Jahresrückblickend rückblicken

Was alles wahr war in 2010, und was nicht

Einen Jahresrückblick zu schreiben, sollte man sich eigentlich für die ersten Tage im Januar desjenigen Jahres aufsparen, das auf das Jahr folgt, in welches zurückgeschaut wird; damit man sicher sein kann, der Rückblick sei auch wirklich umfassend und lasse weder die größte Sensation am Heiligen Abend oder die weltbewegendste Begegnung am Sylvestertage aus.

Doch wenn schon das Höchste Schnellste und Schönste „aller Zeiten“ gekürt wird, ohne dass alle Zeiten noch ein Ende gefunden haben (glücklicherweise!), dann wird eine Rückschau vor dem eigentliche Ende erlaubt sein. Und man möchte ja auch nicht der Letzte sein im Reigen der Rückschauenden, die digitale online Medienzeit verlangt das geradezu von mir … eigentlich müsste ich, wollte ich wirklich am Puls der Zeit zurückschauen, damit schon am 1. Januar beginnen, dann am 2. Januar und so weiter.

Abschiede

Anlässe gäbe es genug. Welche aber auswählen, es gäbe so vieles … Doch auch hier: Weglassenmüssen ist zweite Medienpflicht (vor der dritten, wahrhaftig zu sein beziehungsweise, es wenigstens zu versuchen). Also fange ich mit den Abschiede an. Dem von Günter Behnisch, der am Montag, den 12. Juli 2010, im Alter von 88 Jahren in Stuttgart verstarb und der, wie kaum ein vierter noch, zur deutschen Architekturgeschichte der 2. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gehört hat. Oder der Österreicher Raimund Abraham, Architekt mit biblischem Zorn und kreativem Eigensinn, der 76-jährig in der Nacht vom 3. auf den 4. März 2010 bei einem Autounfall in Los Angeles das Leben ließ. Oder Johannes Spalt, Mitglied der "arbeitsgruppe 4" und ehemaliger Rektor der „Angewandten“ (Universität für angewandte Kunst, Wien), der am 2. Oktober 90-jährig in Wien verstarb; ein paar Monate zuvor in gleicher Stadt der viel zu spät im Westen (wieder)entdeckte serbische Architekt, Bildhauer und Autor, Bogdan Bogdanovic, der am 18. Juni, 87-jährig in einem Wiener Spital verstarb. Dem Basler Galeristen, Kunstsammler und Museumsgründer Ernst Beyeler, der am 25. Februar 2010 im Alter von 88 Jahren verstarb, verdanken wir mit dem Museumsbau in Riehen/Basel für die Fondation Beyeler einen sehr jungen Architekturklassiker (von Renzo Piano  1997). Und – und auch wenn sie nicht so ganz hier hereingehört – die Grande Dame der Bildhauerei, Louise Bourgeois, die vielleicht teuerste Künstlerin der Gegenwart, die am am 31. Mai 98-jährig in New York verstarb.

Sie und viele andere hier nicht genannte auch haben unser Leben direkt oder indirekt beeinflusst, mit ihren Texten, mit ihrer Kunst, mit ihren Bauten und ihrer Lehre. Die Qualität ihrer Arbeiten und ihres Wirkens macht sie wohl unsterblich, vermissen wird man sie gerade aus diesem Grunde jedoch umso mehr …

Auszeichnungen

Und ja, die Auszeichnungen! Hunderte gibt es mittlerweile, einige bedeutende werden erst im kommenden Jahr verliehen oder später noch. Von den international wichtigsten sei hier lediglich der Pritzker-Preis genannt, der in diesem Jahr nach Japan ging: Preisträger sind Kazuyo Sejima und ihr Kollege Ryue Nishizawa, die Gründer des Architektenbüros SANAA in Tokio, das überhaupt – mit der Kuratierung der Architekturbiennale in Venedig – zum international wohl wichtigsten Büro 2010 avancierte; die Zeichen wiesen schon 2009 darauf hin.

Der Praemium Imperiale, der „Weltkulturpreis zum Gedenken an seine Hoheit Prinz Takamatsu“, der sich als „Nobelpreis der Künste“ versteht ging in 2010 an Toyo Ito.

Die meisten Auszeichnung sahnte aber nicht SANAA ab, wieder einmal war es David Chipperfield, der übers Jahr verteilt persönliche und an seine Bauten adressierte Lob- und Preisansprachen sich anhören durfte (z. B. den hochdotierten Wolf-Prize oder den „Großer Preis für Baukultur“ des Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine e.V., Berlin).

