Pritzker-Preisträger: Smiljan Radić Clarke bekommt die Ehre
Zwischen Monumentalität und Zurückhaltung 13.03.2026 |Mit knapp zehn Tagen Verspätung wurde nach doch nicht allzu langer Spekulation der Gewinner des Pritzker-Preises ausgezeichnet. Die Ehre ging dieses Jahr an den chilenischen Architekten Smiljan Radić Clarke aus Santiago.
Teatro Regional del Bío-Bío 2018 Concepción, Chile
Foto: Iwan Baan
Der prestigehaltige Preis kam jüngst in Verruf wegen der Verwicklung seines Namengebers, Thomas Pritzker, Sohn der Preis-Initiatorinnen, mit dem Investmentbanker und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. So ist es nun schwierig, über den Preis, seine 53 Gewinner und fünf Gewinnerinnen, zu berichten, ohne dass dieser bittere Nebengeschmack mitschwingt. Konsens scheint jedoch vorerst darüber zu bestehen, dass diese Debatte und die unglücklichen Umstände nicht den Preisträger und die Qualität seiner Architektur in den Schatten stellen sollen. Wir wollen es auch versuchen.
Smiljan Radić Clarke steht für eine Architektur, die sich selbst und ihre Umwelt reflektiert und auf sie eingeht, auf oftmals unkonventionelle und immer einzigartige Weise. Seine Formensprache, die sich zwischen Monumentalität und Experiment bewegt, wirkt mal fragil und temporär, mal verwurzelt und beständig. Mit einer Prise Ironie nehmen sich Radić und sein kleines Team selbst nicht allzu ernst, dafür aber die Aufgabe und deren Kontext umso mehr. Dieses Bewusstsein erstreckt sich auch auf die Nutzerinnen und das verwendete Material und steht immer im Vordergrund: „Architektur existiert zwischen großen, massiven und beständigen Formen – Bauwerken, die seit Jahrhunderten unter der Sonne stehen und auf unseren Besuch warten – und kleineren, zerbrechlichen Konstruktionen – flüchtig wie das Leben einer Fliege, oft ohne klares Schicksal im herkömmlichen Licht. Innerhalb dieser Spannung unterschiedlicher Zeitdimensionen streben wir danach, Erlebnisse zu schaffen, die emotionale Präsenz vermitteln und die Menschen dazu anregen, innezuhalten und eine Welt neu zu betrachten, die so oft gleichgültig an ihnen vorbeizieht“, erklärt Radić.
Serpentine Gallery Pavilion 2014, London, GB
Foto: Iwan Baan
Sein gesamtes Werk ist von ortsspezifischen Ansätzen und Strategien geprägt. Dadurch entsteht jedes Gebäude aus seinen besonderen Gegebenheiten heraus: „In jedem seiner Werke gelingt es ihm, mit radikaler Originalität zu antworten und das Unoffensichtliche offensichtlich zu machen. Er kehrt zu den unverfälschtesten Grundlagen der Architektur zurück und lotet gleichzeitig Grenzen aus, die bisher noch unberührt geblieben sind. Entstanden unter unerbittlichen Umständen, am Rande der Welt, mit einem Büro von nur wenigen Mitarbeitern, ist er in der Lage, uns zum innersten Kern der gebauten Umwelt und der menschlichen Existenz zu führen“, kommentiert Alejandro Aravena, Vorsitzender der Jury und Pritzker-Preisträger 2016.
Radićs Architektur arbeitet technisch präzise mit unterschiedlichen Materialien, die er der Aufgabe und dem Kontext anpasst. Beton, Stein, Holz und Glas werden in bewusster Beziehung zueinander eingesetzt, um Gewicht, Licht, Klang und Raum zu gestalten. Beim "Serpentine Gallery Pavilion" (London, Vereinigtes Königreich, 2014) ruht eine durchscheinende Glasfaserschale auf großen tragenden Steinen lokaler Herkunft. Das gefilterte Licht prägt die schützende Form der Hülle, die nur teilweise offen bleibt, aber dennoch nicht vom umgebenden Park getrennt ist. Im Teatro Regional del Bío-Bío (Concepción, Chile, 2018) moduliert eine halbtransluzente Hülle das Licht und unterstützt die akustische Leistung auf zurückhaltende Weise.
Guatero, Installation für die 22. Chileanische Architekturbiennale 2023 Santiago, Chile
Foto: Smiljan Radić
„Die Qualitäten seines architektonischen Schaffens in Worte zu fassen, ist von Natur aus schwierig, denn in seinen Entwürfen arbeitet er mit Erfahrungsdimensionen, die unmittelbar spürbar sind, sich aber einer verbalen Beschreibung entziehen – wie die Wahrnehmung der Zeit selbst: sofort erkennbar und doch begrifflich schwer fassbar. Seine Gebäude sind nicht einfach als visuelle Artefakte konzipiert; vielmehr verlangen sie nach einer körperlichen Präsenz“, heißt es in der Laudatio weiter.
Smiljan Radić wurde 1965 in Santiago de Chile als Sohn kroatisch-britischer Eltern geboren. Er studierte Architektur in Santiago und später am IUAV in Venedig. 1995 gründete er, gemeinsam mit seiner Partnerin, der Bildhauerin Marcela Correa, sein Büro Smiljan Radić Clarke. 2014 wurde er und sein Team ausgewählt, um den Serpentine Pavillon in London zu gestalten. Im Jahr 2017 gründete Radić die Fundación de Arquitectura Frágil, die in seinem Heimstudio in Santiago untergebracht ist, um experimentelle Architektur zu fördern, die disziplinäre Grenzen infrage stellt. Er lebt in Santiago und wird, trotz der mittlerweile internationalen Reichweite seiner Projekte, durch ein kleines Team von Mitarbeitenden unterstützt.
Smiljan Radić Clarke, diesjähriger Preisträger
Foto: Pritzker Architecture Prize
„Inspiriert vom kraftvollen und zugleich seismischen chilenischen Umweltkontext und in Abkehr von der – im Bauwesen oft impliziten – Logik der Herrschaft und des Eigentums hin zur Koexistenz, präsentiert Radić Architektur eher als Gast denn als Herrscher über den Ort und erkennt damit den Vorrang der Landschaft und, im weiteren Sinne, des kollektiven Gedächtnisses und des gemeinsamen Territoriums gegenüber der individuellen Urheberschaft an“, so das Jury-Statement.
Dieser Ansatz, der nun mit dem höchsten Architekturpreis gewürdigt wurde, ist wahrhaftig einer, den es zu wertschätzen und zu vermehren gilt – in einer Welt, in der Herrschaftsansprüche immer noch walten. So mag der eine oder die andere enttäuscht darüber sein, dass keine Frau oder kein Kollektiv ausgezeichnet wurde. Über Ersteres kann man sich nur ärgern, nicht wundern und hoffen, naja ... Dass es kein Team oder gar ein Kollektiv wurde, kann die Annahme trösten, dass Radić‘ architektonischer Ansatz das Kollektive und Gemeinschaftliche in den Vordergrund seiner Praxis stellt. Das ist freilich keine kleine Errungenschaft und mehr als man von unserer Gesellschaft im Allgemeinen sagen kann.
