Das kriegen wir hin, da bin ich sicher!

Wenn ein Interessenverband der Baustoffindustrie eine Art von Richtigstellung veröffent­licht, zeigt das zweierlei: Erstens, es ist Druck im Kessel, zweitens, es gibt Kommunikationsbedarf. Dem letzteren sind wir gefolgt und trafen uns mit Christian Bruch, Geschäftsführer der DGfM e. V. in Berlin. Und unterhielten uns … weniger über Zahlen.

Herr Bruch, schön, dass Sie so schnell zugesagt haben. Sie sind, wie ich recherchierte, auch Anwalt. Da könnte es schwierig werden, mit Ihnen über Zahlen zu streiten. Dennoch ist der Anlass unseres Gesprächs genau das: ein Zahlenstreit. Sie haben – in einer Presse­aussendung der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau e. V. (DGfM) – einmal und grundsätzlich „etwas richtigstellen“ wollen. Titel der Pressemitteilung war: „Warum die 38 %-Debatte am Kern des Klimaschutzes vorbeigeht“.

Christian Bruch: Wir wollten ja nicht über Zahlen streiten, aber anmerken muss ich vorab, dass diese Überschrift nicht die des dann anhängenden Artikels war. Die Intention dieses Artikels war der Hinweis, dass wir Debatten um nachhaltige, wirtschaftlich solide und gesellschaftlich bedeutsame Entwicklung im Gesamtrahmen der Nachhaltigkeit führen sollten und nicht in plakativ gesetzten Einzelaspekten. Nachhaltigkeit hat aus unserer Sicht die schon genannten drei Säulen: Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Das sind drei Säulen, die Sie definieren.

Das sind die drei Säulen, die allgemein Nachhaltigkeit definieren, zumindest im Baubereich, wenn man über nachhaltige Gebäude redet, über Zertifizierung und ähnliches. Wenn wir diese Aspekte in Einklang bringen wollen, müssen wir sie gewichten, richtig gewichten. Und deswegen hieß auch die Überschrift meines Artikels, „Plakative Zahlen und Nachhaltigkeit sind unvereinbar.“

Nun haben Sie aber selbst auf den Wert des Plakativen in Ihrem Beitrag hingewiesen …

Den Wert sehe ich immer noch. Das Plakative hat zu Beginn einer Debatte seine Bedeutung. Wir hatten das Gefühl, die Gesellschaft wachrütteln zu müssen, sie darüber aufklären, dass wir auf eine Katastrophe durch unsere Einflussnahme auf das Klima zusteuern. An diesem frühen Punkt waren, um eine Diskussion anzustoßen, plakative Zahlen richtig.

Ja und nein. Einfache Lösungen können durchaus das Beste sein. Sie waren, um auf Sie selbst zu kommen, Geschäftsführer des GDI-Gesamtverband Dämmstoffindustrie und folgend bis 2020 Bundesgeschäftsführer des BfW-Bundesverband Freie Immobilien- und Wohnungsunternehmen. Jetzt sind Sie Geschäftsführer der DGfM e. V. Sie selbst bezeichnen sich als Lobbyisten. Ich habe bei Google geschaut: Von hier aus bis zum Bundestag sind es 200 m Luftlinie. Wie schätzt ein Lobbyist die Bauwirtschaftslage gerade ein? Schwierig, spannend, herausfordernd?

Absolut herausfordernd. Vor allen Dingen für die Wirtschaft, für die Industrie, aber auch für die Menschen insgesamt, die gerade eine Wohnung suchen …

... und auch die, die Arbeit suchen.

Ja, auch für die Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Obwohl ein unheimlicher Bedarf an Wohnungen da ist, wird das Produkt gerade wenig nachgefragt im Vergleich zu vor drei Jahren. Herausfordernd für die Industrie auch deswegen, weil sie vor den größten Investitionen steht, um die geforderte und richtige Transformation leisten zu können. Kosten explodieren, der Markt ist halbiert, Umsätze brechen ein. Hier ist das Setzen politischer Rahmenbedingungen entscheidend dafür, ob das alles bewältigt werden kann.

Ist ein Lobbyist nicht in erster Linie ein Status-Quo-Bewahrer? In Zeiten, in denen alles nach Aufbruch schreit, vielleicht schwierig?

Wie in jeder anderen Berufsgruppe auch gibt es bei uns unterschiedlichste Auffassungen darüber, wie er oder sie die Arbeit macht. Grundsätzlich hat der Industrie-Lobbyist zwei Aufgaben. Er hat zum einen der Politik zu vermitteln, wie die Stimmung der von ihm vertretenen Partner aus welchen Problemlagen resultiert. Gleichzeitig vermitteln wir unseren Mitgliedern, welche An-
forderungen seitens der Politik auf sie zukommen können. Denn die Politik ist das Steuerelement gesellschaftlicher Entwicklung. Und weil die Industrie integraler Teil der Gesellschaft ist, kommt sie gar nicht drumherum, den Wandel, den die Gesellschaft will, mitzugestalten. Zumindest dann, wenn sie langfristig existieren möchte.

