Unter Umständen ein Monument
Der Gesprächsband „Architecture in the age of Neoliberalism“ versammelt Gespräche mit Architektinnen und Architekten der europäischen Szene aus den Jahren 2021-2025 und geht dabei zurück auf die Lehrtätigkeit von André Kempe und Oliver Thill, die zusammen mit Amelie
Bimberg als Editierende auftreten. Der Neoliberalismus, dessen Hang zur fortlaufenden Privatisierung des Öffentlichen und zur marktkonformen Simplifizierung unserer gebauten Umwelt wird dabei als maßgeblicher Einfluss auf die heutige Architekturproduktion angenommen und als verbindender Umstand gesehen, mit dem sich alle Beteiligten zurechtfinden müssen. Die Architektur selbst und ihre Produktion wird wiederum anhand von drei ihrer klassischen Begriffe – Form, Ornament und Monument – thematisiert. Diese gliedern das Buch in drei Kapitel mit jeweils vier Gesprächen.
Zu Wort kommen dabei sowohl jüngere als auch ältere Protagonistinnen und Protagonisten, wobei sich nicht ausschließlich an den drei Überthemen abgearbeitet wird und bspw. das Monument ein immer wiederkehrendes Thema ist.
Der theoretische Unterbau, den man beim Titel hätte erwarten können, beschränkt sich auf eine kurze Einleitung und jeweils eine Einführung in die drei Überthemen von Amelie Bimberg, die die Begriffe in einen architekturgeschichtlichen Kontext stellt. Diese lockere Handhabe eröffnet ein breites Gesprächsfeld, in dem es immer wieder um spezifische Projekte geht, aber auch bspw. um Fragen zu der Entstehung der eigenen Praxis und den persönlichen Entwurfsmethoden.
Von den diversen Stimmen, die dabei zu Wort kommen, ist u. a. jene von Pier Paolo Tamburelli vom Mailänder Büro baukuh hervorzuheben, der einen pragmatischen und präzisen Blick auf die Verquickung von Architektur(-produktion) und Politik wirft, aber auch die darauffolgende von Ninke Happel vom Rotterdamer Büro Happel Cornelisse Verhoeven, die ein starkes Statement für die Rolle der Architektin liefert.
Abgeschlossen wird das Buch von einem Gespräch mit Rem Koolhaas, der den Blick über den europäischen Architekturkontext weitet, dabei als überzeugter Europäer auftritt, allerdings mit der Unilateralität der Europäischen Union hadert. Auf die Umstände, in denen die Architekturproduktion heute stattfindet, so kritisch sie auch gesehen werden, scheinen sich trotzdem alle Beteiligten einigen zu können und auch auf die
Begrifflichkeiten, anhand derer die Architektur und ihre Produktion diskutiert werden kann. Gerade deshalb ist der vorliegende Gesprächsband als ein Beitrag zur europäischen Architektur-Debatte wichtig, weil er eben ihre Vielfalt aufnimmt und sich auf die Suche macht, den gemeinsamen Nenner zu finden. H. R.
