Kapellenlandschaft in der Landschaft
Ein Rundradweg im Dillinger und Augsburger Land mit 7 Kapellen zeitgenössischer Architekten 04.08.2026 |Die Runde ist 135 Km lang und verlangt das Erklimmen von gut 1000 Höhenmetern insgesamt. Wir machten die Runde an zwei Tagen, man könnte sie aber durchaus weiter stückeln. Denn die hier zu entdeckenden Wegkapellen haben alle das Potenzial, zum längeren Verbleiben vor und in ihnen, die eine mehr als die andere. Und sollte das Wetter einmal nicht so sein, bieten sie auch Schutz vor Regen oder Wind. Entstanden sind die Sieben Kapellen im Rahmen einer Initiative der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung aus Wertingen. Jede der sieben modernen Kapelle wurde von einem anderen, teils auch international renommierten Architekturbüro entworfen. Und um es gleich zu schreiben: Kapellen, Kapellenorte aber auch die Wege durch die von der Donau geformten Landschaft mit ihren schönen Dörfern und Städtchen sind diese Reise mehr als wert.
Wenn man es dann geschafft hat, wenn die Reise zuende ist, bleibt vielleicht ein leises Bedauern: Dass die Reise schon zu Ende ist. Sieben Kapellen klingt verheissungsvoll, dazu kommen die Namen der Büros, die hier eingeladen wurden, diese Bauten an teils wunderbar spektakulären Orten zu bauen: Staab Architekten, Mäckler Architekten, John Pawson oder Lattke Architekten haben einen guten Klang und lockten zudem. Was haben Büros dieser Qualität auf dem Land, in der Landschaft, mit ihrer kleinen Bauaufgabe geliefert?
Man kann die Route, die eine Runde darstellt, als GPX-Datei auf seinen Navigator laden und entspannt irgendwo einsteigen. Auch in Papierform ist die Route mit kleinen Sofortinformationen zu den einzelnen Kapellenbauten downloadbar (s. unten). Das Gelände ist abwechselungsreich, meist geht es auf kleinen Wegen durch die Felder, abseits der großen Straßen.
Radwegkapelle bei Gundelfingen von Hans Engel
Foto: Benedikt Kraft
Radwegkapelle bei Gundelfingen von Hans Engel
Foto: Benedikt Kraft
Wir starten im Norden, bei Bachhagel, einem kleinen Ort mit frischgemachtem Ortskern. Von hier aus stoßen wir - wir fahren gegen den Uhrzeigersinn - zuerst auf die Radwegkapelle bei Gundelfingen von Hans Engel. Zwölf Säulen aus verleimtem Lärchenholz, im Raster von 1,5 m aufgestellt, tragen ein flaches Holzdach. Drei raumhohe Glaswände schützen vor Wind und Schlagregen und sind mit frommen Sprüchen und Blattmotiven bedruckt. Die übrigen "Wände" werden von den dichtanstehenden Blutbuchen gebildet. In der 5 m hochragenden Kapelle hängt eine runde Farbglasscheibe von Anita Rist-Geiger, in die ein Kreuz eingeschrieben ist. Die grafische Gestaltung der drei Glaswände stammt von Gabi Fischer. Der mehr als Gartenpavillon denn als Kapelle erlebbare Holzbau ist tatsächlich sehr klein in seinem Inneren, spirituelle Gefühle, die - klassisch gedacht - sehr stark an Licht und Raum hängen, wollen sich nicht einstellen. "Gott und die Natur tun nichts umsonst" kann man lesen und fragt sich, wie denn "umsonst" wohl gemeint ist.
Blaue Kapelle Emersacker im Laugnatal von Wilhelm Huber
Foto: Benedikt Kraft
Blaue Kapelle Emersacker im Laugnatal von Wilhelm Huber
Foto: Benedikt Kraft
Blaue Kapelle Emersacker im Laugnatal von Wilhelm Huber
Foto: Benedikt Kraft
Weiter geht es in Richtung Osten zur Blaue Kapelle Emersacker im Laugnatal von Wilhelm Huber. Hier, wunderbar im Abseits von allem, beinahe mit dem kleinen Wald im Hintergrund verschmolzen, kommen Raum und das Licht zur Geltung. Der 12 m hohe Turm ist oben geöffnet und wiederum verschlossen mit blauem Glas. Blaues Licht füllt den sich nach oben verengenden Raum, ein Kreuz aus Eisen steht unten, davor eine schmale Sitzbank. Ansonsten ist der Turm, der die Kapelle ist, leer. Leer, wenn niemand in im ist, leer, wenn niemand darin singt so wie wir es erlebten. Kapelle als Architektur, einfach, schlüssig in der Form, spirituell in Atmosphäre und Anmutung. Ein guter Platz für eine Rast draußen davor.