Wieso komme ich da nun auf den langen Schlaf der Automobilindustrie?! Integraler Bestandteil dieser Gesellschaft …

Dazu kann ich nur mutmaßen, das ist nicht mein Feld. Aber vielleicht kann man das Zögerliche auch auf Ihre Wissensbranche übertragen?! Für meine Branche sehe ich, dass sie heute die besten Steine der Welt herstellt, von der Statik, vom Wärmeschutz, von allen Anforderungen, die da sind.

Keine Werbeblöcke, hatten wir vereinbart!

Es gab noch nie so gute Steine. Aber: Diese unbestreitbare Qualität reicht nicht mehr aus. Heute fragen die Kunden, wie diese Steine hergestellt werden, Stichwort CO2. Jede Industrie hat für sich einen Fahrplan hin zur CO2-Freiheit gemacht. Jetzt muss der Rahmen definiert werden, in dem wir dann agieren können.

Sind die Unternehmen auch schon einmal weiter als ihre Lobbyisten?

Lobbyisten vertreten meistens Unternehmensgruppen und hier sind die Unternehmen häufig unterschiedlich weit. Wenn dann ein Unternehmen sagt, es sei ganz weit vorne in allem, wird die Politik schnell sagen: Wenn das einer kann, warum machen es dann nicht alle?! Um hier eine einheitliche Kommunikation zu führen, haben wir dann einen Vorstand, haben wir Gremien, die sondieren und austarieren, denn das ist klar: Auch unsere Unternehmen stehen untereinander im Wettbewerb.

Welche Unternehmen vertreten Sie?

Die bekanntesten sind wohl Xella und H+H. Aber die Branche besteht überwiegend aus mittelständisch und regional organisierten Unternehmen. Tatsächlich vertreten wir ohnehin nur die Fachverbände, in denen die Unternehmen organisiert sind. Wir, die DGfM e. V., sorgen dafür, dass der Markt groß bleibt, dass viel gebaut wird, weil die Menschen Lust haben, Wohnungen zu bauen.

Es gibt das schöne Wort „antichambrieren“. Gibt es das heute noch, sitzen Sie wartend auf den Fluren in den Zentralen der Macht, und zupfen, wenn ein Staatssekretär oder die Ministerin vorbeieilen, diese am Ärmel?

Es ist doch klar, dass die Politik, die beispielsweise das Wohnungsproblem lösen will, an uns nicht vorbeikommt. Aber direkte Kommunikation findet meist nach aktiver Kontaktanfrage im Vorfeld statt. Oder Sie werden als im Bundestag gelis-teter Sachverständiger zu Anhörungen geladen. Als eher kleinerer Spartenverband agieren wir aber vor allem auf der technischen Ebene, bei der Normung zum Beispiel.

Einmal mit dem Kanzler ein Vier-Augen-Gespräch?

Traumziel eines jeden Lobbyisten ist sicher, einmal mit dem Kanzler oder der Kanzlerin zu reden. Und vielleicht gelingt ja etwas Größeres?! Der aktuelle Kanzler kümmert sich gerade um die Außenpolitik. Was auch bedeutet, dass wir als Export-Nation noch exportieren und dass die in diesen Industriezweigen tätigen Menschen sich überhaupt Neubau leisten können. Allerdings erinnerte der kanadische Premierminister mit seiner Rede in Davos auch daran, dass starke Nationen auch eine starke Binnenwirtschaft brauchen. Und meine Mitglieder tragen zur starken Binnenwirtshaft bei.

Muss man Expertise haben als Lobbyist? Oder reicht eine überzeugende Persönlichkeit?

Ja, Fach-Expertise ist wichtig, Persönlichkeit selbstverständlich. Expertise, weil ich beurteilen können muss, welche Themen und welche Tonlagen die wichtigen und die wirksamen sind. Ich bin Vermittler, Flaschenhals, Korrektiv, das alles geht nicht ohne Expertise. Als ehemaliger Baujurist und aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich genau darlegen, wie Wohnungsbau angekurbelt wird.

Auch gegenüber der Deutschen Umwelthilfe, die sich die Bauwirtschaft kritisch anschaut?

