Furuset Hageby, Demenzdorf, Oslo/NO
Wie müssen wir vor dem Hintergrund des demografischen Wandels unserer Gesellschaft bauen? Mit zunehmendem Alter wächst auch die Anzahl der an Demenz Erkrankten. Wie Gebäude und Außenanlagen für diese Patientengruppe aussehen können, zeigt das Demenzdorf Furuset Hageby im Nordosten der norwegischen Hauptstadt Oslo. Entworfen wurde es gemeinsam von NORD Architects aus Kopenhagen/DK und 3RW arkitekter aus Bergen/NO.
Das norwegische Wort Hageby im Projekttitel bedeutet ins Deutsche übersetzt soviel wie Gartenstadt. Der Name ist Programm: So kommt der Eingebundenheit in die grüne Umgebung des Stadtteils Furuset eine tragende Rolle zu. Angrenzend an einen städtischen Park liegt das Gebäudeensemble auf einem abschüssigen Gelände. Gemeinsam bilden die Häuser ganz ohne sichtbare Zäune eine natürliche, schützende Grenze zu der Umgebung.
Allgemeines Konzept
„Furuset Hageby wurde speziell für Menschen mit Demenz konzipiert. Das Hauptziel bestand darin, ihre Lebensqualität und ihre Pflegeerfahrungen zu verbessern, indem wir ein Pflegeheim entwarfen, das sich eher wie ein Zuhause in einer dörflichen Gemeinschaft und weniger wie eine Einrichtung anfühlt“, sagt Johannes Molander Pedersen, zuständiger Architekt und Partner bei NORD Architects.
NORD und 3RW sind zwei interdisziplinäre Architekturbüros aus Kopenhagen und Bergen, die sich auf die Entwicklung neuer Arten von Pflegegemeinschaften, Wohn- und Pflegeeinrichtungen sowie auf die Planung altersgerechter und gesundheitsfördernder Wohngebiete spezialisiert haben. Die beiden Unternehmen verbindet eine lange Geschichte erfolgreicher Zusammenarbeit bei der Planung und dem Bau von Gesundheitseinrichtungen. So auch in diesem Fall.
Das Konzept des aktuellen Projekts geht auf den eindeutigen Wunsch der Auftraggeber von Oslo Bygg und Sykehjemsetaten zurück: Die beiden Architekturbüros sollten ein Ensemble bauen, dass das institutionelle Aussehen eines konventionellen Pflegeheims hinter sich lässt und durch den räumlichen und sozialen Charakter eines Dorfes ersetzt.
Gleichzeitig war es den Auftraggebern wichtig, eine Umgebung zu schaffen, in der sich die Bewohnerinnen und Bewohner trotz ihrer fortschreitenden kognitiven Einschränkungen frei und sicher bewegen können, ihre täglichen Routinen aufrechterhalten können und ein Zugehörigkeitsgefühl erfahren. Dies war Grundlage für den gesamten Entwurf – innen wie außen.
Die Innenarchitektur
Die verschiedenen Gebäude von Furuset Hageby sind um eine Art „Dorfstraße“ herum gruppiert. Ins „Dorf“ integriert ist die Infrastruktur des bisher gewohnten Umfelds der Bewohnerinnen und Bewohner, darunter ein Kulturhaus, ein Friseursalon, eine kleine Arztpraxis, ein Restaurant, ein Lebensmittelladen, eine Bibliothek, ein Aktivitätraum und ein Fitnessstudio – alles Räume, in denen sich sowohl Bewohnerinnen als auch Besucher treffen können. Bei der Gestaltung des Geländes war auch wichtig: Für das Personal gibt es stets die Möglichkeit, Abkürzungen durch die Gebäude zu nehmen.
