Laborbox aus Beton schwebt im Holz-Hybrid

Amt für Verbraucherschutz Aargau, Unterentfelden/CH

Der Neubau des Amts für Verbraucherschutz (AVS) Aargau in Unterentfelden/CH wurde 2024 fertiggestellt und nach zweieinhalbjähriger Bauzeit eröffnet. In dem Gebäude arbeiten rund 80 Mitarbeitende in Labor- und Bürobereichen. Entworfen wurde der zweigeschossige Bau von Markus Schietsch Architekt:innen, Zürich/CH.

Zwischen der Schweizerischen Bauschule Aarau und angrenzenden Einfamilienhäusern nimmt sich der flache Neubau des Amts für Verbraucherschutz als Solitär auf der grünen Wiese überraschend klein aus. Die Ränder zur Nachbarschaft bleiben bewusst offen und grün. Hinter dem Pavillon ähnlichen, zweigeschossigen Gebäude rauscht der kleine Fluss Suhre vorbei, an dem ein Biber seine Spuren hinterlassen hat.

Der in Rottönen gestrichene Baukörper mit einer Seitenlänge von rund 50 m steht auf dem ersten Baufeld eines neuen Campus. Mit zwei oberirdischen Geschossen fügt sich seine Höhe nahtlos in die Siedlungsumgebung ein. Ein umlaufender Laubengang unterstützt die horizontale Gliederung, die von säulenartigen Baumstämmen unterbrochen wird. Das ganze ­Gebäude wurde leicht angehoben, da es sich um ein Überschwemmungsgebiet handelt.

Das Amt für Verbraucherschutz des Kantons Aargau untersucht Lebensmittel, Trinkwasser und Gebrauchsgegenstände auf gesundheitsschädliche Stoffe und Bakterien. Es prüft beispielsweise das Badewasser in öffentlichen Schwimmbädern, kontrolliert Restaurants oder untersucht die Gesundheit importierter Tiere. In den Laboren kommen mikro- und molekularbiologische sowie physikalische und chemische Analyseverfahren zum Einsatz. Der Neubau ersetzt mehrere zuvor genutzte Standorte in der angrenzenden Bezirksstadt Aarau, darunter ein über 100 Jahre altes Laborgebäude in stark sanierungsbedürftigem Zustand.

Laborbau als Funktionsgebäude

Laborgebäude unterliegen spezifischen funktionalen, technischen und betrieblichen Vorgaben. Der hohe Anteil an fest installierten Laboren, empfindlichen Messgeräten sowie komplexer Gebäudetechnik prägte auch hier die Planung. Dabei handelt es sich bei diesem Projekt ausdrücklich nicht um einen klassischen Forschungsbau mit häufig wechselnden ­Nutzungen, sondern um ein Gebäude mit dauerhaft eingerichteten Laborräumen, so Architekt Markus Schietsch. Gleichwohl sei der technische Anspruch vergleichbar: „Schwingungsanforderungen sind im Laborbau immer eine große Herausforderung.“ So auch hier.

Eine zentrale planerische Aufgabe bestand darin, die Anforderungen der Gerätehersteller zu ermitteln, die teilweise erst im Laufe der Planung konkretisiert wurden. Die daraus resultierenden Vorgaben führten zu konstruktiven Anpassungen, insbesondere im Bereich der Messlabore.

Verbindung von Labor, Büro und Öffentlichkeit

Das Gebäude vereint zum Gebäudezentrum orientierte Laborflächen und nach außen gelegene Büroarbeitsplätze. Im Erdgeschoss befindet sich ein zentrales Forum, das in dieser Form ursprünglich nicht Bestandteil des Raumprogramms war. Erst im Dialog mit Bauherrschaft, Nutzerinnen und Nutzern wurde dessen Funktion als gemeinschaftlich genutzter, öffentlicher Bereich entwickelt.

In dem kantonalen Amt gibt es täglich Publikumsverkehr. Diese Öffnung nach außen äußert sich weniger in programmatischen Angeboten als in räumlicher Zugänglichkeit und Durchlässigkeit. Die offene Architektur verzichtet auf eine klare Abgrenzung zwischen Innen und Außen und ermöglicht die Nutzung der umlaufenden Grünflächen auch jenseits der Arbeitszeiten.

