Rathaus Großkarolinenfeld

Mit dem Rathausneubau von Behnisch Architekten aus München und der umfassenden Neugestaltung der angrenzenden Außenbereiche entstand quasi eine „neue Ortsmitte“ in Großkarolinenfeld.

Dem nördlich von Rosenheim gelegenen Großkarolinenfeld fehlte bislang ein eindeutig definiertes Zentrum. Mit dem Bau des neuen Rathauses wurde gleichzeitig auch das Umfeld aufgewertet, um Situationen und Orte mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen. Eine Folge von neu gestalteten Grünflächen, Plätzen und Wegen sind zu einem städtebaulich wirksamen Geflecht verbunden und machen die Ortsmitte als Zentrum erlebbar. Die bestehende Grünfläche zwischen den Kirchen dient als „Grüner Mitte“, die bis zum Bahndamm im Süden reicht. Westlich schließt sich der neue Rathausplatz zwischen altem und neuem Rathaus an und öffnet sich durch die zweigeteilte Gebäudeform im Erdgeschoss zu den südwestlich gelegenen Grünflächen um den Erlbach. Der öffentliche Weg durch das Gebäude hindurch verbindet über eine Fußgängerbrücke den Vorplatz mit dem Spiel- und dem Volksfestplatz. Der angrenzende Rathausgarten lädt mit großzügigen Sitzstufen zum Verweilen ein und trägt zusammen mit dem neuen Wegenetz wesentlich zur Belebung des Bereiches bei.

Das neue Rathaus bildet mit dem neu definierten Rathausplatz und dem ortsbildprägenden alten Gemeindehaus, das erhalten wurde, den selbstbewussten Auftakt der neuen Ortsmitte. Das Grundstück liegt auf einem leicht abfallenden Gelände westlich der Hauptstraße. Entsprechend seiner Bedeutung als wichtiges öffentliches Haus wirkt es durch seine Größe und Lage eigenständig, nimmt aber auch einen klaren räumlichen Bezug zu den vorhandenen Nachbargebäuden auf. Im Erdgeschoss befinden sich die bürgernahen Funktionen, gegliedert in zwei unabhängige Teile, frei geformt und transparent in ihrer Erscheinung. Sie sind umgeben vom öffentlichen Raum und unterstützen die Durchlässigkeit zwischen Rathausplatz und den westlichen Freiflächen. Auf der einen Seite befinden sich das stark frequentierte Bürgerbüro mit dem Eingangsfoyer und der offenen Treppe in das Obergeschoss, auf der anderen der Sitzungssaal und das Trauzimmer. Die 123 und 51 m2 großen Säle können für Veranstaltungen zu einem großen Raum zusammengelegt werden und sind über einen separaten Eingang mit eigenem Foyer zugänglich.

Das Obergeschoss liegt als geordneter, rechteckiger Körper über den Bereichen des Erdgeschosses. Hier sind die weniger öffentlichen Büros der Verwaltung untergebracht, mit jeweils 22 m2 großzügig bemessen. Die Abteilungen Hauptamt, Bauamt und Kämmerei gruppieren sich jeweils über Eck entlang der Außenfassade und umschließen im Innern zwei Lichthöfe. Der eine führt bis ins Erdgeschoß und leitet mit Tageslicht den Weg durch das Gebäude, der andere endet im Obergeschoss und bildet einen internen „Freihof“, der von MitarbeiterInnen und BesucherInnen genutzt werden kann. Die zur Fassade hin aufgeweiteten Flurzonen für den Wartebereich und die Teeküche sorgen für zusätzliches Tageslicht und bieten Ausblicke ins Freie.

Fassade und Konstruktion

Entsprechend der verschiedenen Aufgaben unterscheiden sich auch die Fassaden der beiden Geschosse. Während die transparenten, durchlässigen Glasflächen die öffentlichen Funktionen betonen, wechseln sich im Obergeschoss offene und geschlossene Flächen aus vorvergrautem Lärchenholz ab. Die Öffnungen lassen sich mit Schiebeläden aus senkrechten Holzlamellen für die jeweiligen Bedürfnisse von Hand schließen oder öffnen, sodass eine wirksame Verschattung und gleichzeitig Durchblicke nach außen möglich sind. Die öffenbaren Fenster erlauben eine natürliche Frischluftversorgung, im Bürgerbüro und im Saal in Kombination mit einer mechanischen Abluftanlage. Die Schichtung der Fassade in drei Ebenen verleiht dem Gebäude eine markante, charakteristische Erscheinung.

Das Gebäudetragwerk und die Decken aus Stahlbeton werden über dem Sitzungssaal und dem Trauraum aufgrund der größeren Spannweite ergänzt durch eine Dachkonstruktion aus Stahlträgern und Brettstapelholzplatten. Die Außenwände im Obergeschoss sind in Holzständerbauweise mit Holzfaserdämmung errichtet.

Das „Low-Tech“-Gebäude verfügt über zwei Luftwärmepumpen, die in Verbindung mit der Fußbodenheizung im Winter heizen und immer Sommer auch kühlen können. Sie werden größtenteils über die hauseigene PV-Anlage auf dem Dach betrieben. Integrierte Lüftungsleitungen und -anlagen sind mit einer Wärmerückgewinnung ausgestattet. Das Gebäude hat den Nachweis für ein KfW-Effizienzhaus 55.

 

 

 

Projektdaten
Bauherr: Gemeinde Großkarolinenfeld
Architektur: Behnisch Architekten, München, www.behnisch.com
Wettbewerb: 2016, 1. Preis
Fertigstellung: 2020
BGF: 2576 m2
BRI: 5951 m3

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