Liebe Leserinnen und Leser,
wir könnten eigentlich jede Ausgabe der DBZ mit dem Thema „Wohnen“ bespielen. In der Vorauswahl zu diesem Heft haben wir immer eine derart große Anzahl von aktuellen Projekten, dass wir uns auch dieses Mal wieder gewundert haben, wie es uns – zusammen mit den Heftpartnern – gelungen war, die Auswahl auf nur vier zu begrenzen.
In dem aktuellen Heft mit Wohnbauten allerdings war in der Diskussion mit Lena Unger und Jan Meier von Meier Unger Architekten, Leipzig, sehr schnell klar, dass es nur Projekte sein konnten, die aus einem Umbau-, Weiterbau-, Sanierungs-, Ertüchtigungsprozess entstanden sind. Und davon gab es dann doch so viele sehr gute nicht.
Immer noch reichen uns die Kollegen vor allem ihre Neubauten ein, gelungene, den Nutzerinnenansprüchen angemessene Architekturen, die mit flexiblen Grundrissen, innovativer Konstruktion, mit bewusst ausgewählten Materialien und energetisch zeitgemäßen Standards überzeugen … könnten. Wäre da nicht die riesige Aufgabe der Bestandsaktualisierung.
Selbst die Bundespolitik hat mittlerweile ihr Ziel der 400 000 Neubauwohnungen mit dem Blick auf Bestandssanierung möglicher werden lassen, obwohl sie immer noch dazu neigt, im Neubau eine größere Wertschöpfung und baukonjunkturelle Dynamik zu vermuten. Längst vielfach widerlegt ist dieses Vorurteil; unsere vier ausgewählten Wohnbauten in Berlin, Marxdorf, Radebeul und Bern/CH zeigen das. Und wenn wir hier den Umbau einer Villa zeigen oder ein Projekt, das schon vor Jahren durch die Medien ging, muss das als Beleg dafür angeschaut werden, dass wir noch lange nicht alles zu Ende diskutiert und ausprobiert haben! Dass landläufige Annahmen zu Lebenszyklen „schlicht falsch“ seien, so Muck Petzet (S. 30ff.), ist nur die eine Seite des grundsätzlichen Schauens auf die Arbeit als Architektin. Eine andere ist der immer noch mangelnde Respekt vor der Arbeit der Bestandsentwerfer, die mitunter auch auf den zweiten Blick unsere Ansprüche an Qualität nicht erfüllen kann. Aber: „Manchmal lässt sich ein solcher architektonischer Charakter im Bestand kaum finden. Dann besteht die Aufgabe darin, ihn herauszuarbeiten – oder, wo es ihn nie gab, im Umbau selbst erst zu schaffen“, so Meier Unger in ihrem Standpunkt zum Thema Wohnen (22f.).
Vielleicht sind wir alle immer auch zu schnell, lassen uns nicht die Zeit, die nötig ist, ein gutes Wohngefühl zu schaffen in einem wirtschaftlichen Rahmen, der eben mit mehr Zeit herzustellen wäre, so widersprüchlich das auch klingen mag. Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie sich in die von uns für diese Ausgabe (also für Sie) ausgewählten Projekte hinein!
Seien Sie herzlich gegrüßt, bleiben Sie beweglich,
Ihr
Benedikt Kraft