Räumliche Organisation

Grundlage des Entwurfs ist eine quadratische Gebäudestruktur. Die Labore sind zusammenhängend im Inneren des oberen Geschosses angeordnet und haben mehr Raumtiefe als die Büros, die konzentrisch darum herumgelegt wurden. Diese Organisation führt zu kurzen Wegen zwischen Labor- und Büroarbeitsplätzen. Gleichzeitig erlaubt sie die Trennung sensibler Bereiche.

So genannte Doku-Zonen sind durch Glaswände von den Laboren abgetrennt und verfügen über direkte Fluchtmöglichkeiten nach außen. Der umlaufende Laubengang übernimmt mehrere Funktionen: Er dient als Fluchtweg, als Erschließungsebene und als Aufenthaltsfläche für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Untergeschoss sind Probenlager, Spezialabfallräume und Messlabore für Radioaktivität untergebracht.

Anpassungsfähigkeit und bauliche Festlegungen

Vor allem die Büroflächen basieren auf einem einheitlichen Raster, das eine spätere Anpassung der Raumaufteilungen ermöglicht. Trennwände sind nichttragend ausgeführt. Die Flexibilität ist jedoch dort begrenzt, wo technische Anforderungen dies notwendig machen. In den Messlaboren wurde zugunsten der Schwingungsstabilität auf konstruktive Variabilität verzichtet. Architekt Markus Schietsch beschreibt diesen Abwägungsprozess als projektprägend: „Nur eine Betonkonstruktion konnte den Schwingungsanforderungen gerecht werden.“ Mit Holz wäre das unmöglich gewesen.

Betonkern als konstruktives Zentrum

Das konstruktive Zentrum des Gebäudes ist ein Stahlbetonbau, in welchem eine massive Box wie schwebend platziert wurde. Hier sind die schwingungsempfindlichen Messlabore untergebracht. Die Box ist über acht Schotten mit den vier Erschliessungskernen verbunden. Die Skulpturalität des so eingehängten Messlabors kommt durch die offenen Ecken vom darunter liegenden Foyer aus besonders zur Geltung. Die Decken in diesem Bereich weisen eine Stärke von 70 cm auf, was den geforderten Schwingungswerten geschuldet ist. Der  komplette Stahlbetonkern ist konstruktiv vom umliegenden Holzbau getrennt.

Materialität und Licht

Das Gebäude ist als Holz-Beton-Verbundbau ausgeführt. Rund 2 600 m³ Holz stammen aus dem Aargauer Staatswald. Verwendet wurde überwiegend Borkenkäfer-Schadholz. Außen kam Douglasie zum Einsatz, innen Fichte. Die Materialien bleiben in vielen Bereichen sichtbar, ebenso die Konstruktion und die technischen Installationen.

Die Maßstäblichkeit der Büroflächen ist zurückgenommen. Unterschiedliche Bürotypen – Einzel-, Zweier- und Gruppenbüros – fallen meist bewusst klein und schlicht gestaltet aus, um der öffentlichen Nutzfläche im Foyer Raum zu geben. ­Hier gibt es genügend Ecken mit von Markus Schietsch Architekt:innen entworfenen Möbeln für abteilungsübergreifende Arbeitstreffen, die gut angenommen werden, wie Amtsleiterin Alda Breitenmoser bestätigt.

Tageslicht gelangt über die umlaufenden Fassadenflächen tief in das Gebäude. Der Kautschuk-Boden in warmen Gelbtönen nimmt das Tageslicht auf und erinnert eher an eine Turnhalle als an eine Behörde. Fenster zum Foyer hin und die vielen geöffneten Bürotüren signalisieren: Hier sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jederzeit ansprechbar.

Recyclingbeton wurde überall dort eingesetzt, wo es die statischen Anforderungen zuließen, insbesondere für die Bodenplatten, Wände und Decken. In Bereichen mit hohen Schwingungsanforderungen kam konventioneller, hochfester Beton zum Einsatz. Insgesamt liegt der Anteil des Recyclingbetons bei etwa 80 Prozent. Eine gewisse Rohheit der unbearbeiteten Betonoberfläche ist gewollt.

Energie und Betrieb

Der Neubau erfüllt den Schweizer Gebäudestandard Minergie-P-Eco und ist damit in etwa mit dem deutschen Passivhaus-Standard vergleichbar. Eine Grundwasserwärmepumpe übernimmt Heizung und Kühlung. Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert. Zusätzlich wurden Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität umgesetzt: So stehen zum Beispiel auf dem Dach Bienenstöcke.

