Im Notfall auch auf der grünen Wiese bauen

Bundeskanzler Olaf Scholz schreitet mit Vorschlag zurück in die 1970er-Jahre. Darauf gibt es nun eine klare Antwort

Der sonst eher zurückhaltende Bundeskanzler Olaf Scholz empfahl auf einer öffentlichen Veranstaltung, dem sogenannten "Wahlcheck in Heilbronn", ohne Not aber im Notfall auch auf der grünen Wiese zu bauen. Wir bräuchten neue Stadtteil, wie man die in den 1970er-Jahren doch auch machte! Dazu verfassten nun zahlreiche hochrangige Expertinnen aus der Baubranche einen Offenen Brief, der hier anhängt. Und auf den zu antworten der Kanzler in diesem Brief explizit aufgefordert ist.

Nun wäre da eine Chance gewesen. Mehr, als nur von Zeitenwende zu reden, was immer eine solche auch meint. Zeit wendet sich nicht, wir wenden uns, manchmal winden wir uns auch. Die Aussage Olaf Scholz, unserers Bundeskanzlers, man könne doch wieder dahin zurück, wo wir einmal gescheitert sind - Großsiedlung aus einem Guß am Stadtrand, dort, wo die Bodenpreise noch nicht zur Gänze dem Spekulativen zum Opfer gefallen sind - irritiert. Und wirft gleichzeitig ein schräges Licht auf eine SPD, die - und die Bundesbauministerin ist Teil dieser Partei - Wohnraum für alle schaffen will. Leider eben auf Kosten von allen, die dereinst dieses Land noch bevölkern werden.

Bauen im Grünen: Plattenbauten für die Arbeiter des Carl-Zeiss-Kombinates. Zwischen 1966 und 1986 realisiert in Neulobeda, sieben Kilometer vom Zentrum Jena entfernt, für knapp 40.000 Einwohnerinnen
Foto: Benedikt Kraft

Bauen im Grünen: Plattenbauten für die Arbeiter des Carl-Zeiss-Kombinates. Zwischen 1966 und 1986 realisiert in Neulobeda, sieben Kilometer vom Zentrum Jena entfernt, für knapp 40.000 Einwohnerinnen
Foto: Benedikt Kraft

Flächenverbrauch ist doch nichts anderes als Ressourcenverbrauch. Die über Jahrzehnte versäumte Bodenpolitik, ja die über Jahrzehnte gepflegte Antibodenpolitik hat dazu geführt, dass das Erstellen von Wohnraum ein Geschäft geworden ist in Zeiten, in denen das Geld kein Geld mehr einbrachte. Betongold, für dessen Erwerb und Nutzen aberwitzig viel Geld aufgebracht werden muss, weil eben die Politik Wirtschaft förderte ohne dabei zwischen Wirtschaften und Gewinnmaximierung zu unterscheiden. Neben dem Erstellen von Gebäuden kommt Infrastruktur dazu, kommen Verkehr, Bevölkerungszuwachs und -schrumpfen oder in ihrer Wucht noch unvorhersehbare Klimaeffekte dazu, die die Neuplanung ganzer Stadtteile höchst schwierig werden lassen. Und wenig zeitenwendig, ist doch das Meiste schon vorhanden und müsste nur gehoben werden, wortwörtlich und intellektuell sowieso.

Geförderter, öffentlicher Schwimmbadbau in Düsseldorf Unterrath, auf der grünen Wiese
Foto: Benedikt Kraft

Geförderter, öffentlicher Schwimmbadbau in Düsseldorf Unterrath, auf der grünen Wiese
Foto: Benedikt Kraft

Nun also sollen wir die eigentlich doch längst heilig gesprochenen Restfreiflächen rings um die Großstädte mit neuen Suburbs füllen, damit die Wohnungssuchenden noch eine reelle Chance auf ein bezahlbares Zuhause bekommen. Dass der Sozialdemokrat damit - bewusst/unbewusst - einen Reset-Knopf drückt, der nur sehr kurzfristig Finanz- und Ressourceneinsatz katalysiert, bestimmt aber nicht die Zustimmungszahlen für die Partei in kommenden Wahlen in  den Ländern oder später dann im Bund, das sollte dem beinahe obersten und einmal gewählten Mann im Land dann doch bewusst sein. Ob er den Offenen Brief und auch welche Weise zur Kenntnis nimmt, ja darauf gar öffentlich antwortet, wie seine Verfasserinnen hoffen, bleibt abzuwarten. Vielleicht kommt etwas in einem Nebensatz in der Neujahresansprache, das wäre doch die Zeitenwende Nr. 4!? Oder würde es Nr. 5? Die Zeit ist die richtige, für Wenden mancher Art, weitere Zeitenwenden braucht keiner!

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