Absurd sind die Anderen
Villa Nurbs,
Empuriabrava/E

Zwei Dinge inspirieren den Architekten Enric Ruiz-Geli: Natur und Technik. Im künstlich, traditionell anmuten­den Empuriabrava gibt von Beidem wenig. Ausgerechnet hier sollte er nun ein Wohnhaus bauen. Die Gegenarchitektur zur Künstlichkeit heißt Villa Nurbs.

Bizarre Felsformationen, kleine Badebuchten, Steilhänge und grüne Hügel. Spätestens seit Salvador Dali ist die surreale Schönheit der Costa Brava weltberühmt. Seither besuchen massenhaft Touristen die Region, große Ferienzentren entstanden, so auch Empuriabrava. schon einmal berichtete die DBZ über diesen künstlich geschaffenen Ferienort (07/2007). Der katalanische Architekt Enric Ruiz Geli beschreibt den Ort so: „Das ist keine Trumanshow, das ist real.” Gleichförmig ziehen sich die Wasserkanäle zwischen traditionell anmutenden Villen, ein planmäßig errichtetes Stück Spanien, scheinbar makellos.

Der Zufall der Geometrie

„Empuriabrava, das ist der Kampf des Wassers mit dem Asphalt,“ sagt der Architekt. Die Verbindung zweier Materien zu etwas Neuem, das inspirierte ihn zur Form einer Wolke, die nicht planbare Gestalt von Luft und Wasser. Es ist der Zufall als Laune der Natur der die Geometrie der Landschaft bestimmt, besonders an dieser zerklüfteten Küste. Sie steht im Gegensatz zu den von Planern durchdetaillierten, strengen Geometrie des Ortes, die nichts Zufälliges und Natürliches in sich birgt. Enric Ruiz-Geli wollte dem Planmäßigen etwas Natürlicheres gegenüberstellen, den Zufall zur Grundlage seines Entwurfes machen.

Was sind Nurbs?

Die mathematische Berechnung der zufälligen Form, das sind Nurbs, computergenerierte Linien, die nach bestimmten mathematischen Parametern eine Form beschreiben. Die Endform, die daraus resultiert, kommt dem Zufall nah, je nach Dichte und Anzahl der Parameter. Es verhält sich dabei wie die Gestalt des menschlichen Körpers, dem bestimmte, gestaltgebende Funktionen zu Grunde liegen, der darüber hinaus aber zufällig und individuell geformt ist.

Die grundlegenden Faktoren für die Form der Villa Nurbs bestimm­ten die Architekten gemeinsam mit den Bauherren, die während der digitalen Berechnung der Form den Prozess steuerten, neue Gestaltungsanforderungen hinzufügten: Klimabedingungen, Lebensgewohnheiten und das Umfeld waren Kriterium.

Der Computer ermöglichte via CAD und CAM die Berechnung und Produktion von komplexen Bauteilen für die maschinelle Vorfertigung. Dieser haftet oft das Klischee der Serienproduktion standardisierter Bauteile an, hier ermöglicht sie aber die individuelle Fertigung der amorphen Bauteile. Ohne High-Tech-Entwurf und -Produktion wäre die zufällige Form kaum zu bauen ; die fließenden Form, der Bau einer amorphen Geometrie würde viel Zeit und Geld kosten

Unten massiv, oben leicht

Das Zusammenleben in der Villa Nurbs erscheint trotz ihrer High-Tech-Produktion archaisch. Wie in einer Höhle orientiert sich die offene Raumabfolge, „das fließende Kontinuum“ wie Ruiz-Geli sagt, zu einem Innenhof. Statt um das Feuer sammeln sich die Bewohner um die Materie Wasser, in Form eines Pools; die Fassade schottet sie von Ihrer künstlichen, menschlich geschaffenen Umgebung ab, nur punktuell gibt es Sichtbezüge nach außen. Die natürliche Umgebung hingegen, wie Licht, Himmel und Wind, dürfen das Wohnhaus durchdringen. Dazu setzt der Architekt auf Technik:

Die Konstruktion des Wohnhauses

Sie basiert im Sockelgeschoss auf zwei Stahlbetontrichtern, die nach oben eine Plattform ausbilden. Die Trichter dienen als Eingangsbereich mit Treppe für das Wohngeschoss darüber und als separate Einheit, einer kleinen Bar. Jeweils ein bewegliches Stück Betonwand bildet die Eingangstür. Wie bei einem Tresor ist das die einzige Öffnung der Trichter. Tageslicht scheint durch die obere Wohnebene in den Eingangsbereich, Kunstlicht leuchtet die Bar aus. Glasfasern im Beton lassen das Tageslicht in den massiven Wänden leicht schimmern.

