können architektonische „Erblasten“ neu entdeckt und für die Stadt zurückgewonnen werden. Das ist auch im Sinne der Nachhaltigkeit eine zentrale Aufgabe.

Für den deutschen Beitrag zur Biennale 2006 in Venedig „Conver­tible City“ haben wir diese Wandlungsfähigkeit thematisiert. Auch in diesem Jahr wurde die Diskussion unter dem Motto „Reduce, Reuse, Recycle“ mit aktuellen Beispielen weitergeführt.

In unserer Entwurfsarbeit stehen viele Projekte im Spannungsfeld zwischen den Problemen und Potentialen von Bestandsgebäuden. Die architektonischen Strategien sind hierbei unterschiedlich: Durch Anlagerung, Überlagerung, Verschiebung und Durchdringung werden bestehende Gebäudestrukturen erweitert, neu verbunden und neu programmiert.

Die ehemalige Jüdische Mädchenschule in Berlin war ein besonderes Projekt für uns (hier S. 42ff.). Dieses Gebäude war für viele Jahre ein dunkler Abschnitt in der Auguststraße. In unmittelbarer Nähe zu unserem Lebensumfeld war es ein nicht zugängliches Gebäude mit vernagelten Fenstern, an dem alle Passanten vorübereilten – ein markantes Gebäude im Dornröschenschlaf, der Zeit entrückt.

Für die Anmietung und Nutzung haben sich verschiedene Inte­ressenten mit ihren Konzepten beworben. Es gab sehr couragierte Vorschläge und architektonische Visionen, das Gebäude komplett umzukrempeln. Wir haben uns aber bewusst dafür entschieden, mit minimalen Eingriffen die Qualitäten, die das Gebäude per se hat, wieder sichtbar zu machen und daran mitzuwirken, die geeigneten Nutzungen für diese Räume zu finden. Unsere Rolle als Architekten haben wir hier – über die Gestaltung hinaus – als Moderator definiert, der die richtigen Nutzungen, die richtigen Ideen und die richtigen Leute verbindet, damit ein solcher Ort wieder neu programmiert werden kann.

Die Jüdische Gemeinde hat sich schwer getan, das Gebäude zu vermieten, schließlich sind 30 Jahre eine sehr lange Zeit. Man gibt das Gebäude also für mehr als eine Generation ab, bekommt aber dann ein funktionierendes Gebäude zurück. Der Leerstand war teuer und ein leerstehendes Haus sendet kein gutes Zeichen. Es ging letztlich auch darum, dass dort endlich wieder mal die Lichter angingen. Die Frage ist ja, wie man einem solchen Gebäude eine Leichtigkeit geben kann, so dass es auch heute seine Gegenwart leben kann, ohne damit die Geschichte zu banalisieren.

Die Architekten

– Prof. Almut Grüntuch-Ernst: geb. 1966 in Stuttgart, Diplom Uni Stuttgart. DAAD-Jahresstipendium in London (AA). Von 1988-89 bei Alsop & Lyall, London. Lehrtätigkeiten an der HdK, Berlin. Professur an der TU Braunschweig.

– Armand Grüntuch: geb. 1963 in Riga, Lettland, Diplom an der RWTH Aachen. DAAD-Jahresstipendium an der IUAV di Venezia. Von 1987-89 bei Foster Ass. Lehrtätigkeiten an der HdK, Berlin.

Seit 10/1991 gemeinsames Büro Grüntuch Ernst Architekten, Berlin. Beide waren Generalkommissare des deutschen Beitrages für die 10. Internationale Achitekturbiennale in Venedig, 2006.

www.gruentuchernst.de

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