An Bedürfnissen orientieren
Denkanstöße zum
Bad der Zukunft

Wer die Frage stellt, wohin sich das Badezimmer entwickelt, erhält oft eine scheinbar universelle Antwort: „Es wird schöner, exklusiver und komfortabler.“ Das trifft zwar zu, greift aber zu kurz. Auch für Architekten und Planer lohnt es sich, fernab von gängigen Design- und Stildiskussionen grundsätzlich darüber nachzudenken, wie und wozu die Menschen das Bad eigentlich nutzen bzw. nutzen wollen. Auf dieser Basis wirft das Pro­­jekt „Pop up my Bathroom“ einen mutigen Blick in die Zukunft.

Wesentlicher Ansatz der gemeinsamen Initiative der Messe Frankfurt und der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) war es, individuelle Badbedürfnisse zu ermitteln und daraus generelle Tendenzen abzuleiten. Dabei kristallisierten sich drei Grundströmungen heraus. Mit der schlichten Recherche gab sich das Projektteam jedoch nicht zufrieden. Vielmehr realisierte, formulierte und inszenierte es Konzepte als Denkanstoß für alle, die professionell mit Bädern zu tun haben. Schon die ungewöhnlichen Orte der Fotoshootings unterstreichen den zum Teil visionären Charakter. Denn: Bäder auf einem Parkhaus-Dach, in einem Biergarten oder in einem LED-illuminierten Aussichtsturm aufzubauen und abzubilden, gehört nicht gerade in die Kategorie „Normalität“. Bei aller Unterschiedlichkeit verbindet die porträtierten Trendrichtungen, dass sie viel Platz erfordern. Die aktuelle statistische Durchschnittsgröße eines deutschen Badezimmers von 7,8 m² genügt daher nicht, um die Wünsche an das Bad von morgen er- und ausleben zu können.

„Busy Bathroom“: Offen für Kommunikation

Was der sanitäre Raum in der Tradition der römischen oder griechischen Badehäuser war, ist er im Nahen Osten mit dem Hamam immer noch: ein Ort der Begegnung. Im Bad der Zukunft könnte sich Geschichte wiederholen. Schon jetzt zeigt sich das Bad zunehmend offen – für das Schlafzimmer, den Wohnsektor oder sogar den Garten. Soweit muss innovative Badplanung vielleicht nicht gehen. Aber die gedankliche Öffnung des Raumes für mehrere Nutzer gleichzeitig erscheint ebenso geboten wie konsequent. „Busy Bathroom“ definiert sich also als ein geschäftiges, buchstäblich lebendiges Bad.

Ähnlich wie die Küche ist das Bad ein Ort täglicher Routinen, an dem neben existentiellen auch kommunikative, soziale Bedürfnisse erfüllt werden. Erwachsene putzen ihren Kindern die Zähne, schrubben ihrem Partner in der Badewanne den Rücken, assistieren ihm bei der Linderung des Sonnenbrands oder helfen älteren bzw. behinderten Angehörigen beim Ausstieg aus der Badewanne.

Aber es geht auch um die ganz banale tägliche Kommunikation. Im Bad werden morgens Routineangelegenheiten geklärt, Informationen ausgetauscht und Pflegetipps vermittelt. Im Bad wird gemeinsam geduscht und gebadet. Im Bad entsteht zusammen das möglichst perfekte Outfit für Beruf und Freizeit. Kein Wunder, dass Großraumduschen, Doppelbadewannen und -waschtische sich bereits seit einiger Zeit steigender Beliebtheit erfreuen. Das Bad als gemeinschaftlich genutzter Raum steht nicht nur bei Familien hoch im Kurs.

Was liegt da näher, als dem Wunsch nach mehr Wohnlichkeit nachzukommen und insgesamt mehr Freiraum etwa für spielende Kinder, Yoga-Übungen, Liegestützen oder Bücherwürmer zu schaffen? Die so interpretierte und praktizierte Kommunikation im Bad erweist sich als wichtiges Element körperlichen und seelischen Wohlbefindens.

Universal Design als Leitprinzip erhält auch deshalb neue Aktualität. Es eignet sich nicht nur für das Generationenbad, sondern trägt dazu bei, den Raum für einen realen Treffpunkt für Jung und Alt zu schaffen. Künftige Badplanung sollte dies gestalterisch zum Ausdruck bringen und damit die Wohnverhältnisse den wirklichen Bedürfnissen anpassen. Und wem Kommunikation und Multifunktionalität dann doch zu „busy“ werden, der schließt die Badezimmertür einfach hinter sich zu, um allein zu sein.

„Bathroom Bubble“:

Anker im Leistungsmeer

Als quasi zeitloser, intimer Ort schafft das Bad einen wohltuenden Ausgleich zu einer Repräsentationskultur mit ihrem (vermeintlichen) Zwang zu permanenter Profilierung. Immer mehr geraten Gestaltung und Einrichtung der  Wohnung in den Fokus öffentlicher Wahrnehmung. Verstärkt prägt die Wohnung das Bild, das sich Freunde, Bekannte und nicht zuletzt Arbeitskollegen von jemand machen. Die Verbreitung von Homeoffices ist nur ein Grund für eine langfristige Entwicklung, die große Teile des gesellschaftlichen Lebens in die Privatsphäre verlagert. Deshalb gewinnt das Bad als fast letzter Rückzugsort künftig noch mehr Bedeutung für das persönliche Wohlbefinden.

