Günther Domenig: DIMENSIONAL – von Gebäuden und Gebilden

Vier Ausstellungsorte reflektieren das Werk des Architekten und Lehrers noch bis zum 16. Oktober 2022 in Österreich

Fokus auf Günther Domenig: Das Land Kärnten blickt in diesem Sommer auf den renommierten Architekten, der, 1934 in Klagenfurt geboren, vor 10 Jahren (15. Juni 2012) in Graz verstarb. An der dortigen Technischen Universität wirkte er als Professor und prägte die Grazer Schule. Noch bis zum 16. Oktober wird sein Werk an vier Orten reflektiert: In Klagenfurt im Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) und dem Architektur Haus Kärnten; zudem in Hüttenberg/Heft und in Steindorf am Ossiacher See, wo bedeutende Architekturen von Domenig bei regelmäßigen Öffnungszeiten zu erkunden sind: dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr. Weitere Orte erschließt das umfangreiche Begleitprogramm über Führungen und Vorträge (Weiteres dazu siehe Kasten unten).

Die Annäherung an Domenig erfolgt inspirierend vielfältig. Verbindend ist eine einheitliche Gestaltungssprache der Kommunikationsmittel und Ausstellungsgestaltung aller Orten: Veronika Platz hat, im Auftrag von bueronardin, grazile raumstrukturierende Displays aus Armierungsstahl und MDF-Platten entwickelt.

Sie präsentieren Exponate, nehmen Text- und Bild-Informationen auf oder bilden Tische aus. Zugeordnete Stühle heben sich in Farbe und Form ab. Hier können die Besucher:innen auf einem originalen Domenik Platz nehmen: beige, stapelbare Kunststoff-Sessel mit orangener Textilauflage, die der Architekt für die Kapelle der Schulschwestern in Graz entworfen hat (1968). Im MMKK wird dieses Projekt vorgestellt und Paravents aus der Kapelle sind im Ausstellungbereich „Das Utopische“ als raumtrennendes Element eingesetzt.

Das Re-Aktivierte im MMKK
Foto: Claudia Luxbacher

Das Re-Aktivierte im MMKK
Foto: Claudia Luxbacher

Das MMKK bietet, gegliedert in sechs Themenbereiche (Das Re-Aktivierte, das Utopische, das Körperliche, das Funktionale, das Unbekannte und das Manifeste), einen umfangreichen Überblick über das Werk Domenigs anhand von Zeichnungen, Modellen, Fotografien und Dokumentarfilmen und vermittelt auch unbekanntere Facetten des Künstlerarchitekten, wie er sich selbst nannte: beispielsweise Domenig als Bühnen- und Kostümbildner und als Landschaftsarchitekt.

Das Utopische im MMKK
Foto: Claudia Luxbacher

Das Utopische im MMKK
Foto: Claudia Luxbacher

Das Manifeste im MMKK, Modell "Steinhaus" von Günther Domenig, Deckeninstallation, o.T., von Peter Sandbichler
Foto: Claudia Luxbacher

Das Manifeste im MMKK, Modell "Steinhaus" von Günther Domenig, Deckeninstallation, o.T., von Peter Sandbichler
Foto: Claudia Luxbacher

Ein originales Modell der architektonisch-künstlerisch ausgeformten Gesamtanlage des Steinhauses am Ossiacher See ist zentrales Exponat im Ausstellungbereich „Das Manifeste“. Den Ausstellungsraum prägt eine abgehängte Decke aus gefalteter KTM Verpackungskartonage, die mit einer vertieft gesetzten Lichtleiste, den Bewegungsfluss der Besuchenden aufnimmt und zugleich die originalen Entwurfszeichnungen, die an den Wänden präsentiert sind, vor intensivem Licht schützt. Die Installation stammt vom Künstler Peter Sandbichler.

