100 Jahre Kuppelsaal Hannover

Zwei Wochen vor Ausbruch des Weltkriegs 1914-18 wurde in Hannover ein Bauwerk feierlich eröffnet, von dem heute kaum jemand etwas weiß. Am 11./12. Juni 1914 feierten die Hannoveraner mit einem großen Musikfest die Einweihung ihrer neuen Stadthalle mit dem so genannten Kuppelsaal auf dem ehemaligen Militärgelände „kleine Bult“ unweit des Stadtwaldes Eilenriede. Den Architektenwettbewerb hatte 1910 der junge Stuttgarter Architekt Paul Bonatz zusammen mit seinem Partner Friedrich Eugen Scholer mit einem neo-klassizistischen Entwurf gewonnen, das römische Pantheon war Vorbild.

Es sollte eine „multifunktionale“ Stadthalle entworfen werden für „Musikaufführungen, Kongresse und Versammlungen“ mit einem ansteigenden Podium für 80 Musiker und 400-600 Sänger und mit 3 500 Sitzplätzen für die Zuhörer. Baubeginn war im Februar 1912. Zwei Jahre später stand das Bauwerk, dessen Zentrum die große Kuppel mit einem Durchmesser im Grundriss von 42,5 m und einer lichten Raumhöhe des gleichen Maßes bildet. Schlanke korinthische Säulen trugen die Kuppel mit zentralem Oberlicht und kassettierter Decke. Es muss ein beeindruckendes Raumerlebnis für die Besucher gewesen sein. Jedoch gab es von Anfang an Probleme mit der Akustik bei musikalischen Aufführungen.

Den Weltkrieg überstand der Bau ohne größere Schäden. Danach erlebte er seine „erste große Blütezeit“. Von 1918-1933 fanden nicht nur Musikaufführungen und Sängerfeste statt sondern auch politische, kirchliche oder sportliche Veranstaltungen. Die Nationalsozialisten nutzten den Bau für ihre Propaganda. Bei den Bombenangriffen auf Hannover 1943-1945 wurde das Bauwerk schließlich stark beschädigt. Paul Bonatz lebte inzwischen in Istanbul und lehrte dort Architektur an der Universität. Bei einem Besuch im Herbst 1949 in Hannover soll er geäußert haben: „Bestellen Sie einen großen Rasierhobel und putzen Sie den ganzen Überfluss ab.“ Zunächst schloss man nur das Kuppelsaaldach provisorisch. Als Zeichen eines Neu­beginns fand 1951 die erste Bundesgartenschau im Stadthallengarten statt. 1953 folgte eine Innensanierung, bei der Bonatz’ Empfehlung weiterverfolgt wurde: Die korinthischen Kapitelle und Basen der Säulen wurden „abgeschlagen“, der Tambour erhöht. Von 1947-1961 hatte der Niedersächsische Landtag sein Domizil im Kuppelsaal. Anfang der 1960er Jahre gab es schließlich mehr Geld, und der hannoversche Architekt Ernst Zinsser begann mit der Wiederinstandsetzung als Konzertsaal. Zinsser verkleinerte das Raumvolumen deutlich indem er zur akustischen Optimierung eine Decke leicht schräg einhängen ließ, die mit viereckigen Akustikelementen verkleidet war. Die sollte an die Kassetten des Kuppeloriginals erinnern. Mit einem Bremer Flugzeugbauer entstand ein großer Schallreflektor, der noch heute über dem Orchesterpodium im Saal hängt. Die schlanken Säulen erhielten eine dicke dunkle Ummantelung. Überhaupt war das Farbkonzept geprägt vom Geist der Zeit. Während der ursprüngliche Saal hell gestrichen war, prägten nun dunkle Töne den Raum. Seitdem ist bis auf einen helleren Anstrich im Jahr 1998 nichts passiert, länger schon verzichten viele Musiker auf einen Auftritt im Kuppelsaal.

Nun haben Studierende der Architekturfakultät der Leibniz Universität Hannover unter Leitung von Prof. Jörg Friedrich unterstützt von Prof. Jörg Sennheiser (Sennheiser electronics, Hannover) in monatelanger Recherche und Detailarbeit ein Modell des historischen Kuppelsaals im M 1:25 gebaut, das zu den Jubiläumsveranstaltungen im August/September 2014 im Hannover Congress Centrum (heutiger Name der Stadthalle) präsentiert wird. Danach soll das 4 m hohe Modell für akustische Messungen genutzt werden, deren Ergebnisse der Sanierung dienen. Oliver Thiedmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni und Projektbetreuer: „Es wurde diskutiert, ob ein Schnittmodell für Akustikmessungen überhaupt geeignet ist.“ Die Kuppelsegmente wurden in der Tischlerei des benachbarten Holzbau-Instituts aus MDF-Platten und 3 mm starken PE-Platten verpresst und verklebt, bevor sie in einer Klimakammer gebogen wurden. Mittlerweile möchten mehrere Institute das Modell für Forschungszwecke nutzen.

Die Stadt Hannover hat die Kuppelsaalsanierung für Juli 2015 bis Januar 2016 fest terminiert. Zur Zeit läuft ein VOF-Verfahren zur Sanierung. Immerhin ist der Kuppelsaal einer der größten Konzertsäle Europas. Mit 3 500 Plätzen ist er größer als die Hamburger Elbphilharmonie (geplante 2150 Sitzplätze). Susanne Kreykenbohm, Hannover

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