Mit Umweltverbänden sind wir eher weniger im direkten Austausch, da schon eher mit Architects for Future oder Personen, die Neubau ablehnen, weil sie ausreichend Bestand zu erkennen glauben und auf große Leerstände verweisen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen und mit ­Gutachten und aktiver Teilnahme auf entsprechenden Veranstaltungen Argumente bringen.

Da sind Sie in einer guten Position! Stein funktioniert bei Neubau, Umbau, Querbau, Zwischenbau, ist für alles gut?!

Wenn es so einfach wäre, wäre ich vielleicht meinen Job los. Was die Industrie braucht, sind – und hier wiederhole ich mich wohl – verlässliche Rahmen, Perspektiven. Investitionen in eine Fertigungsstraße sind schnell Millionenbeträge.

Ich sage nur: 400 000. Eine Halluzination?

400000 neue Wohnungen pro Jahr sind eine gesetzte Zahl. Leider. Wenn ich nun sage, dass wir die 400000 irgendwann erreichen, dann ist das nicht richtig. Hieran die Produktionskapazitäten auszurichten, ist ein Risiko, selbst bei ordentlichen Rahmenbedingungen. Die Dämmstoffindustrie hatte schon diesen Fehler gemacht und zuviele Werke gebaut: Überkapazitäten. Die haben den Unterschied zwischen Bedarf an Sanierungen und Nachfrage, also tatsächlicher Bereitschaft zum Sanieren, damals nicht gesehen. Wir versuchen, langfristige Trends auszumachen und entsprechend zu beraten. So beispielweise bei den Themen Umbau und Nachnutzung.

Mit wem arbeiten Sie da zusammen?

Wir geben Studien in Auftrag, Und sehen hier beispielsweise, dass heute schon 70 Prozent der Investitionen in die Bestandssanierung gehen. Und hier wird auch sichtbar, dass ganz offenbar das Bauen mit Mauerstein gute Weiterbau-Chancen hat. Man kann hier hervorragend sanieren. Das sehe ich bei anderen Bauweisen mit einem dicken Fragezeichen.

Werbeblock? Ist der Mauerstein am Ende der Evolutionsgeschichte angelangt?

Innovation ist nicht mit einem Fingerschnippen da. Aber der Fokus hat sich verändert, wir schauen jetzt auf die Herstellungsprozesse und da ist definitiv noch Innovationspotenzial vorhanden. Andererseits haben wir erkennen können, dass je mehr Kalk bzw. Zement der Stein hat, desto mehr CO2 nimmt er in seiner Lebensdauer wieder auf: Rekarbonatisierung.

Stehen Sie in Kontakt mit Architekten?

Ja, über die Interessenvertretung der Architek­ten, Bundesarchitektenkammer und BDA, meist im Kontext größerer Veranstaltungen wie dem Wohnungsbautag beispielsweise. Wir haben mit denen im letzten Jahr eine Studie gemacht. Es ging um die Identifikation von Impulsen für den Wohnungsbau. Da ging es um das Bauen und Flächenversiegelung. Daraus konnten wir gute Ergebnisse ableiten für flächenschonendes Bauen, Verdichtung etc. … Da könnte ich wieder einen Werbeblock aufsetzen, wenn Sie mich lassen?!

Nein! Was mich noch interessiert: Machen Sie auch einmal „Augen zu und durch“?

Nein. Auch schon nicht, weil mein Geschäft ein People-Business ist. Im Vorstand sind Unternehmerpersönlichkeiten mit eigenem Anspruch an die Arbeit. Auf diesen Anspruch konnte ich mich von Anfang an einlassen, hier steht beiderseitiges Vertrauen in die Sache.

Letzte Frage: Was steht gerade an? Was möchte der Lobbyist Christian Bruch vorantreiben?

Ein Projekt, mit dem ich mich jetzt länger beschäftigt habe, ist die Fördersystematik im Wohnungsbau. Heute wird überwiegend die Übererfüllung von Anforderungen gefördert. Das heißt, dass jemand, der sich den Hausbau ohnehin ­leisten kann, über die gängigen Förderprogram­me gesteigerte Energieeffizienz noch on top bekommt. Dadurch entstehen nicht mehr Wohnungen, sondern andere, energieeffizientere Wohnungen. Ich möchte gern eine Förderung identifizieren, die mehr Wohnungsbau zur Folge hat. Dafür müssen die ins Boot, die sich das Bauen bisher nicht leisten können.

Neu und alt?!

Neu oder alt, nachhaltig und schön.

Nachhaltig wird nicht leicht, schon wegen dem steigendem Ressourcenverbrauch …

Das kriegen wir hin, da bin ich sicher!

Mit Christian Bruch, Geschäftsführer des DGfM e.V., unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 23. Januar 2026 in der Geschäftsstelle des DGfM, Berlin.

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