Auf das Wesentliche gezielt und das Meiste gewonnen

Wohngemeinschaftshäuser Schlachtensee, Berlin

Zuviele Umbauprojekte scheitern am Überschwang: Die Bauherrschaft möchte noch dieses und jenes, die Architekten begeistern sich für eine genial einfache Gestaltung von Zusätzlichem, einer Dachterrasse beispielsweise oder Erweiterungen des Bestehenden. Am Ende sind das meist Strategien, die aus einem Mißtrauen gegenüber der Qualität des Vorhandenen entspringen und nicht selten am Zeit- oder Finanzbuget scheitern. Warum also nicht einmal das Vorhandene als das Bestmögliche akzeptieren und damit überhaupt erst eine Fortschreibung erzielen?!

Laien, aber auch Fachleuten, sind die zwei Wohngemeinschaftshäuser im Studentendorf Schlachtensee Berlin eher die hässlichen Entlein in einem Ensemble, das zumindest die Fachleute als überdurchschnittlich bewerten und das als Studentendorf Schlachtensee seit 1991 unter Denkmalschutz steht. Was nicht verhinderte, dass die Wohnstätte der Freien Universität Berlin immer wieder einmal abgerissen werden sollte. Dem Widerstand der Bewohnerinnen ist der Erhalt schließlich zu verdanken, das „Dorf“ mit gewähltem Dorfrat und Bürgermeister wird seit 2002 sukzessive instandgesetzt (Brenne Architekten). Die beiden Wohngemeinschaftshäuser, Mitte der 1970er-Jahre von den Architekten Kraemer, Pfennig und Sieverts (KPS) entworfen, blieben zunächst außen vor. Die 5-geschossigen Hausgruppen wurden als Erweiterung des Studentendorfs realisiert und waren bis zur Sanierung ab 2017 in einem unrenovierten Originalzustand.

Die 351 Wohneinheiten stellen für die 2002 gegründete Studentengenossenschaft, Trägerin des Studentendorfs Schlachtensee, eine wesentliche finanzielle Grundlage der Gesamtanlage (Fehling, Gogel und Pfankuch) dar. Dass sie mit ihren graugrün-fleckigen Loch-Fassaden im hochkarätigen Ensemble der Moderne als optischer Störfaktor wahrgenommen wurden, hinderte nicht daran, dass Studierende hier gerne wohnen. Aber 50 Jahre intensiven Gebrauchs verlangten Moderni­sierung und in diesem Zuge sollten die beiden dem Gesamt­ensemble angemessen „aufgewertet“ werden. Den Zuschlag erhielten Muck Petzet Architekten im 2-stufigen eingeladenen Werkstatt-Verfahren, „in dem Konzepte abgefragt wurden“, so Muck Petzet.

Fachplanung mit wesentlichen Akzenten

Konkreter bedeuteten die Konzepte die enge Einbindung von Fachplanungsbüros, wie die Bauphysik (CRP Ingenieure), mit deren Expertise es möglich wurde, „mit unserem Konzept der selbstdefinierten ‚besonders erhaltenswerten Bausubstanz‘ die Förderung KfW-Denkmal zu bekommen“, so der Architekt. Womit „nur die venünftigen Maßnahmen“ (Fenstertausch, Dachdämmung, Kellerdeckendämmung, keine Fassadendämmung) durchzuführen waren. „Auch das Brandschutzkonzept“ (ebenfalls CRP), so der Architekt weiter, „war entscheidend, um durch den Bestandsschutz schmerzhafte Eingriffe unnötig zu machen.“ Tiefere Eingriffe – die TGA-Planung (Team für Technik) hatte sich mit der Totalerneuerung aller Leitungen durchgesetzt – waren am Ende in der Umsetzung aber pragmatisch. Das Projektmanagement (KVL) hatte, so Muck Petzet, „mit sehr viel Verständnis und Augenmaß das Projekt begleitet und eine unkonventionelle Umsetzung in einer Art Bauteamverfahren – mit zwei Teil-GUs – ermöglicht“, was ­entscheidend war für die extrem knappen Termin- und Budget­rahmen: So durften die Hausgruppen jeweils nur für eine ­Semestersaison ausfallen, die Häuser mussten innen in nur sechs Monaten komplett modernisiert werden.