Auf der Plattform darüber formt eine Stahlkonstruktion die Umrisse des Wohnraumes, in gebogenen Stützen und ringförmig umlaufenden Stahlrohren. Daran lehnt sich die technisierte Außenhaut mit einer äußeren und einer inneren Hülle. Eine Stahlseilkonstruktion hält Teile der äußeren Hülle wie einen Stoff zusammen; Innen tragen sich die Fassadenpaneele durch die gebogene Form selbst. Die thermischen Anforderungen übernimmt vor allem die innere Hülle mit Luftisolationspaneelen und PCM-Platten, die via Latentspeicherung das Raumklima stabilisieren. Die Fassade soll aber mehr können als dämmen: Sie soll vor dem Umfeld abschotten, vor Sonne und Wetter schützen und Tageslicht übermitteln. Um alle Anforderungen zu erfüllen, gliedert der Architekt die äußere Hülle in verschiedene Zonen:

Die Außenhülle mit verschiedenen Zonen

Zu einem Teil besteht sie aus transluzenten Corianpaneelen, die eine CNC-Fräse passgenau und dünn zuschnitt. Durch Wärme ließen sich die Paneele biegen, so dass sie sich an die geschwungene Form der Stahlkonstruktion fügen. Mit einem länglichen Oberflächenrelief betonen sie die amorphe Form des Gebäudes. Durch das dünne Corian fällt Sonnenlicht gestreut in den Innenraum; nachts hingegen wirkt das Haus wie eine Laterne, wenn Kunst­licht durch die Paneele nach Außen in die Dunkelheit leuchtet. Auf der Wetterseite des Hauses schützen emaillierte, in eine Stahlseilkonstruktion eingehängte, Keramikschindeln die Fassade. Eine gebogene Glasfassade umgrenzt den Hof, dennoch scheint der Innenraum nahtlos in die Poolfläche überzugehen. Die Wirkung erzielen rahmenlose Glasscheiben, die in Profilschienen bündig im Boden und in der Deckenkonstruktion stecken. Zwischen den Gläsern jeder Scheibe, in der dämmenden Luftschicht, reagiert ein Gas sensorengesteuert auf die Umgebungskonditionen, wie Licht- und Wärmeeinfall: Es wechselt bei starker Sonneneinstrahlung von transparent auf opak. Die Künstlerin Vicky Colombet gestaltete ein Farbmuster auf einer transparenten Folie, die sie im Scheibenzwischenraum aufkleben ließ. Wechselt die Scheibe ihre Transparenz, so erscheint auch das Muster entsprechend deutlich.

Das Dach ist ebenfalls High-Tech:

Luftkissen mit drei Kammern reagieren über Sensoren auf die Umgebungskonditionen: Graue Punkte strukturieren die EFTE-Wände der Kissen, mehr Luftdruck im Innern spannt die Flächen und dehnt sie. Der Abstand der Punkte und der Folien zueinander vergrößert sich und mehr Tageslicht fällt in den Innenraum. Sinkt der Luftdruck, sinkt auch der Tageslichteinfall im Innenraum.

Bei all der Technologie fragt man sich, ob die Villa wirklich einen natürlichen Bezug hat. An EnEV-Maßstäbe braucht man nicht zu denken. Ruiz-Gelis Bauten beschränken sich nicht auf die Energiebilanz und auf den Rohzustand eines Materials. Wie ein großes Insekt steht das Wohnhaus befremdlich im Stadtgefüge und scheint auf Reaktionen zu warten; irgendetwas, das sich ändert an der Künstlichkeit Empuriabravas. „Absurd,“ mögen Passanten urteilen. Doch durch die wenigen Ausgucke der Villa Nurbs sieht man, absurd sind die anderen. Rosa Grewe, Darmstadt

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