Umbau: Wohnen im Eigentlichen
Für uns ist der bewusste Umgang mit vorhandener Bausubstanz eines der zentralen Themen unserer Zeit: Nicht alle Wohnungsfragen lassen sich mit einem Neubau beantworten. Häufig liegt die Antwort bereits vor uns – in leerstehenden Bürohäusern, ungenutzten Obergeschossen, verlassenen Fabrikhallen oder schlicht in Wohnhäusern, deren Grundrisse nicht mehr zu den heutigen Ansprüchen passen.
Bei der Projektauswahl für dieses Heft haben wir gemerkt, wie schwierig es ist, überzeugende Umbau- und Umnutzungsprojekte im Wohnungsbau zu finden. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex: ein eher konservativer Wohnungsmarkt, technische und normative Anforderungen, denen viele Bestandsgebäude nicht genügen, ein Kapitalmarkt, der eine Umnutzung für Investoren unattraktiv erscheinen lässt. Sie im Einzelnen zu klären, ist nicht der Anspruch dieses Hefts – stattdessen wollen wir anhand der gezeigten Projekte die Potenziale sichtbar machen, die im Umbau und in der Umnutzung von Wohnraum liegen.
Unser Interesse gilt dabei besonders jenem Bestand, dem auf den ersten Blick wenig architektonische Qualität zugeschrieben wird – dem schroffen Bürohaus der Siebzigerjahre ebenso wie dem unauffälligen Wohnhaus ohne besonderen Anspruch. Dabei ist für uns nicht nur die Frage der vermeintlichen Qualität entscheidend, sondern auch die des Maßstabs: Kleinere, alltägliche Gebäude sind uns ebenso wichtig wie die großen, sichtbaren Bauaufgaben. Insbesondere an unscheinbarer und kleinteiliger Substanz stellen sich entwerferische Fragen und die Freiheit für innovative und experimentelle Lösungen ist bei diesen Aufgaben oft größer.
Denn gerade aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen können räumliche Qualitäten entstehen, die sich den engen Wohnrastern gängiger Förderrichtlinien entziehen – Qualitäten, die sich nicht aus Normvorgaben, sondern aus der konkreten räumlichen Situation eines Gebäudes ergeben.
Damit verändert sich auch die Aufgabe unserer Profession: Unsere Art der Ideenfindung ist beim Umbau weniger ein Erfinden als ein Reparieren. Das verlangt eine gewisse Bescheidenheit – und den Versuch, zunächst zu verstehen, welche Vorschläge, Gedanken und Überzeugungen die Entwerferin oder der Entwerfer des Bestands ursprünglich hatte, bevor wir selbst weiterdenken. Manchmal lässt sich ein solcher architektonischer Charakter im Bestand kaum finden. Dann besteht die Aufgabe darin, ihn herauszuarbeiten – oder, wo es ihn nie gab, im Umbau selbst erst zu schaffen.
Diese Auseinandersetzung betrifft nicht nur Konstruktion und Grundriss, sondern auch unsere Lebensformen, die sich in den vergangenen 100 Jahren erheblich verändert haben – unser Bezug zum Außenraum, neue Formen des Zusammenlebens, die Frage, wie wir im Alter wohnen wollen. Wie lässt sich dieser gesellschaftliche Wandel mitdenken, wenn wir bestehende Wohnhäuser umbauen?
Der Umbau ist damit für uns kein Kompromiss, sondern eine eigenständige Form des Entwerfens: vielleicht die eigentliche Aufgabe des Wohnungsbaus in den kommenden Jahren.