Aber, wie so häufig, war die Begrenzung der Schlüssel zum Erfolg: Insbesondere die knappe Bearbeitungszeit führte das Büro, das ohnehin dem Ethos des Reduzierten (Eingriffs) folgt, über die Strategie des minimalen Eingriffs zur „Pinselsanierung“, wie damals kritisiert wurde. Dass diese Kritik Ausdruck von Unverständnis war, muss jedem klar sein, der eine solche Herausforderung (Geld- und Zeitrahmen) schon einmal durchgestanden und die Arbeit zum Erfolg geführt hat. Denn „Pinselsanierung“ muss – so Muck Petzet – „eben richtig und gut gemacht sein, um die Häuser auf ein zukunftsfähiges Niveau zu heben – ohne sie allzu viel physisch zu ändern“; was für das Projekt „überlebensnotwendig“ war (In: Architektur Aktuell, 6/2025, S. 50ff.)

Maßnahmen innen

Nach genauer Bestandsanalyse, die neben der Analyse der Tragwerks- wie Ausbaumaterialität auch die der Grundrisse einschloss, wurden schnell Erweiterungen, Aufstockungen oder eine Nutzung der Dachflächen als wünschenswert, aber eben nicht pratikabel ausgeschlossen. Eine Analyse der Struktur der organischen Zellenstrukturen, die konsequent am damaligen Ideal von Wohngemeinschaften orientiert war und die es auf jedem Geschoss erlaubte, Räume unterschiedlich zu teilen oder sie zusammenzulegen, ergab vor allem das: Die potenziell ­flexiblen Wände hatten in den 45 Jahren ihrer Existenz niemals ihren ursprünglichen Einbauort verlassen. Die gemeinsamen Sanitärbereiche und Gemeinschaftsküchen dienten und dienen nun auch in Zukunft Wohngemeinschaften von jeweils sechs Bewohnern. Eine Untersuchung aller Bauteile folgte: der Fassaden, Fenster, Oberflächen, Türen, Einbaumöbel, der Elektrik, Heizung und der Sanitäreinrichtungen. Jede Maßnahme wurde einer strengen Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen – wobei dem räumlich architektonischen Nutzen ein hoher Stellenwert eingeräumt wurde.

Trotz aller Erfahrung mit Bestandsumbauten waren die Architektinnen überrascht, wie gut sich die Wohnbauten über die 45 Jahre gehalten hatten. Muck Petzet Architekten sehen das als Beweis, dass die landläufigen Annahmen zu Lebenszyklen „schlicht falsch“ sind: Nicht nur, dass die Gebäude ihren Normlebenszyklus von 60 Jahren nach der Modernisierung hoffentlich weit überschreiten werden – auch die angebliche Lebensdauer von max. 25 Jahren für die Gebäudetechnik wurde, so das Büro, um 100 Prozent überschritten.

Die Gemeinschafts-Bäder konnten in ihrer Struktur nicht erhalten werden, sie wurden neu ausgelegt und heutigem Nutzerinnen-Standard angepasst (weniger Gemeinschaft vor den Spiegeln). Mehrkosten in diesem Baubereich wurden durch die Erschließung über die Bestandstüröffnungen abgefangen: Bestehende Elemente, wie die Innentüren, wurden – nach Untersuchung ihrer schallreduzierenden Werte – weiterverwendet.

Um das Wesenhafte des Bestands auch auf der Oberfläche, also dem Sichtbaren, zu erhalten, schaute man auf die ursprünglichen Farbfassungen und Farbkonzepte, die das Büro „in radikal aufgefrischter Form“ fortschrieb. Auch die Möblierung aus der Entstehungszeit wurde in Teilen erhalten, in Teilen nachgebaut und mit neuen, schlichten Einbau-Möbeln sinnvoll ergänzt.

