The Q, Nürnberg
Das ehemalige Quelle Versandzentrum in Nürnberg sprengt die Dimensionen: Auf gut 275 000 Quadratmetern Nutzfläche lagerte die Familie Schickedanz hier jahrzehntelang alles, was das Konsumenten-Herz begehrte. Doch 2009 war damit Schluss. Über Jahre bemühten sich ksg architekten, das Areal aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken – nun können sie einen ersten Teilerfolg vermelden.
Die Dimensionen sind kaum greifbar: Der Platz reicht aus, um sämtliche, nunmehr 48 Teilnehmer der Fußball WM-Endrunde 2026 gleichzeitig gegeneinander antreten zu lassen. Und es blieben sogar noch 12 Felder übrig, falls die FIFA in ihrem Ratschluss weitere 24 Teams nachnominiert. Mit anderen Worten: An verwertbarer Fläche mangelt es im ehemaligen Quelle Versandzentrum in Nürnberg nicht. Eher an Ideen, wie man das Überangebot sinnvoll nutzt, nachdem selbst die anspruchsvollsten Bedarfe bereits gedeckt sind.
Indes: Fußball spielen will hier keiner. Auch vor 17 Jahren nicht, als mit Quelle einer der Protagonisten des Wirtschaftswunders in die Insolvenz ging und das, ab 1954 nach Plänen von Ernst Neufert in fünf Bauabschnitten entwickelte, knapp 11 ha große Areal seinem Schicksal überließ. Das nahm der Komplex jedoch mit Würde an: Die umlaufenden, schlank gefassten Fensterbänder, der helle Klinker und die Klarheit in der Gestalt, typisch für den Funktionalismus, stemmen sich gegen das Klischee vom düsteren lost place, der zum Schandfleck im Stadtbild verkommt. Vor allem Johannes Kister, Hauptgesellschafter von ksg architekten (Köln/Leipzig/Berlin), erkennt früh die Bedeutung des inzwischen denkmalgeschützten Areals für das Nürnberger Selbstverständnis. Bereits 2012 nimmt das Büro an einem Wettbewerb zur Nachnutzung teil. Als das Gelände nach einigem Hin- und Her im Portfolio der Gerchgroup landet, übernimmt ksg 2018 schließlich die Erstellung des Masterplans: The Q soll eine Mischung aus Wohnen, Büros, Verwaltung und Einzelhandel werden. ksg ist seitdem in den Bauteilen 1 und 4 aktiv, nach der Insolvenz der Gerchgroup im Jahr 2023 auch für den neuen Eigentümer der beiden Bauteile, der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) mit dem Projektentwickler Accumulata.
Bauteile 1 und 4 vor der Vollendung
Alle Eigentümerwechsel, Konzepte, Planungen, Neuplanungen und Änderungen aufzuzählen, ist ein müßiges Unterfangen. Vielleicht fängt man am besten mit dem Status Quo an. Von den fünf Bauteilen (s. Schema) sind die Bauteile 1, 4 (Verwaltung/Einzelhandel, ksg) und 5 (Wohnen, querwärts architekten) in Bearbeitung. Während Bauteil 1 und 4 größtenteils fertig sind, soll Bauteil 5 im Jahr 2029 folgen. Für die Bauteile 2 und 3 sind ebenfalls Wohnungen vorgesehen, hier ist die Planung jedoch ins Stocken geraten. Konzentrieren wir uns deshalb auf die Teilabschnitte, die bereits eine Transformation erfahren haben: Bauteil 1 und 4. Hauptnutzer hier ist die Stadt Nürnberg, die im Laufe des Jahres die vier Obergeschosse entlang der Fürther Straße und die rund 50 bis 80 m tiefen Baukörper dahinter beziehen wird. Das EG ist Einrichtungen der Nahversorgung vorbehalten, die bereits im vergangenen Jahr den Betrieb aufgenommen haben.
„Für eine Typologieänderung sind skulpturale Eingriffe in den Bestand meist unerlässlich. Erst sie bieten den Freiraum, den Bestand neu zu interpretieren“, sagt Johannes Kister. Im Fall des Quelle-Areals bedeutete dies vor allem, Tageslicht in die Tiefe des Volumens zu bringen: Fünf Höfe schneiden die Architekten aus dem Teil des Bauteils 1, der für die Verwaltungsbüros vorgesehen ist. Bei ca. 30 x 10 m über fünf Geschosse gehen so zwar rund 7 500 m² Nutzfläche verloren. Das ist etwas mehr als ein Fußballfeld – eine Nutzung als Büroraum wird so aber überhaupt erst möglich. Für die Keramikverkleidung des Technikrucksacks hat sich indes vor allem Johannes Kister stark gemacht: Was bringt einem der Denkmalschutz, wenn die Zubauten nicht im Geiste des Bestands entwickelt werden?
