Die Heizkosten sind höher - Wohnkirche in Utrecht/NL

Zecc Architekten machten die „Residential Church XL“ in Utrecht zur Außenwelt, in der aktuelles Wohndesign hilft, alte Schönheiten neu zu entdecken.

Buntes Licht fällt durch die Bleiglasfenster auf den Boden, kreuzgewölbte Deckenimposanz füllt den Raum. Doch der Sakralschein trügt: Wo einst die Gemeinde im niederländischen Utrecht andächtig lauschte, erhebt sich heute eine moderne Sofalandschaft; wo einst der Pfarrer Brot und Wein häppchenweise reichte, wird nun auf zwei Betbänken gepflegt gespeist.

Die Wohnnutzung bot sich förmlich an: Unauffällig reiht sich die schmale Steinfassade der Kirche in die der angrenzen­den Wohnhäuser ein. Doch so gut die Fassade ins Wohnumfeld passt, Dachkreuz und Fensterform bezeugen bis auf den heutigen Tag die spirituellen Wurzeln. Bis in die 90er war die St. Jacobus Kirche in Betrieb, nach ihrer Profanierung wurde der Ort als Ausstellungsraum für Antiquitäten genutzt, seit gut einem Jahr ist sie nun Lebensraum.Beim Eintritt blickt man zu erst auf die skulpturale Zimmerbox im Kirchenschiff. Sie zoniert die ca. 500-m² in Bad, Schlaf- und Arbeitsräume. Die Raumdecken sind wiederum Freiflächen, die als eine Art Indoor-Veranda Wohnzimmerfunktion überneh­men. Elegant integriert das Arrangement so alle Funktio­nen des täglichen Lebens, ohne die Raumanmutung zu zerstören oder ins denkmalgeschützte Mauerwerk einzugreifen.

Raumgestaltung

„Lebensnötiges integrieren, Kirchencharme erhalten, lautete unsere Devise! Zugleich sollte das moderne Design dem his­­to­­rischen Ort eine neue Qualität stiften – eine, die ihn aufregender macht“, beschreibt zecc Architekt Bart Kellerhuis das Leitkonzept. Das gelang! Ließ einen die Architektur ­früher geradewegs durchs Kirchenschiff schreiten, hilft die Wohn­skulptur nun den ehrwürdigen Andachtsraum Stück für Stück zu entdecken. Die vormalige Kirche wurde gewissermaßen zur Außenwelt, die Raumeinbauten mit Glasfächen wirken als Sehhilfen, die historische Elemente des ­gotischen Baus in Szene setzen: Kleine Schlafzimmerfenster geben den Blick aufs Kuppelgewölbe frei; vom Büro sieht man auf die Essecke in der Apsis; auf der Empore erfährt man die Baukunst in ihrer Gesamtheit.

Mit der Zimmerskulptur machten die Architekten gewissermaßen aus der Not eine Tugend: Einen in den 90er Jahren eingezogener Zwischenboden bauten sie so geschickt zurück, dass alte Sichtbeziehungen wiederhergestellt wurden und ebenerdige Räume entstanden, die indirektes Kirchenlicht ausreichend erhellen.

Da der Ursprungsraum möglichst unverändert bleiben ­sollte, wurden markante Elemente wie Fenster, Holztüren und Böden belassen und restauriert. Das Arrangement von ­Zimmern und Zwischengängen achtet sorgfältig darauf, die Sicht auf sehenswerte Historie nicht zu versperren. Moderne Elemente wie Küche und Raumskulptur passen sich durch ihr flächiges Weiß dem Ort an.

Was man der „Residential Church XL“ nicht ohne weiteres ansieht, sind Lösungen für Licht, Akustik, Energie und Sanierung. Allesamt sind neuralgische Umwidmungspunkte denkmalgeschützter Kirchen, die eine sensible Balance aus Sakralanmutung, Denkmalschutzauflagen und Budget erfordern. Die niederländischen Architekten folgten dabei einer budgetschonenden Pragmatik, die dem Duktus „geringster Input mit höchstem Komfort-Output“ folgt. Im Ergebnis entstand eine Wohnqualität, die in mancher Hinsicht hinter gewohnten Standards zurückbleibt, aber für Liebhaber derartiger Sonderimmobilien durchaus tragfähig zu sein scheint.