Bei „Bathroom Bubble“ geht es im Kern um die Idee eines Raumes im Raum, der einer Kapsel unter der äußeren Hülle ähnelt. Dabei kann – und soll sogar – das Badezimmer in punkto Repräsentativität das gleiche hohe Niveau wie die Wohnungseinrichtung haben. Dafür sorgen schon die Komfort- und Ästhetikansprüche des Nutzers, der die im Bad verbrachte Zeit natürlich genießen will. Was für die ganze Wohnung gilt, gilt daher ebenso für das Bad: Die Menschen wollen darin sich und ihr individuelles „Selbstbild“ repräsentiert sehen.

Allein sein und Alleinsein zelebrieren – so lautet daher die Devise dieses Badkonzep­tes. Dabei ist es nicht nur die Abgeschlossenheit des Raumes, die ein „Fallenlassen der Maske“ ermöglicht. Hinzu kommt die rituelle Funktion des Elementes Wasser: Es reinigt, befreit und regeneriert.

Das Badkonzept ordnet mithin alles den jeweiligen Bedürfnissen des Einzelnen unter. Es schafft bewusst Grenzen in einer ansonsten zunehmend entgrenzten Umwelt. Herrschen dort Hektik und die ständige Notwendigkeit, auf externe Einflüsse zu reagieren, Er­wartun-gen zu erfüllen und sich äußeren Rahmenbedingungen anzupassen, gewährleistet der „Bathroom Bubble“ Ruhe, Abgeschiedenheit und auch die Muße für neue Ideen. Nicht zuletzt behaupten viele Kreative, unter der Dusche die besten Einfälle zu haben.

Die positiven Effekte entstehen durch eine separierte, eventuell sogar schallgedämmte Schutzatmosphäre und Emo­tionalität. Sie resultiert aus der Vernetzung von Produktästhetik und -funktion sowie dem Zusammenspiel von Farbe, Material und Form. Das Bad muss Geborgenheit vermitteln. So individuell wie der Mensch präsentiert sich auch das Bad. Dabei gibt es kein Stildiktat. Ob modern oder opulent, ob organisch-natürlich oder kühl und eckig, ob puristisch oder mit floralen Elementen reich bestückt – der richtige Mix entscheidet.

„Bathroom (R)Evolution“:

Intelligente Technik verwöhnt

Design hat das Badezimmer verändert, es ästhetischer, genussorientierter und wohnlicher gemacht. Aber nun steht das Bad mit der Integration neuer Materialien und moderner Technologien am Beginn der nächsten Ära. Es wird Zeit, sie intensiv vorzubereiten und zu begleiten. Denn: Wie in keinem anderen Wohnraum geht es im Bad um die intelligente Gestaltung der Schnittstelle Mensch-Technik. Eines scheint klar: Das Bad der Zukunft wird bei Sicherheit, Komfort und Individualisierung keine Kompromisse dulden. Schon

heute träumen viele von einem Bad, das morgens mit einem angenehm warmen

Ambiente empfängt und sanft auf den Tag einstimmt. Vorgeheizt, mit nicht zu greller Beleuchtung, mit der Lieblingsmusik aus dem Radio. Am Abend wartet das Bad mit entspannendem Licht, programmierter Dusch-sequenz oder mit einer sich automatisch füllenden Badewanne auf den Heimkehrer.

„Bathroom (R)Evolution“ verkörpert eine von individuellen Bedürfnissen „gelenkte“ Einheit. Digitale Technologien helfen dabei ebenso wie intelligentes Produktdesign, das sich wenn nötig auch extrem schlank macht. Und: Innovative Designlösungen bieten dem Auge ebenso Halt wie tastenden Händen oder unsicheren Beinen. Zuverlässige Sicherheit ist nach der Hygiene das zweitwichtigste Bedürfnis. Erst dann folgen Komfort, Intimität und Erlebnischarakter. Nicht umsonst ist Barrierefreiheit in aller Munde. Sie dient nicht nur der Sicherheit sämtlicher Nutzer des Bades – egal, ob gehandicapt oder nicht; egal, ob klein oder groß. Sie macht selbstständiges Leben von älteren Menschen oft überhaupt erst möglich. Insofern verändert das Konzept das bisher gültige Hierarchieschema, indem es Ergonomie auf das ganze Bad bezieht. Dabei stellt die rasante Technisierung des täglichen Lebens die Ergonomie als Basis guten Designs vor große Herausforderungen. Intelligente Technik, das heißt Wohnkomfort in einer früher undenkbaren Dimension.

Intelligente Technik heißt aber auch neueProbleme etwa bei der Bedienbarkeit. Sogenanntes Interface-Design und damit die Gestaltung von Benutzeroberflächen wird auch speziell im altersgerechten Bad zu einer zentralen Aufgabe.

Last but not least ist „Bathroom (R)Evolution“ multimedial. Beispiel „Spiegelschrank“: Er könnte sich neben seiner klassischen Funktion künftig als Info-Theke und Datenbank bewähren, in der u. a. medizinische oder kosmetische Informationen gespeichert und abzurufen sind. Aber: Nicht jeder technische Gag macht auf Dauer Sinn. Technik als purer Selbstzweck scheidet also aus. Sie konsequent an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren – darauf kommt es für Konstrukteure und Designer an. Ob man das nun Revolution oder Evolution nennt, erscheint eher zweitrangig.

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