Maßnahmen außen

Vielleicht hätte man die Fassade bloß säubern und wo nötig ausbessern können; am Ende wurde es dieser reduzierte Eingriff. Aber nicht ganz, denn die Ansprüche der Bauherrschaft waren ja, die Außenwirkung der Gebäude in ihrem zunehmend aufgefrischten Umfeld zu verbessern. So war zunächst eine Erneuerung des Fassadenbilds geplant. Doch eine tiefergehende bauphysikalische Berechnung zeigte schnell, dass bereits mit der Erneuerung der Fenster sowie einer Dämmung der Dachfläche und der Kellerdecke ein den KfW-Förderkriterien (Denkmal) entsprechender energetischer Zustand erreicht werden konnte. Das in den 1970er-Jahren aufgebrachte Dämmputzsystem hatte eine geringe, aber ausreichende Leistung. Der hochwertige Kratzputz wurde nur gereinigt und mit einem oliv-graugrünen Ton aufgefrischt. Die neuen Fenster (in Originalfarben) wurden in die Bestandsöffnungen eingepasst. Verändert wurden die Fensteröffnungen in den Gemeinschaftsräumen, die jetzt über bodentiefe Schiebefenster belichtet werden. Sie verändern den Gesamteindruck der Gebäudehülle zwar, wirken aber, als ob sie schon immer da gewesen wären. Der frische Farbton bildet zusammen mit den Bäumen und Sträuchern eine Einheit. Dem Büro war wichtig, „dass die Gebäude nach wie vor als ‚Hintergrund‘ für die weiße Moderne der Häuser von Fehling, Gogel und Pfankuch wirken.“

Fazit

Vielleicht liegt es am Alter des Modernisierungsprojekts in Berlin-Schlachtensee: Der damals nicht einfach zu führende Diskurs über das angemessen Notwendige, das weniger Verzicht als das gekonnte Herauskitzeln des Optimalen war (und ist), ist heute theoretisch Common Sense. Dass wir dieses Projekt ausführlich zeigen, ist ein Hinweis darauf, dass auch die Arbeit im Bestand immer noch und viel zu viel zuerst unter gestalterischen Aspekten angeschaut wird. Die „hässlichen Entlein“ Wohngemeinschaftshäuser als ernstzunehmende ­Arbeit von Kollegen zu akzeptieren, fällt vielen schwer. Der Respekt vor Planungs- und Entwurfsleistung wird häufig unter Patina und schlechter Pflege nicht mehr gesehen. Dass im Studentinnendorf Schlachtensee – kein Name, der das Studentenleben hier zutreffend charakterisiert! – engste Rahmenbedingungen die Planerinnen in der Suche nach der geringstmöglichen Eingriffstiefe unterstützen, war ein Glücksfall, könnte vergleichbaren und tausendfach anstehenden Modernisierungen aber die Referenz sein, die unsere Heftpartner dazu bewog, das Projekt gegen unsere Vorbehalte (zu alt!) dann doch in die Auswahl zu hieven (Dank dafür!). Die Infragestellung von Standards, der Erhalt von Bauteilen, die akribische Detail- und Grundrissarbeit, die Fortschreibung der vorhandenen Gestaltung und das Ringen um die langlebigste, aber bezahlbare Lösung sind die Garanten für diesen Erfolg.

Wie sagte Muck Petzet in dem oben schon genannten Interview: „Es geht hier letztlich sehr stark auch um eine immaterielle Wahrnehmungsverschiebung. Dazu reicht manchmal der Pinsel oder sogar nur eine gründliche Reinigung. [...] Sie haben eine komplett andere Wirkung und auch Nutzbarkeit, obwohl wir nur sehr punktuell wirklich eingegriffen haben. Es bleibt eine Herausforderung, so einen minimalinvasiven Ansatz nicht als Verzicht, sondern als ästhetische Möglichkeit zu verstehen.“ Dass aber auch die Werte – und damit die Ökonomie – passen, sollte nicht zuletzt genannt sein. Der Energie- und Ressourcenverbrauch hat sich deutlich reduziert, – Muck Petzet: „Ich halte nichts von Bedarfsberechnungen!“ – durch die Reduk­tion des Impacts von Herstellungsemissionen mittels Aktivierung und Weiternutzung bestehender Bauteile, durch die Reduk­tion des Verbrauchs insgesamt, aber auch des Müllaufkommens. Das alles sieht er „ganz im Sinne unseres ‚Gebäudeklimarechners‘ als eine Optimierung des Gesamtimpacts: Maximierung neuer Lebensqualität für die Bewohner, Minimierung der Betriebs- und Herstellungsemissionen. Wir können so eine ‚Pinselsanierung‘ als Methode unbedingt weiterempfehlen.“

