Der Ziegelriegel

Sozialpsychiatrisches PsychotherapeutischesBehandlundlungszentrum des SächsischenKrankenhauses Altscherbitz, Schkeuditz

Das vom Leipziger Architekturbüro Schulz und Schulz entworfene und von ihnen sogenannte Zentrum für seelische Gesundheit des Sächsischen Krankenhauses Altscherbitz trägt eigentlich einen wesentlich längeren und komplizierteren Namen. Dieser gestalterische Eigensinn kommt bei dem Projekt öfter vor, sicherte schon den Wettbewerbserfolg und findet sich in den Details des Hauses wieder.

Altscherbitz gehört zum nordsächsischen Schkeuditz, nahe der Grenze zu Sachsen-Anhalt, und liegt unweit des Flughafens Leipzig/Halle. Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreist und an der Haltestelle Altscherbitz aussteigt, erblickt direkt vor sich das Sächsische Krankenhaus Altscherbitz, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie. Die aus Einzelgebäuden bestehende Anlage geht auf die 1876 gegründete Provinzial Irren Anstalt Rittergut Altscherbitz zurück und feiert dieses Jahr ihren 150. Geburtstag. Die Einrichtung genießt einen guten Ruf und bietet ein breites Spektrum an Behandlungs- und Therapiemethoden, mit insgesamt 355 Betten sowie 129 tagesklinischen Plätzen. Die Anlage besteht aus verschiedenen Gebäuden, die wie Pavillons in einem Park verteilt liegen. Diese enge Beziehung zum umliegenden Grün war seit jeher Teil des Heilungsansatzes. Bereits in frühen Plänen werden neben den Verwaltungsgebäuden nach Geschlechtern getrennte Anstaltsgebäude in einer Landschaft aus Gärten und Parks mit geschwungenen Wegen dargestellt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Anlage ein Siechenasyl in ebenfalls zwei nach Geschlechtern getrennten spiegelgleichen Gebäuden mit einem Beamtenhaus zur Verwaltung hinzugefügt.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

2014 wurde für diese drei Gebäude vom Freistaat Sachsen ein nicht-offener Architekturwettbewerb ausgelobt, um die zu diesem Zeitpunkt leerstehenden Häuser wieder in den Klinikbetrieb einzubinden. Der Wettbewerb sah dafür einen mehrgeschossigen, zentral zwischen den drei Bestandsbauten angeordneten Neubau vor, der die drei Gebäude zusam-
menfügen und reaktivieren sollte. Vergeben wurden am Ende zwei zweite und ein dritter Platz, was die Vermutung nahelegt, dass diese Form nicht die plausibelste Variante darstellte, zumal die Konkurrenz des geladenen Verfahrens namhaft war. Einer der beiden zweiten Plätze ging dabei an das Leipziger Architekturbüro Schulz und Schulz, die sich bezeichnenderweise über die Vorgaben hinwegsetzten und stattdessen einen eingeschossigen Riegel vorschlugen, der die Bestandsbauten linear verbindet. Die beiden ehemaligen Häuser für das Siechenasyl werden so nördlich, dass mittig zwischen diesen gelegene Beamtenhaus südlich an den Riegel angeschlossen. Der Zugang zum Gebäudekomplex liegt auf der nördlichen Seite, zum Campus gerichtet, mittig zwischen den beiden ehemaligen Siechenasylen.