Da für die Höfe Teile der Hauptträger gekappt werden müssen, ertüchtigen die Planer das Tragwerk mit sogenannten K-Stützen im Bestand. Der Aufwand bleibt insgesamt jedoch überschaubar – sieht man einmal von der schieren Masse des Abrisses und Zubaus ab. „Die Eingriffe an der Fassade haben wir so gering wie möglich gehalten“, erklärt Ruth Hofmann-Richert, leitende Projektarchitektin und Assoziierte Partnerin bei ksg.
Obgleich in Bauabschnitten entwickelt, scheint der Bestand nahezu wie aus einem Guss. Das galt es zu bewahren. „Leider konnten die ursprünglichen Fensterrahmen die moderne 3-fach-Verglasung nicht aufnehmen, weshalb wir sie durch hochwertige, neue Stahlrahmen ersetzen mussten, die fast so schlank sind wie die Originale.“ Ansonsten mussten punktuell ein paar Ziegel ersetzt und die Fassade insgesamt bereinigt werden. „Zu den Höfen hin haben wir eine Pfosten-Riegel-Fassade mit großzügigen Fenstern ergänzt, um die Lichtausbeute zu erhöhen.“ Die großzügigen Volumina hätten bei der Aufteilung der Großraum- und Einzelbüros, Besprecher, Teeküchen und Funktionsräume viel Freiraum für die Planerinnen gelassen. Nur bei den Aufbauhöhen der Böden mussten Kompromisse geschlossen werden: Vom Schreibtisch aus werden die Beschäftigten hier künftig keinen Ausblick auf die Straße haben, dafür sind die Brüstungen einfach zu hoch. Das straßenseitig auf Schulterhöhe beginnende Fensterband inszenierte ursprünglich das umlaufende, von der Decke hängende Paketförderband. Lediglich 17 cm Bodenaufbau für die Verkabelung der Arbeitsplätze waren daher möglich – sonst wäre man nach oben in Konflikt mit dem Raum für die freiverlegte TGA gekommen.
Die Stadt Nürnberg sorgt als Ankermieter für Stabilität
Zur Verbesserung der Akustik haben die Beton-Kassettendecken einen schallschluckenden Spritzschaumauftrag erhalten. Trotz moderner Möblierung, Glastrennwänden und edlem Holz ist die industrielle Herkunft des Gebäudes atmosphärisch überall spürbar. Rund 1 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Nürnberg sollen hier künftig Platz finden. Dazu gehören Abteilungen des Amts für Kinder, Jugendliche und Familien, der Ämter für Existenzsicherung und soziale Integration, für Organisation und Informationsverarbeitung, für Informationstechnologie und für Migration und Integration – die meisten davon ohne Publikumsverkehr.
Der soll sich vor allem im ehemaligen, 1 000 m² großen Kantinen-Saal bündeln, der sich im 3. OG am Übergang zu Bauteil 4 befindet und mit einem Doppelaufzug aus dem Quelleforum im EG erreichbar ist. Zentrale Auflage des Denkmalschutzes war hier, dass die filigrane Konstruktion mit den gewölbten Querträgern erhalten bleibt oder gleichwertig ersetzt wird. ksg entschied sich für Ersteres, auch wenn das bedeutete, die Hohlraumsanierung von Schadstoffen im engen Kriechboden zu organisieren, der nur mit einer eigens installierten Montagekonstruktion erschlossen werden konnte. „Die Stuckateure waren sehr begeistert von der aufwendig gearbeiteten, historischen Rabitz-Decke. Da das Wissen um deren Ausführung heute nahezu verloren ist, haben wir uns gemeinsam entschieden, sie zu behalten“, erklärt Ruth Hofmann-Richert. Wo bei einer Transformation der Trennschneider und wo das Skalpell zum Einsatz kommt, gehört beim Umgang mit dem Bestand zu den wichtigsten Entscheidungen.
Eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die konzeptionelle Ausgewogenheit: Den Neufert-Saal für den Publikumsverkehr zu nutzen, gehört zur Gesamtstrategie, den Gebäudekomplex insgesamt für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen und so mit dem umliegenden Stadtteil zu verzahnen. „Bei zahlreichen Anlässen, wie zum Beispiel der Ausstellung vor Kurzem, haben wir erlebt, wie wichtig das Quelle-Areal für die persönliche Geschichte der Nürnbergerinnen und Nürnberger ist“, erklärt Ruth Hofmann-Richert. „Manche haben früher selbst hier gearbeitet oder ein Familienmitglied. Viele begleiten den Aufbau, den Leerstand und nun die Transformation bereits seit Jahrzehnten.“ Die Stadt Nürnberg sieht das ähnlich und hat zur Auflage gemacht, dass das Quartier öffentlich durchwegt wird und auch Flächen für die gemeinschaftliche Nutzung vorgehalten werden.
Ein zentraler Baustein dieses Konzepts wird derzeit unterhalb des Saals fertiggestellt: Vom EG über das 1. und 2. Obergeschoss erstreckt sich das sogenannte Forum, das einen Zugang von der Fürther Straße in den ehemaligen Anlieferungshof ermöglicht und darüber hinaus in das rückwärtige Wohngebiet. Noch ist das Feintuning für das Forum nicht abgeschlossen. Rechter und linker Hand befinden sich in Raumnischen sogenannte Gastrozellen, die Fläche könnte für Markttage, Festivals, Flohmärkte und viele andere Ideen Verwendung finden. Auch eine Art Rampe mit Sitzplätzen ist in der Diskussion. Vor allem aber macht das Forum die ursprüngliche Konstruktion und die Transformation für das Laufpublikum erlebbar: Die Böden im 1. und 2. OG wurden entfernt, sodass sich eine Art Kathedralenraum der Industriemoderne mit rauen Betonoberflächen und zur Schau gestellter Statik ergibt. Spiegelblenden rechts und links der Querträger werfen den Betrachter auf sich selbst zurück.
Zugang über die Verteilerebene
Das war Bauteil 1. Noch Luft für die Nachspielzeit? Kommen wir zu Bauteil 4: Direkt im Anschluss zum Forum liegen Teile der Fassade von Bauteil 4 ebenfalls zur Fürther Straße, es erstreckt sich aber auch über Eck, bis es rückwärtig auf Bauteil 5 stößt. In der Erdgeschosszone teilen sich ein Supermarkt und eine Bank den Publikumsverkehr der Hautstraße. Ein wenig versteckt in der Nebenstraße findet sich dann auch der Zugang zu den öffentlichen Ämtern der Stadt Nürnberg. Bürgerinnen und Bürger treffen hier auf einen Empfang sowie Aufzüge, Treppen und eine Rolltreppe, die sie auf die Verteilerebene zu den Ämtern transportieren. Bauteil 4 hat drei weitere Lichthöfe erhalten. Rund 47 000 m² Nutzfläche sind auf diese Weise transformiert, in Bauteil 5 entstehen derzeit rund 1 000 Wohneinheiten auf 47 500 m². Ziel bleibt es, insgesamt 175 000 m² von den ursprünglichen 275 000 m² zu erhalten.
Dass der Weg bis hierher lang und steinig war, weiß kaum jemand besser als Klaus Everest, Bauleiter von Diete + Siepmann Ingenieure und von Beginn an dabei: „Der Bestand hält immer Überraschungen bereit. Als wir zum Beispiel am Ort der alten Firmentankstelle den Grund für den U-Bahn Zugang bereitet haben, haben wir U-Boot-große Tanks gefunden, die bereits längst entfernt sein sollten.“ Jeeps, Helme, Munition – auch Weltkriegshinterlassenschaften fanden sich auf dem Areal. „Das größte Risiko bei einer Transformation ist aber, ohne ein vernünftiges Aufmaß einfach drauf loszubauen.“ Ruth Hofmann-Richert pflichtet bei: „Die Kosten scheuen viele Investoren zu Beginn, dabei sind sie eigentlich marginal, wenn man Baustellenstillstand aufgrund spät entdeckter Mängel oder Mehrkosten durch Fehlplanungen gegenrechnet.