Kapelle bei Oberthürheim von Christoph Mäckler
Foto: Benedikt Kraft
Kapelle bei Oberthürheim von Christoph Mäckler
Foto: Benedikt Kraft
Weiter geht es, jetzt wieder nordwärts, zur Kapelle bei Oberthürheim von Christoph Mäckler. Dass es "ein Mäckler" ist, sieht man dem Werk sofort an, eine Holzminiatur seines "Portikus" über dem Main. An der Kreuzung der sogenannten Bettelstraße von Pfaffenhofen nach Binswangen und der Wegverbindung von Oberthürheim nach Blindheim an der Hangleite des Donautals errichtet, sitzt dieser Bau sehr elitär, sehr einmalig schön. Der Holzbau ist 8 m lang, 3 m breit und wird über einen Vorbau betreten. In Blockbauweise ausgeführt stellt die Kapelle ein Statement dar, das Spiritualität und älteste Konstruktionsweise als Inbegriff eines ursprünglichen Bauens zusammenbringt. Im Innern belichten 172 blaue Farbgläser und ein goldgelbes Kreuz in der Westwand den Raum, in dem ein offensichtlich als Chorgestühl gedachtes, beidseitig angebrachtes Sitzmöbel einlädt ... Aber ganz sicher nicht zum Sitzen, denn dann schaut man auf ein Gegenüber oder auf die Wand mit lichternen Lichtern. Gemessen am Kapellenbau von Wilhelm Huber ist hier am Ende dann eine Miniatur-Architektur entstanden, die dem wunderbaren Ort so recht nicht gerecht werden möchte.
Wegkapelle bei den Schwaigen von Alen Jasarevic
Foto: Benedikt Kraft
Wegkapelle bei den Schwaigen von Alen Jasarevic
Foto: Benedikt Kraft
Es geht weiter zur Wegkapelle bei den Schwaigen von Alen Jasarevic. Wir fahren in eine Sackgasse in Richtung Nordosten, was nichts anderes heisst, als das wir diese Kilometer nach Alen Jasarevic wieder zurückfahren werden. Doch: Wer die Strecke zweiteilt kann hier sehr gut nach Allmannshofen weiterfahren, hier wartet mit Hotel Kloster Holzen (gekonnt saniert 2011 vom Büro Sommersberger, München) eine der Tour entsprechende Unterkunft.
Hotel Kloster Holzen, Allmannshofen. Übernachtungstipp
Foto: Benedikt Kraft
Aber zurück zum Alen Jasarevic aus Mering. Sein Bau befindet sich an einem Waldweg zur Bartelstockschwaige und wird hinterfangen von Donauauwäldern mit Eschen, Eichen und Ahorn. Die Grundidee des Entwurfs bilden, so der Architekt, zum Gebet gefaltete Hände. Die Kapelle in Form eines ansteigenden Zeltdaches ist 12 m hoch, 6 m lang und besteht aus drei 14 cm dicken BSH-Platten, die durch ein Kreuz verbunden sind. Ihre Breite verjüngt sich von 5 auf 2 m, wodurch eine aufstrebende Dynamik erzeugt wird. Ummantel wird die Kapelle von einem Schindelschirm. Die aus Cortenstahl gefertige Tür erinnert dunkel an Peter Zumthors Feldkapelle. Ein abseits stehender Balken lädt zum Sitzen und Schauen ein.
Kapelle Kesselostheim von Staab Architekten
Foto: Benedikt Kraft
Kapelle Kesselostheim von Staab Architekten
Foto: Benedikt Kraft
Weiter, steil nach Norden hoch, erreicht man die Kapelle Kesselostheim von Staab Architekten. Schon von weitem ist sie zu sehen oberhalb von Kesselostheim, an der Hangkante. Hier, unterhalb des 14 m hochragenden, schlanken Kapellenturm bietet sich ein weiter Blick in die hügelige Landschaft mit Kirchen, Dörfern und Burgen. Der Turm, dessen Lamellenstruktur an die Schallluken der (evangelischen!) Glockentürme erinnert, steht zwei alten Linden, denen er trotz aller Eleganz die Schau nicht zu stehlen weiß. Es schließt sich ein kleiner Platz an, der wiederum von einer Wandscheibe mit eingelassener Bank abgeschlossen wird.