Zwei Stationen, zwei Flügel

Angesichts der Tatsache, dass heute zwei Stationen in dem Gebäudekomplex untergebracht sind, einerseits eine Psychia­trische Station und andererseits eine Psychotherapiestation, scheint die Aufteilung des Riegels in zwei Flügel durchaus sinnfällig. Wer nun das Haus betritt, steht zunächst vor dem zentral gelegenen ehemaligen Beamtenhaus, dass heute die Verwaltungs- und Umkleidebereiche, den Psychologischen Dienst und die Zimmer für Stations- und Chefarzt aufnimmt. Links und rechts reihen sich entlang des Flurs im Neubau zunächst die Nebenräume, beispielsweise für Gruppentherapien, auf, dann folgen kurze Treppen samt Durchlader-Aufzügen, die jeweils den von West nach Ost verlaufenden Geländeabfall aufnehmen und die Schwelle zu den Patientenbereichen überwinden. Nach dieser folgen in beiden Flügeln die an den Flur in Richtung Süden zum Grün ausgerichteten Zimmer für die Patientinnen und Patienten. Die beiden spiegelgleichen Bestandsgebäude werden über ihren Mittelrisaliten an den Flur angeschlossen, sodass sich in beiden Flügeln des Gesamtkomplexes jeweils eine Mittelzone ergibt. Hier sind die Stations­stützpunkte verortet, die den Überblick zwischen den Patientenzimmern im Neubau und den Gemeinschaftsbereichen im Bestand ermöglichen. Außerdem wird damit eine weitere Schwelle zwischen den Wohn- und Gemeinschaftsbereichen bzw. dem Neu- und Bestandsbau innerhalb der jeweiligen Station ausgebildet. Während so der Neubau die Zimmer als Einspänner bedient, bildet sich in den beiden Altbauten ein Zweispänner aus. Links und rechts der Anschlusszone wird zwischen Bestand und Neubau ein schmaler, aber zur Belichtung ausreichender Hof gelassen, der die Fügung zwischen Alt und Neu sichtbar macht.

Lange Flügel, kurze Wege

Entgegen den Bedenken, dass diese typologische Abweichung vom Zentralbau zum Riegel zu einer ungünstig langen Erschließung beider Stationen führt, gelingt es Schulz und Schulz durch die Ausbildung der verschiedenen Schwellen, gut überschaubare Wege zu gestalten. Die Gebäudeflügel, immerhin jeweils gut 80 m lang, werden durch die Treppen bzw. Durchlader und die zentralen Mittelzonen in drei Abschnitte geteilt, welche die Wege in Abschnitte von jeweils ca. 25 m aufteilen. Dies entspricht letztlich auch den Flurlängen der Bestandsbauten, wodurch Alt und Neu im Grundriss zusammenfinden. Angesprochen auf die Verteilung der Funktionen erläutert Prof. Ansgar Schulz, einer der Gründungspartner des Architekturbüros, das das Raumprogramm des Wettbewerbs so aufgestellt war, dass es sich anbot, die Gemeinschafts- und Verwaltungsbereiche der jeweiligen Stationen in den Bestandsbauten unterzubringen. Die pro Flügel gleichmäßig verteilten Zimmer wurden dann per Neubau angegliedert und die stationsübergreifenden Funktionen zentral verortet, was funktional stimmig erscheint. Zieht man zudem in Betracht, dass sich der eingeschossige Entwurf den denkmalgeschützten Beständen volumetrisch unterordnet und man sich einen mehrgeschossigen Neubau ersparen konnte, was auch ökonomisch attraktiv erscheint, ist die Lösung bestechend.

Ein Konzept aus Glas

Im ursprünglichen Entwurf war der Riegel dabei völlig anders, nämlich gläsern materialisiert. Für die Prägnanz der Entwurfs-idee mochte dies sinnvoll sein, für die nötige Intimsphäre allerdings unangebracht und für den Anschluss der Innenwände ungünstig. Gewählt wurde daher diesem Bedarf und den Bestandsbauten entsprechend ein Ziegel, wobei bewusst auf eine zu große farbliche Annäherung verzichtet wurde, wie Schulz erläutert. „Man bekommt nie genau den Farbton vom Bestand. Das mag als Muster noch funktionieren, aber am Ende weicht mindestens eine Charge Steine farblich so weit ab, dass es doch nicht mehr passt. Da kann man besser direkt eine eigenständige Farbe wählen.“ Für den Neubau fällt die Farbe somit etwas dunkler, weniger gelblich aus, ohne allerdings die Referenz vollkommen zu übergehen.

