Das Beste ist: Über Gott und die Welt
Peter Grundmann Architekten erhielten den diesjährigen DAM-Preis 2026 für ein Projekt in Berlin. Das Medienecho war geteilt, Freude auf der einen, Irritation zumindest auf der anderen Seite. Nach einem Vortrag Peter Grundmanns im Marta Herford (Architektur als Antithese) blieb uns nicht anderes übrig: Wir wollten mit ihm sprechen; über Architektur, aber auch über Gott und die Welt.
In einem Zeitungskommentar zu eurem Gewinn des DAM-Preises 2026 für das ZK/U Berlin wurde die Jury als aus einem „sozial-ökologisch orientierten Preisrichtermilieu“ kommend verunglimpft. Siehst du dich auch ein bisschen in diesem „Milieu“, dem sozial-ökologischen?
Peter Grundmann: Nein, ich sehe mich grundsätzlich in gar keinem Milieu. Dennoch würde ich dem zustimmen, diese Beurteilung, die wenig Qualifikation hat, ist diffamierend, ganz klar. In der Jury saßen mit Aline Hielscher, AFF Architekten, TOPOTEK 1, das DAM mit Peter Cachola Schmal, Christina Gräwe und York Forster und auch noch andere herausragende Persönlichkeiten der Architekturpraxis und Vermittlung. Der Kritik mangelte es insgesamt an Substanz. NZZ und FAZ operieren mit einer sehr eingeengten Sicht auf Architektur. Ihre Vorstellung von Architektur haben sie in unserem Projekt nicht gesehen. Dass dadurch eine Debatte über Architektur entfacht wurde, ist natürlich sehr gut, denn wann hatten wir eine solche in Deutschland zum letzten Mal?!
Mit dem DAM-Preis und den folgenden Diskussionen bist du stärker ins Rampenlicht gerückt. Du hast Interviews gegeben, deine Arbeiten werden angeschaut. Aber fühlst du dich auf der anderen Seite nicht auch vom Architektur-Mainstream vereinnahmt? Ist Peter Grundmann jetzt angekommen?
Nein. Diese Anerkennung freut mich einerseits sehr, andererseits bin ich aber wieder im Alltag angekommen, auch wenn die Gespräche über Architektur immer noch weitergehen. Ich bin längst in neuen Aufgaben unterwegs und lese auch nicht alles, was über mich geschrieben wird. Nein; ich agiere gedanklich frei und lasse mich weder von dieser noch von der anderen Seite beeinflussen.
Der DAM-Preis ist über alle Anerkennung einer Leistung hinaus auch ein Gütesiegel. Wie geht ihr damit um, nutzt du das Label aktiv?
Dafür haben wir gar keine Zeit. Wir sind in der Öffentlichkeitsarbeit kaum aktiv. Zudem hängt der Preis sehr konkret an einem Projekt, dem ZK/U, und das ist fertig. Wir haben hier viel gelernt, wir lernen aus jedem unserer Projekte und nutzen das bewusst oder auch intuitiv. Das ZK/U ist wohl nicht nur in der DAM-Reihe eine Ausnahme. Bei den Vorgängerpreisen wurde meist die Qualität, die Machart gewertet. Als die Jury vor Ort war, da war den meisten sicher noch nicht klar, dass das ZK/U den Hauptpreis gewinnen könnte. Wenn man das Gebäude betritt und sich darin bewegt, dann wird klar, dass das Gebäude mehr ist als ein rauer Ort. Es ist vor allem eine verdichtete Infrastruktur, eine Interferenz von Schichten mit Rampen, Bahnsteig, Treppen, Laubengängen, alles hintereinanderliegend und sichtbar, in dem sich Akteure, ZK/U-ler und Besucher bewegen und die Verdichtung komplett machen.
Peter Haimerl, Arno Brandlhuber, Peter Grundmann … Enfants terrible mit dem leisen Hang zur Selbstdarstellung, in jedem Fall aber klare Positionen, die neben dem Mainstream leuchten. Positionen auch, an denen sich vor allem die Jungen orientieren. Siehst du das auch so?
Welche Selbstdarstellung? Ich bin in der Vergangenheit eher selten auf Bühnen unterwegs gewesen. Aber grundsätzlich ist es schon wichtig, dass die von dir genannten Architekten ihre Positionen nach außen tragen. Sie werden gebraucht, um der Branche frischen Wind einzuhauchen. Experimentelle Positionen, wie sie Frank Gehry zumindest in seinen Anfangsjahren vertreten hat, sind wichtig in der Architektur; wir müssen mehr Lösungen entwickeln, die nicht den Regeln entsprechen. Gewohnheiten, wie ein Gebäude genutzt wird, wie man sich im Haus bewegt, wie die Raumbeziehungen organisiert sind, ob jede Nutzung einen eigenen abgeschlossenen Raum benötigt, alles das wird hier thematisiert. Formale Spielereien ohne Mehrwert lehne ich ab, die interessieren mich nicht.
