Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur geht an die Mehrzweckhalle in Ingerkingen
Atelier Kaiser Shen erhält den Preis für ihr Projekt, das als herausragendes Beispiel für ein ökologisch wie architektonisch überzeugendes Weiterbauen ausgezeichnet wurde 28.11.2025Die sanierte und erweiterte Mehrzweckhalle in Ingerkingen hat 2025 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur gewonnen. Die Jury würdigt das von Atelier Kaiser Shen geplante Projekt als herausragendes Beispiel für ein ökologisch wie architektonisch überzeugendes Weiterbauen ganz im Sinne des Gemeinwohls. Der Architekturpreis für eine zukunftsorientierte Baukultur wurde in diesem Jahr zum 13. Mal von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. zusammen mit der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. vergeben.
Die Preisverleihung fand gestern, am 27. November 2025 im Rahmen des neuen DGNB Veranstaltungsformats "Forum Nachhaltige Architektur" in Bonn statt. „Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Architektur zeigt seit vielen Jahren, was wirklich zählt: Projekte, die Nachhaltigkeit nicht einfach nur behaupten, sondern konsequent, innovativ und mit Haltung umsetzen“, sagt Prof. Amandus Samsøe Sattler, DGNB Präsident und Vorsitzender der Jury. „Der diesjährige Gewinner beweist eindrucksvoll, dass Architektur nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Die Architekten verbinden technologische Innovation mit gesellschaftlicher Relevanz und schaffen einen Ort, der Menschen stärkt und Ressourcen schützt.“
Vorbildlich weitergebaut: Mehrzweckhalle in Ingerkingen
Im Wettbewerb ließ die Gemeinde offen, ob die sanierungsbedürftige Mehrzweckhalle erhalten bleibt oder einem Neubau weichen muss. Das Stuttgarter Büro Atelier Kaiser Shen entschied sich für den maximalen Erhalt und erhielt den Zuschlag. Mit wenigen präzisen Eingriffen und unter aktiver Einbindung der Bürgerinnen und Bürger gelang es den Architekten, die bauliche Identität der Halle aus den 1960er Jahren zu bewahren und zugleich eine eigene gestalterische Handschrift einzubringen.
Rund 60 Prozent der vorhandenen Struktur konnten erhalten werden. Die neue Aufstockung in Holzbauweise basiert auf einem speziell entwickelten Tragwerk, das auf das Achsraster der vorhandenen Stahlbetonstützen ausgerichtet ist und die Lasten effizient in neue Fundamente leitet. Lediglich die Südfassade wurde rückgebaut und nach außen versetzt, um eine DIN-gerechte Sporthalle zu ermöglichen.
Das markante Holztragwerk prägt das Innere der Turn- und Festhalle und bildet als großzügige Dachauskragung einen wettergeschützten Freibereich zum südlich gelegenen Festplatz. Die verschiedenen Bauphasen bleiben ablesbar und machen die Weiterentwicklung des Gebäudes nachvollziehbar. Als vielseitig nutzbarer Ort für Sport, Kultur und Gemeinschaft bildet die Halle weiterhin einen wichtigen sozialen Ankerpunkt für die Gemeinde.
Unterschiedliche Materialien machen Bestand und Erweiterung der Mehrzweckhalle Ingerkingen klar voneinander ablesbar
Foto: Brigida González
Im Süden formen die geschwungenen Dachbinder einen wettergeschützten Außenbereich vor der Glasfassade
Foto: Brigida González
„In der kleinen Gemeinde Ingerkingen zeigen die Architekten von Atelier Kaiser Shen eindrücklich, wie durch Weiterbauen Identität bewahrt und zugleich neue architektonische Qualität geschaffen werden kann. Ökologisch klug, wirtschaftlich sinnvoll und fest im Gemeinwohl verankert wird das Projekt zu einem Vorbild für die Sanierung ähnlicher Hallen in Deutschland,“ so Martin Haas, DGNB Vizepräsident und Mitglied der Jury, in seiner Laudatio.