Ein bisschen Schinkel, ein bisschen Mies

Ein weiterer Unterschied liegt in der Ausbildung von Details. Während der Altbau hellere, horizontale Bänder und Zahnfriese aufweist, bleibt der Neubau auf den ersten Blick geradezu nüchtern. Das kann als Entwurfsstrategie gelesen werden, um einen stilistischen Abstand zu schaffen. Angesprochen auf das in die Fuge zwischen Alt- und Neubau eingelassene Regenfallrohr, dass so nicht vor, sondern in der Wand steht, stapelt Schulz nicht zu tief, wenn er daran erinnert, dass bereits Schinkel solche Details ausgebildet hat. Um dann hinterher zuschieben, dass speziell die Attika wichtig ist, da es sich um ein Detail von Mies handelt, dass er schon immer mal umsetzen wollte, was wiederum von einer ausgesprochenen Freude an der Baukonstruktion zeugt. Dabei handelt es sich um ein Detail aus dem Frühwerk von Mies, dass an den Krefelder Villen Haus Lange und Esters angewendet wurde. Anstatt die Attika schnöde mit einem Blech zu belegen, wird dabei der Ziegel über einer Grenadierschicht als Fertigteil fortgeführt. Dazwischen führt ein umlaufendes, abgekantetes Blech auf der Höhe der Dichtungsebene das durch die offene, horizontale Fuge eintretende Wasser ab. Speziell für den Riegel ist das von entwerferischer Bedeutung, da ein Eingeschosser mit Flachdach „schnell wie eine Baracke aussieht, wenn man den Dachanschuss nicht ordentlich ausbildet“, gibt Schulz zu bedenken.

Ein Ziegel für alle Fälle

Ebenfalls eher dezent, aber doch bestimmt und in Ziegel gut auszuführen, nimmt der Neubau einerseits die Vorsprünge der Risalite der Altbauten auf, was den Riegel als Volumen von außen gliedert. Diese Gliederung aus Vor- und Rücksprüngen ermöglicht andererseits auch zu kaschieren, dass der Gebäudekörper entsprechend des immerhin 2 m nach Osten abfallenden Geländes gestaffelt wird. Innenräumlich profitieren dadurch einige Patientenzimmer von Erkern, wobei die beiden äußeren Zimmer ein weiteres Fenster haben, das auf den Kopfseiten des Riegels durch ein Fenster am Ende der Patientenzimmerflure gespiegelt wird.

Anhand des Ziegels wird auch ablesbar, bis zu welcher Grenze Schulz und Schulz verantwortlich zeichnen. So wurden auch die Böden der Belichtungshöfe zwischen Neu- und Altbauten mit Ziegeln ausgelegt und als Anschluss zwischen Fassade und Erdreich eine Binderschicht bzw. Ziegelböden verlegt. Die Konsequenz in der Materialwahl verdeutlicht sich dabei unter anderem auch bei den Schachtabdeckungen in den Höfen, bei denen anstatt der üblichen Roste vor den bodentiefen Flurfenstern ebenfalls Backsteine verlegt wurden, wobei die luftführende Perforation der Steine nach oben offen steht.

Fortsetzung folgt

So nüchtern der Verbindungsriegel des Sozialpsychiatrischen Psychotherapeutischen Behandlundlungszentrums des Sächsischen Krankenhauses Altscherbitz auf den ersten Blick erscheinen mag, so erfreulich ist die Freude am Detail, die auf den zweiten Blick ins Auge fällt. Während das Konzept erstmal radikal erscheint, was für einen Wettbewerb im Zweifel sinnvoll ist, kommt der zu Umsetzung gebrachte Entwurf beinahe devot daher. Dem Umfeld tut das gut, für die Aufgabe ist es angebracht. Zumal die Funktionen so sinnvoll aufgeteilt wurden, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ein mehrgeschossiger Zentralbau hätte je besser sein können. Schulz und Schulz sind nun auch beauftragt, das letzte immer noch freie Obergeschoss in einem der Bestandshäuser auszubauen. Man muss also auch durchaus zufrieden mit der Arbeit gewesen sein und offensichtlich glücklich über den eigenständigen Wettbewerbsbeitrag, der umgesetzt wurde.