Die quadratische Grundfläche der Kapelle beträgt 4 m, auch hier verbindet ein Kreuz die aufstrebende Konstruktion in der Spitze. Tatsächlich scheint vor allem der kleine Platz mit seiner Aussicht der eigentliche Ort zu sein, der Innenraum bietet außer dem Tageslicht den Blick auf die Konstruktion, deren Einfachheit (Schraubwinkel!) kaum zu überbieten ist. Auch das Leimholz der Lamellen hat offensichtlich gelitten.
Wooden Chapel Unterliezheim von John Pawson
Foto: Benedikt Kraft
Wooden Chapel Unterliezheim von John Pawson
Foto: Benedikt Kraft
Wooden Chapel Unterliezheim von John Pawson
Foto: Benedikt Kraft
Nach einigen Kilometern nach Westen, die vielleicht schönste Kapelle, die Wooden Chapel Unterliezheim von John Pawson. Zu zwei Dritteln im Wald stehend, lugt sie als eine Art von sehr geordnet geschichtetem Holzstapel auf die Wiese davor. Für diesen scheinbaren Stapel stellte ein dänischer Unternehmer 40 Douglasien mit einer Länge von etwa 12,5 m und einem Durchmesser von 90 cm zur Verfügung. Diese Stämme sind dann so gesägt, dass sie flach aufeinanderliegen, dass hinter den Köpfen nur noch wenige Zentimeter liegen, dass sie insgesamt innen einen rektangulären, längsgestreckten Raum bilden können. Aus einem Fenster am Ende des langen Raumes, auf dessen einer Seite eine durchlaufende Sitzbank (Beton! hier doch der Pawson) steht, geht der Blick auf Unterliezheim und die hügelige Landschaft. Neben dem Fenster gibt es ganz oben noch eine Lichtfuge sowie in der zur Wiese zeigenden Wand eine kreuzförmige Öffnung. HIer kann man immer noch das schon ältere Holz riechen, man hört - obwohl geschützt und verborgen - den Wald und seine Tiere.
Dieser Ort ist scheinbar der einfachste der sieben, seine Lage wunderbar abgeschieden. Nähert man sich aus dem Wald, ist da zuerst nur der allerdings massige Holzstapel, in den einzutreten man sich zuerst vielleicht gar nicht traut. Trotz aller Rauheit, trotz des rohen Holzes in der formalen und detaillierten Reduktion ein echter Pawson.
Wegkapelle zwischen Oberbechingen und Wittislingen von Frank Lattke
Foto: Benedikt Kraft
Wegkapelle zwischen Oberbechingen und Wittislingen von Frank Lattke
Foto: Benedikt Kraft
Wegkapelle zwischen Oberbechingen und Wittislingen von Frank Lattke
Foto: Benedikt Kraft
Zum Schluss die Wegkapelle zwischen Oberbechingen und Wittislingen von Frank Lattke. Auch diese ist schon von weitem zu sehen, sie steht an einer Weggabelung recht markant in freier Landschaft. Der Blick geht in das tiefer gelegene Ried und die ansteigende Landschaft der Schwäbischen Alb mit zahlreichen Dörfern und Kirchtürmen. Durch die unterschiedlich gestalteten Fassaden und die Höhe des diagonal zum Grundriss verlaufenden Dachfirsts scheint die Kapelle wie in Bewegung zu sein. Von aussen schaut man durch das schmal gesetzte Stabwerk der nach innen verschwenkten Eingangswand und kann den Innenraum erahnen. Schnell gewöhnen sich die Augen an die Dämmerung innen, man sieht auf das Kreuz, das über einen Fensterschlitz beleuchtet aus der Dämmerung gehoben wird. Die Holzkonstruktion, die ein filigranes Kreuzrippengewölbe simuliert, gestaltet den kleinen wie zugleich weiten Innenraum mit Hell- und Dunkelzonen. Das Holzständerwerk, die unbehandelte Brettschalung und der Hirnholzboden sind aus heimischer Fichte. Draußen steht eine fast schon banale Sitzbank an einem frisch gepflanzten Bäumchen. Auch hier: ein gut gewählter Ort.
Dass sich - man stellt es vielleicht erst am Ende fest - alle Bauten des Materials Holz bedienen, hat den einen Grund: Holz Denzel ist das Holzunternehmen der Region, in den (meisten) Kapellenbauten zeigen sich also Holzbaukompetenz und ganz sicher der Wunsch, Danke zu sagen. Eine wirklich schöne Reise, wir sagen ebenfalls danke!