Und weil gute Projekte immer auch Bekanntheit brauchen, um bei Auszeichnungen dieser Art überhaupt diskutiert zu werden, verweisen wir an dieser Stelle auf die Publikation des Gewinnerprojekts in der DBZ 05|2025, Hefthema "Tragwerk". Dort findet sich ein längerer Beitrag unter dem Titel: "Von der Ehrlichkeit der Konstruktion".
Tageslicht und Holz dominieren im Inneren der Mehrzweckhalle Ingerkingen
Foto: Brigida González
Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, Kilian Juraschitz, Atelier Kaiser Shen, Prof. Dr.-Ing. Julian Lienhard, str.ucture, Florian Kaiser, Atelier Kaiser Shen und DGNB Präsident Prof. Amandus Samsøe Sattler
Foto: DGNB
Klare Haltung bei allen vier Finalisten
Neben der Mehrzweckhalle in Ingerkingen standen der Campus Holzbau Schmäh in Meersburg von Klingelhöfer Krötsch Architekten, das Suffizienzhaus U10 in Kassel von foundation 5+ architekten sowie das Münchner Projekt „Unser Gartenhaus – Haus ohne Zement“ von Florian Nagler Architekten in der Endauswahl. Alle vier Projekte setzen da an, wo die zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre liegen: im verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestand, in einer qualitätvollen Nachverdichtung und in der Stärkung des Gemeinwohls. Sie stehen damit für ein zukunftsorientiertes Bauen mit Haltung und liefern wichtige Impulse für eine Baukultur, die Nachhaltigkeit und Klimaschutz unaufgeregt, aber deutlich sichtbar macht.
Weitere Informationen und die Jurybegründungen aller nominierten Projekte gibt es unter www.dgnb.de/dnp-architektur und www.nachhaltigkeitspreis.de/wettbewerbe/architektur.
Erstmals wurde der Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur im Rahmen des neuen Veranstaltungsformats Forum Nachhaltige Architektur bekanntgegeben. Die Preisverleihung bildete den feierlichen Abschluss des hochkarätig besetzten Kongressprogramms, an dem rund 300 Gäste teilnahmen. Die Premiere des Forum Nachhaltige Architektur wurde gemeinsam von der DGNB und der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen in der Bundeskunsthalle Bonn ausgerichtet.
Ab 13. Dezember 2025 sind sämtliche Gewinnerprojekte aus 13 Jahren Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur Teil der DGNB Ausstellung „What If: A Change of Perspective“ im Aedes Architecture Forum in Berlin. Bis zum 28. Januar 2026 möchte die Non-Profit-Organisation Besuchende motivieren, festgefahrene Denk- und Handlungsmuster bezüglich nachhaltigen Bauens zu hinterfragen und neue Perspektiven zuzulassen.
Während der Laufzeit lädt die DGNB am 14. Januar 2026 Interessierte im Rahmen der Veranstaltung „DGNB unterwegs bei Aedes“ ein, mehr über die Ausstellung und die Arbeit des Vereins zu erfahren. Außerdem sind an ausgewählten Tagen jeweils ab 16:30 Uhr Vertreterinnen und Vertreter des DGNB Präsidiums vor Ort und stehen für Fragen und Austausch zur Verfügung. Am 12. Dezember 2025 findet ab 18:30 Uhr eine Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung statt. Sämtliche Termine sowie alle weiterführenden Informationen zur Aedes-Ausstellung der DGNB gibt es unter www.dgnb.de/aedes.
Die Projektbeteiligten bei der Mehrzweckhalle Ingerkingen:
- Bauherr: Gemeinde Schemmerhofen
- Architektur: Atelier Kaiser Shen Architekten
- Bauphysik (inkl. Raumakustik): GN Bauphysik
- Betonsanierung: Muhsau & Kindl Ingenieurgesellschaft mbH
- Brandschutz: Wurm Gesamtplanung
- HLSE: Paul Gampe + Partner GmbH
- Küchenplanung: Ingenieurbüro GhL GmbH
- Kunst am Bau: Steffen Dietze
- Landschaftsplanung: Jedamzik + Partner
- Tragwerk: Str.ucture GmbH
