Architekturmodell oder Szene

Für die auf Seite 5 vorgestellte Ausstellung „Protest/Architektur“ haben Studentinnen und Studenten der TU München und HFT Stuttgart in ­Kooperation mit dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) Modelle von Protestcamps gebaut. In zwei Seminaren entstanden neun Modelle von Protestarchitekturen im Maßstab 1 : 10.

Leitender Professor war Andreas Kretzer, der im WS 2022/23 einen Lehrauftrag für Szenografie an der TU München hatte und zugleich eine Professur an der HFT Stuttgart bekleidet. An beiden Hochschulen führte er Seminare in Kooperation mit dem DAM durch, in denen im Hinblick auf die in Aussicht stehende Ausstellung Architekturmodelle entwickelt wurden. Da die Lehrveranstaltungen in englischer Sprache stattfanden, nahmen zahlreiche Gaststudierende aus Brasilien, China, Indien, Kanada, Rumänien, Schottland, Schweiz, Spanien und der Türkei teil. Laut Kretzer waren die Voraussetzungen der Studierenden unterschiedlich, da das Modellbauen nicht mehr überall fester Bestandteil der Architekturlehre ist.

Eine Herausforderung war es aber auch für geübte Modellbauerinnen, sich von der üblichen Herangehensweise zu lösen und nicht nur Modelle, sondern Szenen zu erschaffen. Es stellte sich die Frage, wie die Modelle die Stimmung der Proteste vermitteln können, obwohl die zentralen Elemente, das heißt die Menschen, die Bewegung und die Geräuschkulisse, fehlen. „Eine wichtige Frage war, wie sich die Materialien in der Miniatur fügen lassen, um den hohen Grad an Realismus zu erreichen“, sagt Kretzer.

Die Annäherung geschah im ersten Schritt durch Recherchen und durch die Auseinandersetzung mit den Protesten auf Basis von Fotos und Videos. Im nächsten Schritt haben die Studentinnen und Studenten die Protestarchitekturen auf ihre Bautypen, Zonierungen und Nutzungen analysiert. Gegenstand waren unter anderem die Proteste „Occupy Wall Street“, „Resurrection City“ oder „Lohbau bleibt“. Es galt dann, in Teams eine Szene von 10 x 10 m auszuwählen, um sie als Modell im Maßstab 1 : 10 nachzubilden. Im Unterschied zum „klassischen Entwerfen“ übten sich die Studentinnen und Studenten an Formen des experimentellen und temporären Bauens, da Protestcamps häufig mit vorgefundenen Materialien arbeiten, wie Stadtmobiliar, der natürlichen Umgebung und Planen.

Entsprechend der Ausrichtung von Kretzers Lehre stand die bühnenhafte Inszenierung der Architekturen im Vordergrund. „Es ging auch darum, den Blick zu erweitern, bzw. in die Szenografie zu öffnen, und sich Themen wie die Wahl des Ausschnitts und der Komposition bewusst zu machen“, sagt Kretzer. „Die entwerferische Leistung bestand vor allem in der Übersetzung, in den Entscheidungen, wie die Dinge übertragen werden und was weggelassen wird.“ Mit viel Sorgfalt im Detail entstanden Dioramen, die als gelebte und kraftvolle Orte in Erscheinung treten. NaS

www.dam-online.de, www.arc.ed.tum.de, www.hft-stuttgart.de
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