Das Manifeste im MMKK, Rauminstallation "Überflug" von Anna Rubin
Foto: Claudia Luxbacher

Das Manifeste im MMKK, Rauminstallation "Überflug" von Anna Rubin
Foto: Claudia Luxbacher

Das Manifeste im MMKK, Modell "Steinhaus" von Günther Domenig, Deckeninstallation, o.T., von Peter Sandbichler
Foto: Claudia Luxbacher

Das Manifeste im MMKK, Modell "Steinhaus" von Günther Domenig, Deckeninstallation, o.T., von Peter Sandbichler
Foto: Claudia Luxbacher

Seine Arbeit bewirkt eine Resonanz zwischen Modell und Ausstellungsort. Die Wechselwirkung von Architektur und Skulptur – fundamental für Günther Domenigs architektonische Gebilde – wird unmittelbar als körperliche Erfahrung spürbar.

Auch andernorts tritt zeitgenössische Kunst oder Kunst aus der Sammlung des Museums in die Ausstellung. Sie steht in Bezug zu den Themenräumen und durchwirkt den Parcours in seinem Verlauf immer stärker bis hin zum letzten Ausstellungsraum, der gänzlich von Anna Rubin mit der Arbeit „Überflug“ aus dem Jahr 2022 bespielt wird – eine unerwartete Dramaturgie.

Ausgangspunkt der Rauminstallation Anna Rubins sind Buntstiftzeichnungen Günther Domenigs, die in Zusammenhang mit der Planung des Steinhauses entstanden.

Steinhaus in Steindorf/AT
Foto: Gerhard Maurer

Steinhaus in Steindorf/AT
Foto: Gerhard Maurer

Die gezeichneten Schraffuren und farbigen Linien werden bei Rubin zu gefärbten Papierflächen, die mit farbigen Fäden zwischen Boden und Decke fliegend aufgespannt sind. Schicht für Schicht blättern und entfalten sie sich in den Raum. Eine dreidimensionale Berglandschaft entsteht, die zugleich an Günther Domenigs Skulptur „NixNutzNix“ im Steinhaus erinnert.

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

„Ein zentraler Pfeiler der Ausstellungskonzeption (für alle vier Standorte) war die Kontextualisierung des Werkes Günther Domenigs über zeitgenössische künstlerische und architektonische Positionen“, sagt Andreas Krištof, section.a., die das Gesamtkonzept verantworten. „Es geht uns sehr stark darum, eine neue Sprache für Domenigs Arbeiten zu finden, eine Aktualisierung seiner Position zu erreichen – und dies am besten durch neue Stimmen.“

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Unerwartet präsentiert sich auch der Ausstellungsort Heft/Hüttenberg: Er wird als Lost Architecture be- und verhandelt: Domenigs Werk strahlt nicht herausgeputzt, sondern von Spinnweben eingefangen. Geborstenes Glas und Ablagerungen in den historischen Displays, die uns Domenig als Ausstellungsgestalter zeigen, zeugen davon, dass sie schon lange nicht mehr zum Einsatz kamen. Die aktuelle Ausstellung stellt heraus: Es fehlt eine Nachnutzung. Das Jahr 1995, in dem Domenig das ehemalige Eisenhüttenwerk als Ausstellungsort für die Kärntner Landesausstellung erschloss und architektonisch erweiterte, bleibt als Aufbäumen der abgelegenen Region in Erinnerung, die Ende des 19. Jahrhunderts ihren reichen Höhepunkt mit einer jährlichen Roheisenproduktion von 20.000 t erlebte.

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Lost Architecture: Ausstellungsort Heft/Hüttenberg
Foto: Claudia Luxbacher

Künstler:innen und Student:innen der Architektur bespielen den Lost Place mit Interventionen und bringen, kuratiert von Valerie Messini, ihre Gedanken ein, wie es weiter gehen kann. Beteiligt sind Hochschulen und Universitäten aus Österreich und darüber hinaus: Neben der Universität für Angewandte Kunst Wien, der Fachhochschule Kärnten, der Universität Innsbruck und der Uni Wien (Institut für Kunstgeschichte) sind dies die School of Architecture, London und die Hochschule für Technik Stuttgart. Die Zeitschicht der aktuellen Ausstellung fügt sich in den Bestand ein; die neuen Positionen erscheinen optisch zurückhaltend formuliert und wirken teils selbst aufgegeben und verloren.