Lichter wohnen

Andachtsräume vermeiden die Außensicht, im täglichen ­Leben möchte man direktes Licht nicht missen. Doch wie schafft man Helligkeit, ohne die Fassadenanmutung zu zerstören? Die Lösung lag im Öffnen der Mauerwerkeinlässe im Halbrund der Apsis. Dies ist wohlgemerkt der einzige Eingriff ins Gemäuer, von dem die gesamte untere Wohn­ebene profitiert. Da das Zimmerarrangement die Torbogenfenster auf Wohnzimmerebene hebt, spenden die Kirchenfenster wohnliche Helligkeit und spektakuläre Lichteffekte.

Gedämpfter sprechen

Gotteshäuser ohne Nachhall irritieren, doch will man mit bis zu fünf Sekunden Nachhall leben? Ja, entschieden die Besitzer, und genießen es, auch weiterhin die Stimme beim Eintritt zu senken – oder sich ohne große Anstrengung durch den Raum hinweg zu unterhalten. Zu einschneidend wären die Eingriffe in Optik und Budget – zu marginal die Effekte gewesen, begründet Bart Kellerhuis. Selbstverständlich schlucken Teppich und Polster ein wenig Ursprungshall, und der nachträglich integrierte Schlaf- und Arbeitsbereich folgt üblichen Akustikstandards.

Gezielter heizen

Es wäre unbezahlbar gewesen, die Kirche so zu isolieren, dass man ihr komplettes Volumen auf 21 Grad aufheizen kann. Zudem hätte die Orgie an Isoliermaterial einen Verzicht auf vielerlei Fassadendetails bedeutet. Deshalb entschied sich zecc für eine gezielte Lösung: Die Fußbodenheizung sorgt für Grundwärme – mit traditionellen Verfahren würde die Hitze augenblicklich nach oben steigen. Das Mauerwerk wurde punktuell isoliert, nämlich in den Sitz-Zonen. Hier lässt sich gezielt heizen – oder man zieht einen Pullover über. Und ja, die Heizkosten sind höher.

Prägnant sanieren

Will man bei einer Umwidmung jedes Detail wiederherstellen, wird man verarmen. Die salomonische Lösung hieß: 65 % erhalten, alles andere über Ausbau regeln. Große Überholungs­maßnahmen wie die Dachsanierung waren zum Glück nicht nötig. So widmete man sich kleinen Eingriffen: Restaurierung des Eingangsportals, flicken von Mauerwerkrissen und Instandsetzung eines Seitendachs. Trotz der Kompromisse sind die Besitzer, ein Paar aus der Immobilienbranche, begeistert. Sie waren aber auch nicht unbeteiligt am Konzept. „Eine perfekte Kooperation“, meinen die Architekten rückblickend, denn der Kunde hatte klare Wohnwünsche und brachte Vorschläge ein. Was nicht verwundert: Die Kirche ist bereits das dritte Umwidmungsprojekt der Bauherren – nach einem alten Schulgebäude und einer 250-m²-Kapelle. Was die Umwidmung der 500-m²-Kirche noch toppen kann? Vorerst nichts! Trennungsbedingt steht das Objekt für knapp zwei Mio. Euro zum Verkauf. Nun wird der Besitzerwechsel entscheiden, wie marktfähig das stärker an Optik als an verbrei­teten Komfortstandards orientierte Konzept ist. Rahel Willhardt, Köln (erschienen in Licht+Raum )

Baudaten

Bauherren: Particulier, Utrecht/NL
Architekten: Zecc Architecten BV, Utrecht/NL
Projektteam: Bart Kellerhuis, ­Marnix van der Meer,
Steven Nobel, René de Korte

Projektdaten

Standort: Utrecht,
Bemuurde Weerd
Fläche: 475 m²
 
www.zecc.nl
www.woonkerkxl.com

Produkte

Sofas: Living Divani, www.livingdivani.it
Teppiche: Gunther Lambert, www.lambert-home.de
Filzsteine: Ronel Jordaan, www.roneljordaan.com
Goldmetallic farbene Ledertische: Cattelan, www.cattelanitalia.com
Küchenstühle: Arper, www.arper.com
Küche: Bulthaup, www.bulthaup.de

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