Wolkendurchbohrer á la MVRDV

Die Rotterdamer bauen in Seoul zwei Hochhäuser, die 2015 bereits fertiggestellt sein sollen

Stapelung ist ein typologisch, strategisch zentrales Thema der Rotterdamer Architekten MVRDV, Didden Village, Rodovre Skyvillage und natürlich der Expo-Pavillon in Hannover spielen und spielten mit dem Abgehobensein des Wohnens auf eine real höhere Ebene. Das mag aus der unterschwelligen, vielleicht gar genetisch inkorporierten Furcht der Niederländer resultieren, deren Baugrund nicht selten ein paar Meter unter +-NN des Meeresspiegels liegt. Es mag aber auch eine Fluchtbewegung nachvollziehen, die das dicht besiedelte Land schon immer übte; sei es über die Meere, sei es all sommerlich in die Berge der benachbarten Ländern.

Vergangene Woche nun haben MVRDV, Rotterdam, ein Paar Skyscraper für Seoul präsentiert. Wohntürme, der eine 260 m hoch (54 Geschosse), der andere 300 m (60 Geschosse). Das wäre vielleicht gar nicht einmal vermeldenswert, gäbe es bei dem „The Cloud“ genannten Projekt nicht die eine Besonderheit: die Wolke.

Erinnern mag der Name zum einen an die aktuell geführten Debatten und Computer Clouds, so genannten „Datenwolken“, virtuellen Rechenzentren irgendwo im WWW, auf deren anonymen Servern Speicherplatz gemietet, gekauft, getauscht werden kann. Mit Blick auf die Wolke von „The Cloud“ kommt einem auch das Bild in den Kopf, das der Künstler Gerwald Rockenschaub auf die Außenfassade der Temporären Kunsthalle in Berlin malte: gepixelte Abstraktionen von Wolken am sommerblauen Himmel. Bei „The Cloud“, bei welcher das „the“ pars pro toto-Anspruch erhebt für gebaute Wolken schlechtin, handelt es sich um eine sukzessive auskragende und zurückziehende Geschossflächenerweiterung zwischen dem 27. und 37. Geschoss. Damit stehen die beiden Türme mit einer Gesamtnutzfläche von 128000 m² und so in der Mitte auch real verbunden, in ihrer eigenen, ewiglich unbeweglichen Wolke.

Und MVRDV wären nicht sie selbst, wenn sich in diesem Gebilde nicht das abspielte, was Wolkenkratzer (hier gar Durchbohrer) einer Stadt nehmen: Öffentlichkeit. Die kann nun jeder (?) per Expressaufzug erreichen und auf den 14357 m² Wolkenfläche eine Sky Lounge, Cafés, Restaurants, ein Konferenzzentrum, Fitness- und Wellnessstudios besuchen, oder sich in den öffentlichen Dachgärten, den Terrassen und Pools aufhalten; zugig wird’s in denen aber schon sein. Ganz oben sollen Luxus-Suiten mit rund 1200 m² Wohnfläche und privaten Dachgärten entstehen.

In dem eigentlichen Wohnturm mit 9000 m² Fläche für das „Büro-Hotel“, eine typisch koreanische Besonderheit, sind Wohnungen und Appartments mit einer Fläche von 80 bis 260 m² untergebracht, einige davon haben doppelte Raumhöhe, Gärten und Patios. Realisiert werden die Türme, die 2015 bereits fertiggestellt sein sollen, am Eingang des „Yongsan Dreamhub“-Projektes, einer Masterplanung aus dem Studio Libeskind. Be. K.

MVRDV, Rotterdam

www.dreamhub21.com

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