Der Energiebedarf eines Laborgebäudes wird maßgeblich durch Lüftung und Prozessenergie bestimmt. Die Lüftungsanlagen arbeiten mit einem hohen Luftwechsel. In Laborgebäuden ist die Trennung von Zu- und Abluft zwingend erforderlich. Im AVS-Neubau sind zwei Lüftungszentralen installiert, die jeweils eigene Schächte versorgen. Diese Anordnung schafft Redundanzen für den Betrieb. Schalldämmung und Leitungsführung wurden detailliert geplant. Der durchgehende Einsatz von BIM-Planung in allen Phasen optimierte die Planungs- und Bauprozesse. Auch auf der Baustelle kam die Methode in Form von Augmented Reality-Anwendungen (BIM2Field) zum Einsatz, um die Bauausführung in Echtzeit zu überprüfen und mögliche Fehler frühzeitig zu vermeiden.

Umlaufende Balkone und Holzstützen

Die umlaufenden Fluchtbalkone werden von massiven Holzstützen getragen, die aus der Entfernung wie Säulen wirken. Dabei handelt es sich um geschälte Baumstämme. Ihre Dimensionierung ist gestalterisch motiviert. „Wir wollten zeigen, dass es ganze Bäume sind“, so Schietsch. Auch dieses Holz ist Schadholz aus regionaler Forstwirtschaft.

Das Projekt zeigt, dass Holzbau trotz anfänglicher Zweifel auch im Laborbereich möglich ist, wenn konstruktive und technische Anforderungen klar zoniert werden. Die frühe und kontinuierliche Einbindung der Nutzerinnen und Nutzer erwies sich hier als maßgeblich.

Ausblick

Handlungsbedarf im Forschungsbau sieht Markus Schietsch vor allem in der Einsparung von grauer Energie: CO2-Fußabdruck und Re-use seien hier die Stichworte. „Was mich an Forschungs- und Laborbauten reizt, ist, dass man nicht nur mit der Bauherrschaft, sondern auch mit sehr interessanten Nutzern starke Beziehungen aufbaut“, sagt Schietsch abschließend. Auch erhält man Einblick in die Welt der Forschenden, in diesem Fall der Chemiker. „Was bei diesen Projekten spannend ist, ist dass sie auf einer hohen Regelhaftigkeit mit zugleich komplexen Anforderungen basieren.“ Außerdem müsse man sich weniger um den Zuschnitt eines einzelnen Raums kümmern, sondern mehr um das Gesamtgefüge: „Wie schafft man es, Austausch zu fördern und eine Plattform für Interaktion und Transdisziplinarität zu schaffen, ohne einfach nur einen großen Raum mit Akustikmaßnahmen anzubieten?“ Mit dem Neubau des AVS Aargau scheint das gelungen. Mehr noch: Auch abends und wochenends werden Sitzbänke und Grünflächen rund um das Gebäude gern angenommen. ⇥Heide Teschner/DBZ

Die Architektur des Amts für Verbraucherschutz im schweizerischen Unterentfelden ist konsequent und mutig. Die präzise Klarheit besticht.«
DBZ-Heftpartner Burckhardt Architektur

Projektdaten

Objekt: AVS Amt für Verbraucherschutz Kanton Aargau, Mönchmattweg 6, 5035 Unterentfelden/CH

Bauherr: Kanton Aargau, vertreten durch die Immobilien Aargau, IMAG

Departement Finanzen und Ressourcen, DFR

Nutzer: Amt für Verbraucherschutz Kanton Aargau

Architektur: Markus Schietsch Architekt:innen GmbH, Dipl. Architekten ETH BSA SIA, www.markusschietsch.com

Team: Borja Goñi, Patrizia Paul, Diego Vincenz, Markus Schietsch, Christian Sünnen, Sissy Hobiger

Bauleitung: Büro für Bauökonomie AG, Luzern

Generalplanung: Markus Schietsch Architekt:innen GmbH, Zürich/Büro für Bauökonomie AG, Luzern

Bauzeit: 03.2022 – 10.2024

Grundstücksgröße: 9 212 m²

Nutzfläche gesamt: 5 606 m²

Brutto-Grundfläche: 6 115 m²

Brutto-Rauminhalt: 30 226 m³

Baukosten (nach DIN 276), gesamt brutto: 50,5 Mio. € (46,6 Mio. CHF)