Hartmut Raendchen/DBZ

Die Neubauten des Sozialpsychiatrischen Behandlungszentrums sind mit einer großen Selbstverständlichkeit an den Bestand angeschlossen. Die Patientinnen und Patienten müssen den Schutz ihres Zimmers nicht aufgeben, um den beruhigenden, heilenden Außenraum wahrnehmen zu können.«
DBZ-Heftpartner Nickl & Partner Architekten, München

Projektdaten

Projektname: Sozialpsychiatrisches Psychotherapeutisches Behandlungszentrum des Sächsischen Krankenhauses Altscherbitz (genannt Zentrum für seelische Gesundheit - Sächsisches Krankenhaus Altscherbitz)

Architektur: Schulz und Schulz Architekten GmbH, www.schulz-und-schulz.com

Team: Bodo Roßberg, Anna Haberland, Felix Haunstein, Anne Gelhaar, Charlotte Reh, Christian Wischalla, Eberhard Rühl, Teresa Baumann, Matthias Hönig, Stefan Seiler, Jörg Fritsche, Sascha Meinel, Hannes Pohlmann, Martin Greiling, Karsten Liebner, Max Wasserkampf, Michael Schoener, Tim Hanke

Standort: Leipziger Straße 59, 04435 Schkeuditz

Bauherr: Staatsbetrieb Sächsisches Bau- und Immobilienmanagement Niederlassung Leipzig ll, www.sib.sachsen.de

Nutzer/Nutzerin: Sächsisches Krankenhaus Altscherbitz, Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, www.skh-altscherbitz.sachsen.de

Bauleitung: Schulz und Schulz Architekten GmbH

Team: Bodo Roßberg, Anna Haberland, Felix Haunstein, Eberhard Rühl

Wettbewerb: 2014

Planungsbeginn: 11/2014

Bauzeit: Neubau 10/2018 – 04/2024,
Altbau 06/2019 – 2024

Nutzfläche gesamt: 3 390 m²

Brutto-Grundfläche: 7 180 m²

Brutto-Rauminhalt: 26 560 m³

Brutto-Baukosten gesamt: 24,2 Mio. Euro

Fachplanung

Tragwerksplanung: Büro für Baustatik (PartGmbB) Förtsch, www.statik-foertsch.de

TGA-Planung / HLS: Planungsbüro IB Quellmalz, www.ib-quellmalz.de

Akustik/Bauphysik: IB Goritzka Akustik,
www.goritzka-akustik.de

Landschaftsarchitektur: landschaftsARCHITEKTURbüro von Gagern, www.von-gagern.de

Energieplanung / ELT: IB Bull Ingenieurplan,
www.bull-ip.de

Brandschutz: Brandschutz Consult Ingenieurgesellschaft mbH, www.bcl-leipzig.de

Medizinische Ausstattung: IfG Ingenieurbüro für Gesundheitswesen GmbH, www.ifg-ingenieure.com

Gebäudeautomation: INP Ingenieure GmbH,
www.inp-ingenieure.de

Herstellerfirmen

Außendeckenstrahler: Bega

Einbauleuchten: Trilux

Anbauleuchten Sanitär/ Lager: Trilux

Einbau-Downlights Sanitär: Trilux

Wandleuchten Treppenhäuser: Trilux

Boden Linoleum: Forbo

Sportboden: Gerflor

Boden Kautschuk: Nora

Fliesen Neubau (u. a.): Agrob Buchtal

Fliesen Bestand (u. a): Zahna

Putz/ Anstrich Innen: Maxit, Caparol (Anstrich)

Wandfliesen (u. a.): Cinca

Klinker: Deppe

Küchenarbeitsflächen und Spritzschutz: Varicor

Außendecke Windfang Neubau: Siniat m. Cementex, Caparol (Anstrich)

Innendecken: Knauf, Caparol (Anstrich)

Beschläge Neubau: FSB

Beschläge Bestand: FSB

Babybadewanne: Geberit

Aufsatzwaschbecken: Geberit

Armaturen Küche: Grohe

x

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