“ Beim Bauteil 2 und 3 könnte man theoretisch noch aus den Fehlern lernen. Aber ob die weiteren 1 000 bis 1 500 Wohneinheiten aktuell überhaupt noch vermarktet werden können? Klaus Everest ist skeptisch: „Aus meiner Sicht hat eine öffentliche Nutzung, zum Beispiel für eine Hochschule, derzeit die größten Aussichten auf Erfolg. Das Projekt muss zu einem Ende kommen, mit einer Dauerbaustelle vor der Haustür ist auch der Wohnraum, der jetzt in Bauteil 5 entsteht, schwer vermarktbar.“ Planerinnen sind nur ein Baustein für eine gelungene Transformation. Politik, Gesellschaft, Entwickler und Investoren müssen an einem Strang ziehen. Immerhin: Mit dem angrenzenden, neuen Quellepark hat die Stadt Nürnberg ihren Teil zur Attraktivität des Quartiers bereits beigetragen – er ist etwas größer als ein Fußballfeld. Jan Ahrenberg/DBZ
Projektdaten
Objekt: Transformation des ehemaligen Quelle-Versandareals, Bauteil 1+4
Standort: Nürnberg
Typologie: Sozialrathaus
Bauherr: Q Nürnberg Real Estate GmbH & Co. KG
Nutzer: Stadt Nürnberg, Einzelhandel
Architektur: kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH, Köln/Leipzig/Berlin, www.ksg-architekten.de
Team: Ruth Hofmann-Richert (Projektleitung), Frederike Arns, Martin Lohmann, Jakob Kirchfeld Krämer
Bauleitung: Diete + Siepmann Ingenieurgesellschaft mbH,
www.diete-siepmann.de
Generalunternehmung: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG,
www.wf-ib.de, ZECH Bau SE, www.zechbau.de
Bauzeit: 11.21-Ende 26
Grundstücksgröße: 24 600 m²
Nutzfläche gesamt: 47 263 m²
Büro-/ Gewerbefläche: 38 577 m²
Technikfläche: 8 170 m²
Verkehrsfläche: 25 100 m²
Brutto-Grundfläche: 83 571 m²
Brutto-Rauminhalt: 380 394 m³
Fachplanung
Tragwerksplanung: Werner Sobek AG, www.wernersobek.com
TGA-Planung: LP1-3: HTW Hetzel, Tor-Westen + Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG, www.htw-ingenieure.de, LP3-8: SALVIA Gebäudetechnik GmbH, www.salviagebaeudetechnik.de
Fassadentechnik: Werner Sobek AG
Innenarchitektur: congena GmbH, www.congena.de
Landschaftsarchitektur: LAND Germany GmbH, www.landsrl.com
Akustik: Peutz Consult GmbH, www.peutz.de
Energieplanung: Peutz Consult GmbH
Energieberatung: Peutz Consult GmbH
Brandschutz: Corall Ingenieure GmbH, www.ci-experts.de
Küchenplanung: HINSCHE Gastrowelt GmbH,
www.hinsche-gastrowelt.de
Lichtplanung: Kardorff Ingenieure Lichtplanung GmbH,
www.kardorff.de
Energie
Primärenergiebedarf: 66,6 kWh/m²a nach GEG 2020
Endenergiebedarf: 95,3 kWh/m²a nach GEG 2020
Jahresheizwärmebedarf: 48,3 kWh/m²a nach GEG 2020
Energiekonzept:
- nachträgliche Innendämmung der Außenwände mit kapillaraktiver Innendämmung (Ausnahme Treppenhäuser)
- nachträgliche Wärmedämmung der Dachflächen (Warmdach)
- nachträgliche Wärmedämmung der Kellerdecken (Abhangdeckensystem mit MW-Auflage)
- Austausch der Fenster (2-fach-Wärme- bzw. Sonnenschutzverglasung in denkmalgerechten Rahmen)
- Neueinbau von Vorhangfassaden in den neuen Innenhöfen
(2-fach-Wärme- bzw. Sonnenschutzverglasung)
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand: U = 0,50 W/(m²K) (im Mittel)
Bodenplatte: U = 0,25 W/(m²K) (und Kellerdecke im Mittel)
Dach: U = 0,22 W/(m²K) (im Mittel)
Fenster: Uw = 1,3 W/(m²K) (im Mittel)
Verglasung: Ug = 1,0 W/(m²K) (im Mittel)
Haustechnik:
- Anschluss an das Fernwärmenetz
- Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung
- energieeffiziente Kältemaschinen (Kältemittel mit niedrigem Treibhauspotenzial: GWP = 7)
- Heiz-/Kühldeckensegel als neue energieeffiziente Wärme- und Kälteübergabesysteme
- LED-Kunstlicht
- bedarfsorientierte Betriebsweise und Regelungstechnik
Hersteller
Klinker (Spezialanfertigung): Backsteinkontor
Fassade: Schüco
Fenster: Schüco
Keramik-Attika: Moeding