Ausstellung im Architektur Haus Kärnten
Foto: Claudia Luxbacher

Ausstellung im Architektur Haus Kärnten
Foto: Claudia Luxbacher

Um Interpretation und Annäherung geht es auch im Architektur Haus Kärnten. Die Ausstellung ist als Prozess angelegt. Kontinuierlich schreiben Architekt:innen ihren Blick auf Domenig ein. Zur Eröffnung überzeugte der zweigeschossige, historische Ausstellungsraum im 1847 erbauten Napoleonstadel mit einer vom offenen Dachstuhl herab abgehängten und aufgespannten, blauen Zeltplane unter der Besucher:innen auf den Wandel in Domenigs Architektur eingestimmt werden (Installation Kollektiv 4): Begleitet vom charakteristisch tackendem Klang der Projektoren überlagern sich historische Aufnahmen aus Domenigs Dia-Sammlung: der Mehrzwecksaal der Schulschwestern in Graz-Eggenberg (1972) und ein nicht mehr existierendes Restaurant, realisiert zu den Olympischen Spiele in München 1970/72 (beide Projekte gemeinsam mit Eilfried Huth). Die umliegenden Wände blieben (noch) leer.

Ausstellung im Architektur Haus Kärnten
Foto: Claudia Luxbacher

Ausstellung im Architektur Haus Kärnten
Foto: Claudia Luxbacher

Absolut sehenswert – und sicher der Höhepunkt für alle Architekturreisenden – ist schließlich Domenigs Opus Magnum, sein autobiographisches Schlüsselwerk: das Steinhaus am Ossiacher See – ein Gesamtkunstwerk und selbst Ausstellungsobjekt. Zur DIMENSIONAL untersuchen Performances die Körperlichkeit der expressiven Architektur-Skulptur. Die choreografischen und akustischen Annäherungen sind vor Ort in der Ausstellung dokumentiert. 
 
Die Stilikone des Dekonstruktivismus wird zum Resonanzraum. Domenigs Werk, neu befragt im aktuellen Diskurs: dies gelingt DIMENSIONAL. Die vier Ausstellungsorte und zahlreiche Veranstaltungen laden ein, Domenig erneut und neu zu entdecken.

Günther Domenig: Dimensional

„Günther Domenig: DIMENSIONAL, Von Gebäuden und Gebilden", ist eine Ausstellung, die an vier Orten in Kärnten zum ersten Mal umfassend und kontextualisiert durch zeitgenössische künstlerische und architektonische Positionen das Werk des international namhaften in Kärnten geborenen Architekten zeigt. Das Ausstellungs- und Forschungsprojekt unternimmt den Versuch, das Werk und die Person Günther Domenig neu zu verorten und einer Aktualisierung zu unterziehen.

Das Programm wird über die Website beworben – zentrale Plattform im durchgehend gestalteten Gesamtauftritt. Die Gesamtkonzeption lag bei section.a; die visuelle Gestaltung bei bueronardin.

Aktueller Veranstaltungstipp:

Live-Performances im Steinhaus am 30. und 31. Juli durch das Tanzquartier Wien sowie am 23. und 24. September bei Encounters #4 von Alexander Gottfarb (Details s. Website).

Und als Ausblick: angelegt als Forschungsprojekt, wird „DIMENSIONAL“ in ein neues digitales Domenig-Archiv eingespeist. Recherche- und Ausstellungsmaterialien stehen dann dauerhaft der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Archiv wird über die hier genannte Website aufrufbar sein.

Zudem erscheinen zwei Publikationen zur Ausstellung:

Günther Domenig: Dimensional. In Resonanz. Hrsg. v. Anna Baar / Gerhard Maurer / Raffaela Lackner / Ina Sattlegger / Viktoria Pontoni / Andreas Krištof. Jovis, Berlin 2022, ISBN 978-3-86859-758-5, 32 €

Günther Domenig: Dimensional. In Reflexion. Hrsg. v. Raffaela Lackner / Ina Sattlegger / Viktoria Pontoni / Andreas Krištof. Jovis, Berlin 2022, ISBN 978-3-86859-759-2, 32 €

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