P. S.: Zum gerade genannten Gebäude-Klimarechner (www.gebäude-klimarechner.online) gibt es eine kostenlose Beta-Version im Netz: Das Online-Tool ist das Ergebnis eines vom BBSR geförderten Forschungsprojekts, das Muck Petzet Architekten mit mehreren Kooperationspartnern verantworten. Es wird mit Daten zu Baujahr, Bruttogrundfläche, Geschosszahl und ­Energieträger gefüttert und man bekommt Angaben zu CO₂-Ausstoß, Ressourcenverbrauch und Müllaufkommen der jeweiligen Baumaßnahme. Als Referenzwerte für die Berechnung wurden verschiedene Objekte modelliert und gerechnet, jeweils maximal- und minimalinvasive Testplanungen durchgeführt und die spezifischen CO₂-Emissionen ermittelt. Dabei hat man natürlich auch auf die Wohngemeinschaftshäuser in Berlin-Schlachtensee zurückgegriffen. Benedikt Kraft/DBZ

Wie mit minimalem Budget eine maximale Verbesserung erreicht werden kann, zeigen die Wohngemeinschaftshäuser in Berlin-Schlachtensee. Planungen und Realisierung, der Umgang mit der unscheinbaren, abrissgefährdeten Architektur aus den 1970er-Jahren fokussieren auf das Wesentliche – womit das Projekt eine Referenz im Bauen mit dem Bestand ist.«
DBZ-Heftpartner Meier Unger Architekten, Leipzig

Projektdaten

Projekt: Wohngemeinschaftshäuser, Berlin-Schlachtensee

Ort: Studentendorf Schlachtensee, Häuser 24/25/26/27 (hier: 24/25), Wasgenstraße 75, Berlin

Bauherr: Studentendorf Schlachten-see eG

Architektur: Muck Petzet Architekten, München, www.muck-petzet.com

Team: Muck Petzet, Korbinian Luderböck, Julia Modlinska, Yifan Zhang, Maximilian Kimmel, Laura Dittmar, Sophie Kalwa, Ferdinand Knecht, Callum McGregor, Eugenio Thiella

LPH 6-8: apaprojects.architekten, Lutz Arnold, Ulrich Grabsch

Bauzeit: 2017–2018 / 2019–2020

Grundstücksgröße: 45 324 m²

Grundflächenzahl: 0,14

Geschossflächenzahl: 1,56

Nutzfläche NUF gesamt: 7 999 m²

Brutto-Grundfläche: 11 073 m²

Brutto-Rauminhalt: 30 897 m³

Baukosten (nach DIN 276):

Gesamt brutto: 16 Mio. € (KG 200-700 Brutto)

NUF: 2002 €

BRI: 518 €

Fachplanung

Tragwerksplanung: CRP Bau­ingenieure, Berlin, www.crp-bauingenieure.de

Licht-/TGA-Planung: Team für Technik, Berlin, www.tftgmbh.de

Innenarchitektur: Muck Petzet Architekten, München/Berlin

Landschaftsarchitektur: Uwe Neumann, Freier Garten- und Landschaftsarchitekt, Berlin

Brandschutz: CRP Bauingenieure, Berlin, www.crp-bauingenieure.de

Energie

Primärenergiebedarf: 31 kWh/m²a nach EnEV 2020

Endenergiebedarf: 107 kWh/m²a nach EnEV 2020

Herstellerfirmen

Möblierung: Ganter Interior

Beschläge: FSB

Fliesen: Rako

Leuchten: RZB

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