Ihr arbeitet aber nicht im kulturlosen Raum, es lassen sich Bezüge herstellen. Mies van der Rohe fällt mir gleich ein, sein ikonisches Farnsworth House. Gegen alle Regeln und doch in der Tradition?
Mies van der Rohe, aber auch Le Corbusier waren wichtige Bezugspunkte in meiner Studienzeit und haben mich sicherlich beeinflusst. Damals war mir nicht klar, dass Mies sich auf Schinkel bezogen hat, wie er überhaupt in Ordnungen dachte, durchaus klassisch.
Ich kann damit heute spielen, mit den Formen, aber auch den Funktionen, die wir im Farnsworth finden. Das hat sich Mies noch nicht erlaubt. Vielleicht im Barcelona-Pavillon, aber der ist ja auch ein Messebau gewesen. Ich löse gerne Dogmen auf, um Situationen zu schaffen, die der Nutzung von Vorteil sind. Rem Koolhaas hat das gemacht, lange her.
Der Blick auf das frühe Werk der großen Architekten: Ich sehe hier neben Koolhaas noch Herzog & de Meuron, ein Büro, das aus wirklich überraschenden, neu gedachten Projekten kam. Bewahrt man sich diese Frische eher, wenn man nicht im grellen Spotlight stehend ständig liefern muss?
Keine Frage, dass das ein Vorteil ist. Wir können in Ruhe arbeiten. Wir brauchen Ruhe, wir müssen ständig abwägen, wie weit wir gehen können, wieviel Freiheit wir uns herausnehmen könne. Das ist auch eine juristische Frage. Welche Risiken sind noch vertretbar im Sinne des Erhalts des Büros. Aber anders würde ich nicht arbeiten wollen. Experimente sind wichtig, Dinge zu probieren, Grundrisse neu zu organisieren. Dabei kann man auch scheitern.
Ein anderer Nachteil des Experimentierens ist der erhöhte Planungsaufwand, der sich am Ende als finanziell nicht so ergiebig darstellt. Rem Koolhaas wollte wieder kleine Projekte machen, er hat offenbar erkannt, dass man bei Großprojekten, wie beispielsweise den CCTV headquarters, den Kontakt zur Aufgabe verlieren kann.
Warum bist du so häufig auf deinen Baustellen und legst selbst Hand an?
Weil unsere technischen Lösungen oft von den Firmen als unbaubar abgelehnt oder viel zu teuer angeboten werden. Zum anderen aber auch, um Lösungen zu realisieren, die ganz unseren ästhetischen Vorstellungen entsprechen. Zudem wird der Kontakt zum Haus enger, wir können dann vor Ort korrigieren oder komplett ersetzen.
Die Glasfassade machen wir häufig selbst und auch den Möbelbau, weil Möbel vom Tischler oft nicht interessant sind. Außerdem entwerfe ich die Konstruktion immer selbst, bevor sie zum Statiker kommt. Der Statiker hat praktisch keine Entwurfsphase, muss aber die Elemente dimensionieren, und zwar immer exakt entsprechend der ankommenden Last. Das führt dann dazu, dass in einem Haus oder sogar in einem Fachwerkträger viele verschiedene Profile stecken.
Brauchst du für dein Denken über Architektur ein spezielles Bauherrengegenüber oder kannst du mit jedem Bauherrn arbeiten?
Ich kann mit jedem Bauherrn arbeiten, einige nicht mit mir. Das hat mit meiner Arbeitsweise zu tun. Ich arbeite zu Beginn in der stillen Kammer. Die meisten wissen – wenn sie künstlerisch, oder geisteswissenschaftlich oder insgesamt kulturell gebildet sind und selbst in ihren Projekten arbeiten – dass man die Leute in Ruhe lassen muss. Und: Diese Bauherren haben einfach keine Zeit, sich in den Entwurf einzumischen.
Ein Dialog findet bei euch nicht statt?
Doch, doch. Aber es muss nicht unbedingt um das Haus gehen, sondern um Gott und die Welt. Natürlich sprechen wir auch über das Haus. Aber zum Beispiel habe ich mal einen Anbau gemacht, Haus Thunecke. Zuerst wollten die Bauherrn den Anbau an das historische Bauernhaus nicht. Sie wollten das Haus nur sanieren. Und da habe ich gesagt, ein moderner Mensch muss sich den Erfahrungsmöglichkeiten moderner Architektur aussetzen, sonst verliert er viel. Da waren sie einverstanden, der Anbau wurde gemacht. Meine Argumente waren, dass ein Heraustreten aus der determinierten Struktur des Bauernhauses sehr wichtig werden könnte. Jetzt ist der Anbau, der sich als Pavillon im Garten befindet, der Ort, wo sie die meiste Zeit sind, an diesem Übergang zwischen drinnen und draußen.
Machst du noch Filme? Und wenn ja, was spielt das Filmen für eine Rolle in der Architektur?
