BIM-Projekte gibt es nicht!Siegfried Wernik, Stuttgartzum Thema „Digitales Planen und Bauen“

In den letzten Jahren hat das Thema Building Information Modeling (BIM) in der Bauwirtschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen. BIM löst Begeisterung und Ängste aus. In erster Linie aber herrscht eine grandiose Missinterpretation des Begriffes vor, der in jedem Kopf etwas anderes auslöst. Als wenn es die BIM-Methode oder das BIM-Projekt gäbe! Es geht um modellbasierte, digitale und interdisziplinäre Planungs- und Kollaborationsprozesse in der Bauwirtschaft. Und davon gibt es viele in einem Projekt! In keinem mir bekannten Projekt sind alle Prozesse vollständig digital und datenbasiert durchgeführt worden. Auch der Terminus „alle Prozesse“ ist problematisch, als wenn wir tatsächlich den Überblick über alle Prozesse bei der Vorbereitung, der Realisierung und dem Betreiben eines Bauwerkes hätten.

Für alle Akteure, die das Thema tiefer durchdrungen haben, ist der wichtigste Teil des Akronyms BIM das „I“ für Information. Der anschaulichste Teil ist zugegebenermaßen das „M“ für Modeling. Ingenieure und Architekten sind visuell orientiert. Da fällt es recht leicht, mit Abbildungen von komplexen 3D-Modellen zu beeindrucken. Nur geht es bei BIM im fortgeschrittenen Stadium nicht (mehr) darum, Modelle zu erstellen, sondern die dort enthaltenen Informationen in Datenform im Prozessverlauf eines Bauvorhabens innerhalb des Projektteams und dem Auftraggeber zur Verfügung zu stellen und miteinander zu teilen. Wir reden also im Grunde von Datenbanksystemen, deren Strukturen kompatibel sind und deren Inhalte verlustfrei ausgetauscht werden können. Hierbei stellen sich Fragen wie: Wer stellt wann welche Teile (oder Teilmodelle) des (gemeinsamen) Datenmodells her, was sollen diese Teile enthalten, wer fügt wann welche Informationen hinzu und welche Informationen darf ich wann im Datenmodel erwarten? Spätestens hier kommt der Name „Building Information Modeling“ ins Wanken. Es wäre wohl besser von „Building Information Management“ oder vielleicht auch von „Construction Information Management“ (was die Ingenieurbauwerke einschließt) zu sprechen.

Jede halbwegs ernstzunehmende Softwareapplikation für Architekten und Ingenieure behauptet, BIM zu liefern oder (wenn es etwas ehrlicher zugeht) „BIM ready“ zu sein. Wenn wir uns aber klar machen, dass kein einziges Softwareprodukt alle erforderlichen Prozessschritte und Fachleistungen im Zuge der Planung, der Realisierung und des Betreibens von Bauwerken abbilden kann, können wir auch nicht davon sprechen, dass es die BIM-Software gäbe. In der sehr fragmentierten und heterogenen Planungs-, Bau- und Immobilienwirtschaft gibt es darüber hinaus so viele unterschiedliche Rollen und Akteure, dass in keinem Fall von einem einheitlichen Projekt gesprochen werden kann. Es gibt insofern bei der Entstehung und dem Betrieb eines Bauwerks eine ganze Reihe von Projekten. Jeder Akteur mag sich in der neuen digitalen BIM-Welt mit modellbasierten, digitalen und womöglich interdisziplinären Prozessen des Sammelns und des Austausches von Informationen beschäftigen und diese auch virtuos anwenden. Allein, ein „BIM-Projekt“ entsteht damit noch nicht wirklich. Im Grunde entstehen viele BIM-Teilprojekte. Je weniger Informationen in den digitalen Prozessen verloren gehen, desto vollständiger ist die Vision eines ganzen „BIM-Projekts“. Insofern sollten wir mit dem Begriff sehr vorsichtig umgehen und genau die einzelnen angewendeten Prozesse oder die Teilprojekte beschreiben. „BIM-Projekte“ gibt es bis auf Weiteres nicht!

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