Anleitung zum Rundgang

Wie waren eigentlich die 1980er? Postmodern, möchte man gleich rufen, jedenfalls bezogen auf die Architektur. Kann die Postmoderne in Deutschland, also auch in Frankfurt a. M. ein Fokus sein, die Architektur dieses Jahrzehnts in einen Architekturführer aufzunehmen? Tatsächlich sind die zehn hier vorgestellten Bauten – plus Zugaben im abschließenden Teil – nicht nur Protagonisten der Postmoderne, mit der Schirn oder dem Messe Torhaus fehlen Wesentliche. Oder sie werden – wie die  einmalig architekturhistorisch bedeutsame Bebauung der Saalgasse – in einem Essay thematisiert, der auf das Ganze schaut, fotografisch allerdings leider nur auf das Detail fokussiert; was unverständlich ist, an dieser Stelle ganz besonders, denn allein der Blick auf die Strada Novissima in tutto offenbart ihre Einzigartigkeit, die sie europaweit bis heute behauptet.

Der Fokus auf Ausschnitte ist allerdings Konzept, wahrscheinlich soll er konzentrieren, eine irgendwie auch haptische Nähe vermitteln oder schlicht verhindern, dass die Aufmerksamkeit in den Kontext abfließt. Konzept dieser Reihe ist ebenfalls, das Jahrzehnt als eine Komplexität darzustellen, mit zahlreichen – teils hervorragenden Essays – das Gebaute kulturell zu kontextualisieren, wenn es visuell schon nicht erlaubt ist.

Einige der zehn Bauten sind dem Rezensenten unbekannt und das ist das Schöne dieser mittlerweile auf vier (Jahrgangs-)Bände angewachsenen Reihe: Wir können entdecken. Meine Entdeckung in diesem Buch ist dann allerdings nicht ein Haus, sondern die Erinnerung an den Film „Ferdi gegen Frankfurt“ von Digne Meller Marcovicz, den wiederanzuschauen uns Fabian Wurm ans Herz legt. Und damit sind wir mitten in der Stadtgeschichte von Frankfurt a. M. heute, in der die Kramer-Bauten höchst bedroht, weil völlig unterbewertet, und damit auch ungepflegt sind. Architekturführer? Wenn man dieses Hinführen auf Themen als Anleitung zum Stadtrundgang versteht, dann ganz sicher! Be. K.

Architekturführer Frankfurt 1980–1989. Hrsg. v. Freunde Frankfurts, Wilhelm E. Opatz. Junius Verlag, Hamburg 2020, 208 S., 80 Farbabb.
44 €, ISBN 978-3-96060-525-6
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