Die insgesamt 112 Plätze verteilen sich auf 14 Wohneinheiten mit je 8 Bewohnerinnen und Bewohnern. 32 Plätze davon sind für jüngere Menschen mit Demenz reserviert. Die Räume sind bewusst so gestaltet, dass sie wohnlich wirken: Kleinere Raumgruppen öffnen sich zu gemeinsamen Wohn- und Gemeinschaftsbereichen, darunter auch eine Küche. Alle Bewohner haben ein eigenes Zimmer (22,4 m2) mit Bad (5,3 m2). Den Architekten war es wichtig, lesbare Übergänge zwischen privatem und gemeinschaftlichem Raum zu schaffen.
Außenanlage und ihre Funktion
Ein geschwungener Dachgarten mit sogenannten „ewigen Wegen“, die im Kreis führen, ermöglicht auch Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten einen sicheren Aufenthalt im Freien. Dies ist besonders wichtig für Patientinnen und Patienten, deren Demenz mit einem großen Bewegungsdrang einhergeht. Kräutergärten, ein Gewächshaus und Sitzmöglichkeiten können hier von allen genutzt werden.
Der Weg führt die Nutzerinnen und Nutzer immer sicher zu ihrem Ausgangspunkt zurück und ermöglicht es den Bewohnern, allein in ihrem eigenen Tempo zu gehen, ohne dass Personal sie begleiten muss. Diese Freiheit ist sowohl physisch als auch psychologisch wichtig, so die Architekten.
Auch jenseits des Dachs gibt es drei ineinandergreifende Innenhöfe, die die umgebende Landschaft ins Gebäudeensemble trägt. Jede Wohngruppe hat dabei ihren eigenen direkten Zugang zu einem der begrünten Höfe.
Auswahl der Materialien
Die Baumaterialien wurden wegen ihrer haptischen Eigenschaften und der möglichst geringen Umweltbelastung ausgewählt. Die Materialpalette greift dabei bewusst auf natürliche, robuste Oberflächen aus Holz, Ziegel und Stein zurück, die der Generation der Bewohner seit Kindheitstagen vertraut sein dürfte. Der Empfangsbereich wurde mit Lehm verputzt (150 m2), was für norwegische Verhältnisse noch ungewöhnlich ist. Ferner wurde beim Bau CO₂-reduzierter Beton sowie recycelter Stahl (mindestens 40 Prozent) verwendet. Laut NORD und 3RW hat die Materialwahl mit ihrem niedrigen CO₂-Fußabdruck zu den FutureBuilt- und BREEAM-Excellent-Zertifizierungen entscheidend beigetragen.
Die Gebäude erfüllen Passivhausstandard sowie die Anforderungen für das norwegische Förderprogramm FutureBuilt nZEB. FutureBuilt ist ein norwegisches Programm, das zum Ziel hat, soziale Nachhaltigkeit mit dem Umweltgedanken und architektonischer Qualität zu kombinieren.
Zur Bedeutung der Farben
Eine besondere Rolle spielt auch die Farbauswahl. Die Farben der Häuser außen wie innen sind darauf ausgelegt, intuitiv die Orientierung zu unterstützen und kognitiven Stress zu reduzieren. Warme, gedämpfte Töne dominieren in den Wohnbereichen, während Farb- und Oberflächentexturwechsel das Verlassen des einen Raums und das Betreten des anderen Raums visuell wie haptisch verdeutlichen. Damit soll den älteren Menschen mit Beeinträchtigung die Wegefindung erleichtert werden, ohne auf Beschilderung zurückgreifen zu müssen. Hohe Kontraste bei der Farbauswahl kommen selektiv an Schwellen und bei funktionalen Oberflächen zum Einsatz, um Bewohnende mit verminderter Sehschärfe zu unterstützen.
Die Dorfstraße mit ihren lesbaren Orientierungspunkten und farbcodierten Gebäuden – das Gemeinschaftshaus ist beispielsweise rot gestrichen, das Verwaltungsgebäude grün –ermöglicht es den Bewohnern, sich zu orientieren und sich selbstständig zu bewegen.
„Die Bewahrung dieser Fähigkeit zur selbstgesteuerten Bewegung ist unserer Ansicht nach eine der würdevollsten Eigenschaften, die eine Pflegeumgebung bieten kann“, sagt Sixten Rahlff, Projektleiter und Partner bei 3RW.
