Hat die „Freie und Abrissstadt Hamburg“ noch eine Chance?

Die Planungen, die unter Denkmalschutz stehenden Hochhäuser des zentral gelegenen "City-Hofs" abzureißen, stoßen zunehmend auf Unverständnis. Wir sprachen darüber mit Volkwin Marg

Fast scheint es entschieden: Das City-Hof genannte Hochhausensemble entlang des nach Süden zum Deichtorplatz hin abfallenden Klosterwalls im Zentrum Hamburgs wird abgerissen. Die vier 11-Geschosser, deren Reihung sich dem Straßenverlauf sowohl horizontal wie vertikal anpasst, sind aus Sicht der Stadtoberen verfügbare Masse, ein Erhalt durch Sanierung wurde ausgeschlossen.

Die vier Hochhausscheiben, die in den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Plänen Rudolf Klophaus‘ realisiert worden waren, wurden in den Siebzigern erstmals saniert.Obwohl eine Fassadensanierung die ursprünglich weißen Leca-Platten  (= Light Expanded Clay Aggregates) 1978 hätte erhalten können, genehmigte der Senat die grauen Etneritplatten, die dem Ensemble heute die Tristesse „eines bei Nieselregen aus dem Atlantik auftauchenden U-Bootes“ verlieht. Volkwin Marg benutzte diese treffende Bild in einem Gespräch vor wenigen Tagen in Hamburg, wo wir den Architekten in seinem Büroschiff oberhalb der Elbe trafen, um uns über den Sachstand informieren zu lassen. Dass diese Informationen, die wir Ihnen in unserem Januar-Monatsinterview vermitteln möchten, durchaus subjektiv gefiltert sind, kann erwartet werden, Volkwin Marg hatte sich in jüngster Vergangenheit schon zu Begriffen wie „Skandal“ oder „Rechtsbruch“ hinreißen lassen.

Ob dem so ist, mag die Diskussion und möglicherweise anstehende parlamentarische Auseinandersetzung um das Verfahren zu Verkauf und Neubebauung des 1A-Grundstücks ergeben, zwei offene Briefe an den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt, Olaf Scholz (SPD), einmal von Seiten der Architektenverbände und mit Baukultur befassten nationalen Institutionen, dann zuletzt vom Deutschen Nationalkomitee ICOMOS und dem Bund Heimat und Umwelt in Deutschland BHU liegen als Protestnoten vor. Letzteres Schreiben appelliert an den Stadtoberen, das Grundstück nicht zur Räumung freizugeben, schließlich seien die Bauten (geistiger) Teil des angrenzenden Kontorhausviertels, das erst seit wenige Monaten auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste stehe. Das Niederreißen eines Denkmals wäre hier ein sehr fragwürdiges Signal.

Dass ICOMOS und BHU in ihrem Schreiben vom 11.11.2015 die Unternehmung Verkauf/Abriss/Neubau äußern, die Abrisspläne seien als eine „unerwartete Nachricht“ zu ihnen gedrungen, beschreibt im Ansatz das kopfschüttelnde Unverständnis, mit welchem Fachleute das forsche Agieren der für den Verkauf zuständigen Finanzverwaltung bewerten.

Wie liest es sich noch im Denkmalschutzgesetz der Hansestadt: „Die Freie und Hansestadt Hamburg soll auch als Eigentümerin oder sonst Verfügungsberechtigte und als obligatorisch Berechtigte durch vorbildliche Unterhaltungsmaßnahmen an Denkmälern für den Wert des kulturellen Erbes in der Öffentlichkeit eintreten und die Privatinitiative anregen. Dazu gehört auch die Verbreitung des Denkmalgedankens und des Wissens über Denkmäler in der Öffentlichkeit.“ Das mit den sich selbst verordneten Unterhaltungsmaßnahmen – nicht nur beim City-Hof – hat schon mal nicht nicht geklappt, jetzt sollte die Stadt doch wenigstens und eigentlich sogar ohne jeden (finanziellen) Schmerz die Vorbildlichkeit leben, die ein Gesetz von ihr einfordert. Denn das vom Architekten Marg für den Investor Matrix vorgelegte Sanierungskonzept hätte die vier Scheiben und ihren Verbindungssockel erhalten, der Stadt mehr (12 Mio. €) Geld als verlangt in die Stadtkasse gespült, günstigen Wohnraum im Herzen der Stadt geschaffen und dafür gesorgt, dass die gerne auch „Freie und Abrissstadt Hamburg“ genannte Kultur- und Handelsstadt endlich Vorbild wäre für andere deutsche Großstädte, die mit dem Erbe der Fünfziger und Sechziger Jahre ebenfalls nicht pfleglich umgehen. Aber offenbar profiliert sich Hamburg lieber mit Prestigebauten, und seien sie auch noch so kostspielig erstellt. Be. K.

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