Standpunkt Ingenieur

Barrierefrei – Warum eigentlich nicht?

Dr.-Ing. Renate Narten M. A.
zum Thema „Barrierefrei“

1985 erschien ein Buch des Architekten Gerhart Laage mit dem schönen Titel „Warum wird eigentlich nicht immer so gebaut?“ Damals ging es um den kosten- und flächensparenden Wohnungsbau. Heute stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage im Hinblick auf das barrierefreie Bauen. Was hindert Architekten eigentlich daran, Barrierefreiheit als selbstverständliche Prämisse des Entwerfens von Häusern im Auge zu haben – genauso, wie sie die Anforderungen der Statik oder der Bauphysik berücksichtigen? Liegt es vielleicht daran, dass der Gebrauchswert der Architektur zu wenig im Mittelpunkt ihres Schaffens steht? Drei Argumente fallen mir ein: Barrierefreies Bauen ist teurer, technisch bzw. baurechtlich häufig nicht realisierbar und schränkt die Gestaltungsfreiheit ein. Außerdem seien die Anforderungen der entsprechenden DIN-Normen ohnehin in kaum einem Gebäude vollständig zu erfüllen. Hinzu kommen noch so simple Gründe wie fehlendes Wissen und Gedankenlosigkeit. Letztere spielen nach meiner Erfahrung die größte Rolle, weshalb ich den Hochschulen den Vorwurf mache, ihre Studenten nicht ausreichend über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten des barrierefreien Bauens aufzuklären.

Wichtigstes Hindernis zur Integration des barrierefreien Bauens in die Grundlagen der Architekturplanung ist die immer noch weit verbreitete Meinung, Barrierefreiheit würde nur bei Bauten für alte und/oder behinderte Menschen erforderlich sein. Es wird übersehen, dass die entsprechende DIN-Norm 18 025 aus zwei Teilen besteht: Nur Teil 1 „Wohnungen für Rollstuhlfahrer“ bezieht sich auf eine gesonderte Zielgruppe. Teil 2 dagegen wurde ausdrücklich für den normalen Woh­nungsbau entwickelt, mit dem Ziel, Wohnungen zu schaffen, die für alle Menschen nutzbar sind: große und kleine, junge und alte, Menschen mit und ohne Handicaps. Wir brauchen Häuser, in denen Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen zurechtkommen können. Lebenslagen verändern sich im Lebenslauf. Wie viele Menschen bekommen z. B. im Laufe ihres Lebens einmal Probleme mit dem Knie: Dem Jungen reißt der Meniskus, der Alte entwickelt eine Arthrose. Beide merken plötzlich, dass Treppen ein unterschiedliches Steigungs­verhältnis und Duschen unterschiedliche Einstiegshöhen aufweisen können. Je niedriger die Barriere, desto leichter lässt sich dann das Hindernis überwinden.

Es ist richtig, die Anforderungen der DIN sind nicht immer vollständig zu erfüllen. Manchmal sprechen technische, ökonomische oder gestalterische Argumente dagegen. Das bedeutet aber nicht, dass man in diesen Fällen ganz auf den Anspruch der Barrierefreiheit verzichten sollte. Susanne Edinger und Helmut Lerch haben den schönen Begriff „barrierearm“ geprägt. Er hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, weil er einen Ausweg aus der Ganz-oder-gar-nicht-Diskussion aufzeigt. Jede abgebaute Barriere erleichtert es vielen Menschen, ein Gebäude nutzen zu können. Die DIN sollte hier als Richtschnur dienen. Sie sollte immer dort angewendet werden, wo es unproblematisch möglich ist. Es sollten aber auch begründete Ausnahmen akzeptiert werden – wenn diese gut durchdacht sind. Schließlich sind die Vorgaben der DIN auch nur Ergebnis einer langen Diskussion von Fachleuten und Interessenvertretern im jeweiligen DIN-Ausschuss, die einen Kompromiss zwischen den Anforderungen verschiedener Zielgruppen darstellen.

Umgekehrt ist aber nicht zu akzeptieren, dass der Begriff „barrierearm“ einfach missbraucht wird, um sich mit möglichst geringem Aufwand aus der Affäre zu ziehen. Den Anspruch, die Anforderungen der DIN so weit wie möglich bei jedem Neubau und bei jeder Sanierung zu berücksichtigen, würde ich nicht aufgeben. Die dort festgelegten Maße sind schließlich nicht aus der Luft gegriffen und bieten eine gute Planungsgrundlage.

Die Ingenieurin:
Dr.-Ing. Renate Narten M.A., geboren 1952 in Hannover. Studium der Soziologie, Politik und Stadtplanung. 1985 – 1996 wiss. Mitarbeiterin am Institut für Architektur- und Planungstheorie der Universität Hannover, Lehrauftrag „Architektursoziologie“. 1996 Gründung des Büros für sozialräumliche Forschung und Beratung, Arbeitsschwerpunkt „Wohnen im Alter“. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zum Thema.

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