Die letzten Filme habe ich vor vielleicht zehn Jahren gemacht. Jetzt gibt es noch einen Film, der auf die finale Schnittversion wartet. Er ist mit fast vier Stunden noch zu lang. Ich denke, dass Film und Architektur sehr eng beieinander liegen, beide arbeiten mit Raum, Licht, Zeit, Rhythmus, Inszenierung und Schnitt. Beide sind in Bewegung und nur in der Bewegung erfahrbar.
Sind das dokumentierende Filme, Spielfilme?
Eine Mischung. Ich habe einen Film über bürgerliche Karrieren gemacht, Interviews mit Abiturienten, jungen Studenten im ersten, zweiten Semester. Die habe ich gefragt, wie und wo sie sich in der Zukunft sehen. Und dann habe ich Hartz IV-Empfänger dasselbe gefragt, diesmal nicht nur junge, sondern auch die, die am Ende ihres Karrierewegs angekommen waren. Das Kontrastieren der Erfahrungswelten war interessant.
Bürgerliche Karrieren und das Bauen: Gibt es eine Klammer?
Zunächst einmal hatte es mich interessiert, das filmisch aufzunehmen und mehr darüber zu erfahren. Das Thema ist heute brandaktuell. Mich interessierte das Phänomen, dass die Jungen so kritiklos in ihre Karrieren starten. Ich sollte wohl noch einmal nachfragen, inwieweit sich ihre Erwartungen erfüllt haben. Film kann relevante Gesellschaftsthemen besser ausdrücken, als wir das mit Architektur könnten. Architektur aber bietet Räume, die aufgrund ihrer Aneignungsfähigkeit zu Diskussionen animieren können.
Stichwort Kritik: Wo finde ich in diesem besonderen Luxus deiner wunderbaren Wohnhäuser das Sozialkritische? Ich sehe eine gestaltete, heile Welt im Grünen, 120 m² Wohnfläche für eine Person mit Blick in die Natur?
Wir bauen Häuser für Menschen, die sich das eigentlich nicht leisten können. Für eine alleinerziehende Krankenschwester haben wir ein Haus in Neubrandenburg für 90 000 € gebaut, indem wir einen großen Teil selbst zu zweit realisiert haben. Sicher haben wir uns auch ein bisschen selbst ausgebeutet, aber es hat geklappt. Und das Kino Quillo in Falkenhagen haben wir für Null gemacht, nur das Material wurde gestellt. Jetzt bietet der örtliche Kulturverein dort ein sehr interessantes Filmprogramm an … Oder das ZK/U, ein mittlerweile sehr gut besuchter Ort. Das Gebäude ist über alles Architektonische hinaus aneignungsfähig, auch, weil die Betreiber aufgrund des geringen Budgets in der Lage sind, Veranstaltungen ohne Eintritt anbieten zu können. Eine intentionale, ikonografische Architektur, die man aus einem ganz bestimmte Blickwinkel genießen kann, finde ich nicht interessant.
Architektur muss auch Spaß machen, hast du gesagt. Geht das in diesem regelwütigen Land?
Ich würde Deutschland da gar nicht so sehr kritisieren. Schau in die Schweiz, nach Österreich. Nein; Deutschland ist so groß und so heterogen, mit sehr vielen kreativen und neugierigen Menschen. Auch das politische Kabarett in Deutschland hat eine große Tradition, auch wenn sich einige Protagonisten in den letzten Jahren zurückgezogen haben. Diesen Humor findet man auch in der Architektur.
Ein Haus wird mit so einem großen Aufwand gebaut. Es ist eine Pflicht, dass das Haus inspiriert, Erfahrungen vermittelt, dich heiter macht, etwas über sich und den Ort erzählt und im Laufe der Jahreszeiten ständig neue Bilder bereit hält.
Wenn Räume inspirieren, Heiterkeit versprühen, dann sensibilisieren sie die Nutzer, das Haus und den Kontext und die Anwesenden zu erkennen. Dann können Gespräche entstehen, die über das Gewohnte hinausgehen. Das Völkerschlachtdenkmal macht dich klein und bedrückt; gute Räume machen dich groß und heiter.
Letzte Frage. Wo siehst du dich in fünf Jahren? Gibt es ein Ziel, wo könnte es hingehen?
Ich habe kein bestimmtes Ziel. Ich denke immer von Projekt zu Projekt. Ich möchte dies oder jenes bauen, vielleicht mal ein Hochhaus oder eine Kirche. Aber das ist nicht entscheidend. Ich denke von Projekt zu Projekt und ich will das möglichst noch lange machen, noch 40 Jahre arbeiten, mindestens bis 95. Architekt sein und bauen. Ich habe ja keine Rentenversicherung, also muss ich weitermachen. Und ich mache den unfertigen Film fertig und danach vielleicht noch andere. Das steht noch an.
Du lädst mich zur Preview ein?
Klar!
Mit Peter Grundmann unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 2. Oktober 2026 online vom Büro aus.
