Alles grün? Water Garden bei Vitra
Die Europäische Union zeichnet sich u. a. durch ihren riesigen und ständig wachsenden Bürokratenapparat aus, der kontinuiertlich neue Vorschriften produziert. Eine aktuell verabschiedete ist die EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825, die gerade im deutschen Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb umgesetzt wird und ab September 2026 zur Anwendung kommt. Danach sind allgemeine Ausdrücke wie „umweltfreundlich“, „ökologisch“, „grün“, „nachhaltig“ und andere ohne klare Spezifizierung und konkrete Nachweise unzulässig.
Das Unternehmen Vitra in Weil am Rhein, das seine Produktionslandschaft länger schon als „Campus“ beschreibt, auf dem internationale Architekturbüros ihre (Zweck-)Bauten realisierten und Künstlerinnen ihre Skulpturen, ist sich bewusst, dass man den „aktiven Produktionsstandort [...] zunächst auf Kosten der natürlichen Umgebung“ ausgebaut habe, dieser soll nun „als Biosphäre neugestaltet“ werden. Das klingt gut, wäre „Biosphäre“ nicht einfach nur Lebensraum wie die Wüste oder Forstmonokultur.
Gemeint ist natürlich etwas positiveres. Man hatte mit dem belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets (Brüssel!) einen Masterplan für den Campus entwickelt, in dem dieser der Frage nachging: Was würde die Natur machen? Sicher etwas anderes als ein Landschaftsarchitekt; die Natur würde progressive Sukzession üben, also Artefakte überwuchern und langfristig zersetzen.
Damit das so nicht läuft, sind konkrete landschaftsplanerische Schritte geplant: versiegelte Flächen öffnen, vorhandene Grünanlagen mit neuen Pflanzen erweitern, Hitzeinseln beseitigen. Den Auftakt zu einer „ökologischeren Gestaltung“ (Vitra) des Campus bildete 2020 die Eröffnung des Oudolf Gartens. 2024 begann die Umsetzung von Bas Smets‘ Konzept der Pflanzung von 8 000 Jungbäumen zur Schaffung von Mikrowäldern. Jüngster Baustein des Öko-Campus-Projekts ist der Water Garden vor dem Museum von Frank Gehry. Der Teich ist von Bäumen und Wasserpflanzen gesäumt, die allerdings noch kaum sichtbar sind. Bei ihnen wurde, so Vitra, „besonderer Wert auf Biodiversität und Klimaresilienz gelegt“. Gewässer (Regenwasser von umliegenden Dachflächen) und Pflanzen werden Vögel anziehen und „einen Fischbestand beherbergen“ (Vitra). Zurzeit sehen wir wasserspeiende Fischkopfskulpturen von Hella Jongerius.
Alles grün bei Vitra? Geht man ins nahegelegene Doshi Retreat, die letzte Arbeit von Balkrishna Doshi, könnte sich zwischen Buschwerk und Gras, Cortenstahl und feinem Kies ein grünes Gefühl einstellen, wäre nicht die Dauerberieselung durch Meditationsklischeesounds aus dem Boden.
Vielleicht hat es ein international agierendes Unternehmen wie Vitra auch schwerer als andere produzierende Unternehmen, Gestaltung steht hier sehr weit vorne und man setzt auf „die Kraft guten Designs“. Das kann durchaus Äonen davon entfernt sein, wo Natür immer schon war: im ausgewogen Erforderlichen. Be. K.
www.vitra.com