Beleuchtung mit zirkadianem Rhythmus
Tageslicht spielt sowohl aus therapeutischen als auch aus architektonischen Gründen eine wichtige Rolle. Tiefe Fensteröffnungen, die großflächige Verglasung der Innenhöfe und zahlreiche Oberlichter sorgen dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner auch im Gebäudeinnern den natürlichen Tagesablauf mitbekommen.
Die künstliche Beleuchtung wird so eingestellt, dass sie die zirkadianen Rhythmen des Tageslichts unterstützt, mit warmen, diffusen Quellen in den Wohnbereichen und Arbeitsbeleuchtung in den pflegerischen Bereichen. Vermieden werden sollen plötzlicher Schlagschatten und Geblendetsein, da beides Menschen mit Demenz desorientieren kann.
„Unser Hauptziel war es, ein Pflegeheim zu entwerfen, das sich mehr wie ein Zuhause in einer Dorfgemeinschaft und weniger wie eine Institution anfühlt“, fasst Johannes Molander Pedersen zusammen. Die Herausforderung des Entwurfs habe darin bestanden, Material, Oberflächen, Tageslicht und Akustik so auszuwählen beziehungsweise zu gestalten, dass sie ein demenzfreundliche Atmosphäre erzeugen und gleichzeitig ästhetischen wie pflegerischen Ansprüchen genügen.
Resultat: Weniger Medikamente
Angesichts einer immer größer werdenden Gruppe älterer Menschen, die von Demenz betroffen sind, ist es vielleicht notwendig, auch hierzulande die Architektur unserer Pflegeeinrichtungen zu überdenken. Die Ergebnisse im Furuset Hageby sprechen jedenfalls laut Johannes Pedersen und Sixten Rahlff für sich: Bereits im ersten Betriebsjahr des Demenzdorfes berichteten die Mitarbeitenden von reduziertem Medikamentenkonsum bei mehreren Patienten, besserem Schlaf und weniger Unruhe. Das Personal beschreibe die Bewohnerinnen und Bewohner als häufig bis zuletzt aktiv und mit Würde am Leben teilnehmend, berichten die beiden Architekten und fügen hinzu: „Für uns ist das der deutlichste Beweis dafür, dass räumliche Atmosphäre und emotionales Wohlbefinden nicht zweitrangig sind gegenüber der Pflege. Sie sind vielmehr die Pflege.“
Heide Teschner/DBZ
Projektdaten
Objekt: Furuset Hageby,
Demenz Dorf
Ort: Oslo/NO
Typologie: Neubau, Gesundheitsgebäude
Auftraggeber: Oslo Bygg,
Sykehjemsetaten
Bauzeit: 2019-2024
Architektur/Landschaftsarchitektur:
NORD Architects A/S: Johannes Molander Pedersen, Projektleiter und Gründungspartner,
www.nordarchitects.dk
3RW arkitekter: Sixten Rahlff, Projektleiter und Partner, www.3rw.no
Fläche: 11 500 m2
Grundfläche: 7 500 m2
Baukosten: 482 Mio. NOK
(ca. 44,7 Mio. Euro)
Fachplanung
Landschaftsarchitektur (Bauphase): BOGL Norway, www.bogl.no
Brandschutztechnik: Rambøll Norway, www.ramboll.com
Tragwerksplanung (Glaskonstruktion): H-Fassaden Glasteam,
www.hfasader.no
Fundament (Stützmauern):
Multiconsult Norway,
www.multiconsult.no
Gebäudeenergie: Asplan Viak,
www.asplanviak.no
Energie
Zertifizierung: Breeam Excellent, FutureBuilt Plusshus, nZEB (zero energy)
Hersteller
Fenster: Velux Commercial Bramo
Sonnenschutz: Lady Sun Shading
Garagentore: Hörmann
Aufzug: Thyssenkrupp
Zugangssysteme: Noracon