Fachplanung

BIM-Gesamtkoordination: Büro für Bauökonomie AG, www.bfbag.ch

Tragwerksplanung Holz: Pirmin Jung Schweiz AG, www.pirminjung.ch

Tragwerksplanung Massivbau: Lüchinger Meyer Partner AG, https://lmp-ing.ch

TGA-Planung: Aicher De Martin Zweng AG, www.adz.ch

Elektroplanung: Schmidiger Rosasco AG, www.srzh.ch

Gebäudeautomation: Inlo AG, www.inlo.ch

Laborplanung: Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung GmbH, www.heinekamp.com

Bauphysik: RSP Bauphysik AG, www.rsp.lu

Fassadentechnik: Emmer Pfenninger Partner AG,  eppag.ch

Landschaftsarchitektur: Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau GmbH, www.lorenzeugster.ch

Farbkonzept: Atelier für Farbe und Architektur Katrin Oechslin, www.katrinoechslin.ch

Brandschutz: Pirmin Jung Schweiz AG,  www.pirminjung.ch

Lichtplanung: LLAL AG, www.llal.ch

Sicherheitsplanung: A+W Sicherheit AG,  amstein-walthert.ch/de/kontakt/aw-sicherheit

Kunst am Bau: Vanessa Billy, vanessabilly.com

Energie

Energiekennwerte gemäß SIA 380/1 SN 520 380/1:

Energiebezugsfläche: 4 621 m²

Gebäudehüllzahl: 1,14

Heizwärmebedarf: 13 kWh/m²a

Anteil erneuerbare Energie Energiequelle: 100 %

Wärmerückgewinnungskoeffizient Lüftung Lager: 75 %

Wärmerückgewinnungskoeffizient Lüftung Büro: 85 %

Wärmerückgewinnungskoeffizient Lüftung Labor: 70 %

Wärmebedarf Warmwasser: 7 kWh/m²a

Vorlauftemperatur Heizung, gemessen -8 °C: 35 °C

Stromkennzahl gemäß SIA 380/4, tot.: 22 kWh/m²a

Anteil Photovoltaik: 76 %

Ökologiestandard: Minergie-P-Eco-Standard


Hersteller (Auswahl)

Beleuchtung: Zumtobel Licht, ERCO Lighting, HS Technics

Schalter, Steckdosen: Feller

Bodenbeläge: Artigo, Walo Bertschinger

Dach: Paul Bauder

Fensterrahmen: Gerber Vogt

Fensterbeschläge: Beschläge U.S.W.

Aufzüge: Schindler Aufzüge

Heizung: Zehnder Group Schweiz

Innenwände/Trockenbau: Schwab, Knauf, James Hardie Europe Argolite

Laboreinrichtung: Wesemann Schweiz

Sanitär:  Duravit, Alape

Armaturen: Vola

Software /CAD/ Zutrittssysteme: Archicad, IDC

Sonnenschutz: Kästli & Co.

Schließanlage: B/a/S/y/s - Bartels Systembeschläge, dormakaba Schweiz

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 03/2026

Liebe Leserin, lieber Leser,

Forschungs- und Laborbauten sind ein Spezialgebiet der Architektur und dieses kann am besten von jenen bedient werden, die bereits Erfahrung mit solchen Bauaufgaben besitzen. So zumindest das...

mehr
Ausgabe 12/2014

„Parametrische Modelle muss man sehr sorgfältig planen und prüfen, denn der Computer übernimmt natürlich auch jeden Fehler“ Interview mit Markus Schietsch www.markusschietsch.com

DBZ: Was war die Grundlage für den Entwurf? Markus Schietsch: Der Zoo Zürich versteht seine Anlage als durchgängigen Landschaftsraum. Architektur wird entweder versteckt oder als exotische...

mehr
Ausgabe 03/2026 Erforschtes Terrain

Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik, Halle (Saale)

Das Salz brachte den Wohlstand – und mit ihm hielten Kultur und Forschung Einzug in die heutige Großstadt Halle an der Saale. Bereits 1502 wurde eine der beiden Vorgängeruniversitäten der heutigen...

mehr
Ausgabe 03/2026 Forschung ist mehr als ein Labor

Helmholtz Pioneer Campus, München-Neuherberg

Vielleicht hatten die Architekten nicht mit der positiven Entscheidung im VgV-Verfahren von 2017 gerechnet, war die am Wettbewerb mitteilnehmende Konkurrenz doch die Spitze der deutschen...

mehr
Ausgabe 03/2026

Raum für Experimente

Es ist eine Binsenweisheit, dass Labor- und Forschungsbauten allseits als Funktionsbauten eingestuft werden. Meistens ist es das Erste, was der jeweilige Bauherr betont, wenn man als Architekturbüro...

mehr