Energieeffizienz oder Wutbürger

In 2010 dominierte das Schlagwort der „Energieeffizienz“ die Medien, Kongresse und Messeveranstaltungen, in 2011, davon kann man ausgehen, wird das nicht besser werden. Eigenartigerweise wurde "Energieeffizienz" aber nicht zum Wort des Jahres gekürt, es ist das Wort "Wutbürger", das hier den Titel einheimste. Wut? Wohl das Gegenteil von Energieeffizienz, doch manchmal - siehe Stuttgart - ziemlich effektiv.

Auswuchs des nationalen Energieeinsparwettbewerbs ist auch das Aus für Nachtspeicherheizungen, die am 1. Januar 2010 30 Jahre oder älter sind, die mussten bis dahin durch effizientere Heizungen ersetzt werden. Ich kenne noch einige Haushalte, die immer noch glauben, Nachtstrom käme aus der Steckdose, seie also CO2-frei und sowieso um Cent-Beträge billiger als Tagstrom. Ein Irrtum, ein doppelter.

Das also nicht mehr, Tag und Nacht sind wieder gleich Geschwister unter Gleichen. Was ab dem 1. September 2009 schon um ein Weiteres verordnungsrechtlich angegangen wurde. Ab diesem Datum sollte es keine Glühlampen mehr im Handel geben, die stärker als 60-Watt sind; oder mattiert, oder sonstwie nicht energieeffizient. Damit wäre in 2010 in deutschen Wohnzimmern nun blaulichtsparsame, jede süße Müdigkeit aussalzende Beleuchtung angekommen, dem europäischen Zentralismus sei Dank. Wäre, wenn man nicht an jeder Straßenecke noch die stromfressenden, schönleuchtenden Glühfadenlampen kaufen könnte, noch nicht einmal zu Schwarzmarktpreisen! Ebenfalls aus Brüssel kam die novellierte Gebäuderichtlinie EPBD 2010, die die Vorgaben für eine Energieeinsparung (=CO2-Einsparung) im Gebäudebestand so stark forcierte, dass der kleine Häuslebauer es mit der Angst zu tun bekam (energetische Zwangssanierungsmaßnahmen mit Androhung von Beldbußen bei Nichteinhaltung).

Baukonjunktur erholt: Hoffnungen

Ansonsten hatte sich 2010 die Baukonjunktur leicht erholt (im Vergleich zum Annus Horribilis Architecturae 2009), der Hochbau konnte leicht (plus 1,3 Prozent) zulegen, die Investitionen in Sanierung und Umbau (mithilfe der Konjunkturpakete) steigen im zweistelligen Bereich. Es gibt also Hoffnung! Hoffnung für 2011! Dass die gerade ganz aktuell eingeschwenkte Häßlichkeit Waldschlösschenbrücke die Dresdner versöhne, dass die Idee eines völkerversöhnenden Humboldt-Forums endlich die ihm angemesse Form findet (oder was sollen die Besucher aus Asien oder Amerika denken, wenn sie ihre Kulturgüter in einem preußischen Schloss ausgebreitet finden!?), dass Lehren aus der Stuttgart 21-Katastrophe gezogen werden, dass die Atomlobby endlich entmachtet wird und ein Zauberer kommt, der die krebserregende Altlast Atommüll von diesem Planeten verschwinden lässt, dass es keine Architekten mehr gibt, die WDVS mit klarem Ja auf ihre Entwürfe kleben, dass der Flächenverbrauch eingedämmt und die Zulassung immer neuer, CO2-produzierender Autos mit mehr als 60 Watt mattiert … oder 100 PS unterbunden wird, dass die Fleischproduktion nicht wirklich das Abbild unserer Gesellschaftsverfassung ist, sondern nur ein Alptraum, aus welchem wir bald schon erwachen, dass der Schnee irgendwann wieder verschwindet, dass der Frühling demnächst Spaziergänge und Gartenarbeit ermöglicht … ich bin schon zu weit in 2011!

Es gibt Hoffnung, so lange das Nachdenken zunehmend anhält. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien, wünscht die ganze DBZ-Redaktion das Beste für das kommende Jahr!

Benedikt Kraft, DBZ.de-Redaktion

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