Sächsische Landesausstellung, Zwickau
Das Temporäre hat den Nachteil der zeitlichen Begrenzung. Heute ist die Architektur der 4. Sächsischen Landesausstellung in Zwickau nicht mehr anzuschauen, sie ist abgebaut. Dennoch hat das AFF-Projekt (mit GEORGI Architektur) Spuren hinterlassen sowie eine Art Reminder, aus dem eine sinnfällige Zukunft für den jetzt wieder alleinstehenden Bestandsbau erwachsen kann.
Foto: Hans Christian Schink
Man könnte sich streiten, in welcher Region – auch historisch betrachtet – die Wiege der deutschen Industrie gestanden hat. Oder man behauptet den Wiegenstandort einfach: „Sachsen ist die Wiege der Industrialisierung in Deutschland“. Das ist so zu lesen im Kontext der „4. Sächsischen Landesausstellung“, deren Leitausstellung in Zwickau im Jahr 2020 eine umfassende Darstellung der 500-jährigen Industriekulturgeschichte des Landes war. Titel: „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“. Ort der SLA war die Audi-Halle im Norden der Stadt, eine Montagehalle der Auto Union AG aus dem Jahr 1938. Der zweigeschossige Backsteinbau befindet sich unmittelbar neben der Produktionsstrecke des VEB Sachsenring, auf der bis 1990 der Trabant gefertigt wurde. Für die Landesausstellung sollte der schlichte Audi-Bau mit einem temporären Empfangsgebäude und zeitgemäßen Serviceeinrichtungen für die Besucherscharen zugänglich gemacht werden. Weil Barrierefreiheit Voraussetzung war, wählte das Architektenteam ein Rampensystem, das den schwellenlosen Zugang zur Ausstellung im 1. OG ermöglicht und zugleich dem Anspruch an Rückbaubarkeit entgegenkommt. Des Weiteren sollten die Planerinnen die Bestandshalle für das Ausstellungsprogramm (gestaltet von Holzer Kobler, Berlin) grundsanieren, nötige Reparaturen machen, mehr nicht.
Empfangsgebäude, Rampenanlage (Zugang), Bestand: Die Schichtung der Neubauteile vor dem Bestand wurde über die konsequente Materialisierung (Bleche, Fertigteile, Industriebau) zusätzlich akzentuiert
Foto: Hans Christian Schink
Empfangsgebäude mit teils durch die Gaze geschlossener Fassade (unten fixiert über in den Boden eingelassene Haken)
Foto: AFF / Sven Fröhlich
Die Aufgabe von AFF, Berlin, mit GEORGI Architektur, Chemnitz, war dann auch eher die Erschließung der temporären Ausstellung, mit Empfang, mit Nebenräumen, mit einem (Farb-)Leitsystem. Zentral: Man wollte, so Martin Fröhlich von AFF im Gespräch, „mit minimalen Eingriffen mit dem Material arbeiten, das als ‚as found‘, wie es so schön heißt, die Materialwahl schlicht vorgibt. Unsere dem Bestand vorgestellte Konstruktion aus Industrieprodukten, die bestimmte Funktionen übernimmt, hat größere Eingriffe in das Vorhandene vermieden.“
Die Bauteile als Teile des Ganzen
Die Wahl des Materials folgte also dem schon vorhandenen, wobei die Architektinnen nicht schlicht in Backstein ergänzten. Das hätte dem Temporären, aber auch ihrer Haltung widersprochen, Ergänzungen als solche lesbar zu lassen. Die Erschließung der Ausstellung erfolgt über ein auf die Nordostecke zur Audi-Straße hin orientiertes Empfangsgebäude. Die temporäre, im Grundriss rechteckige Stahlkonstruktion bildet eine umlaufende Pergola, die oben von den auch sonst hier verwendeten Überseecontainern geschlossen wird. In dieses Containerrechteck ist eine filigrane Stahlkonstruktion (Gerüsttraversen) eingefügt, auf der transluzente Polycarbonatwellplatten das Dach bilden. In diese kleine Halle eingestellt sind, aus der Mitte gerückt, zwei Containerlagen gestellt, in denen unten Kasse und Garderobe untergebracht sind. Letztere werden durch „Gruppengarderoben“ ergänzt, große (Bau-)Materialsäcke, die vom Pergola-Himmel motorgestützt abgeseilt und wieder hinaufgezogen werden können. Die offene Pavillonstruktur kann auf jeder Seite über je zwei gebäudehohe, oben an Schienen geführte, unten über Bodenhaken fixierbare Vorhänge (aus Polyethylen) geschlossen werden.
Blick über die aus Altreifen gebaute Sitzlandschaft auf die Garderobe aus ehemaligen Sichtlagerblechkisten, nun mit verschließbaren Klappen
Foto: AFF / Sven Fröhlich
Am Wendepodest der Zugangsrampe ist der Container zwecks Luft und Aufblick aufgeklappt und zeigt den Holzeinbau aus sägerauem Material
Foto: AFF
Vom Pavillon aus geht es dann über einen rollstuhltauglichen Containergang zur Halle EG und zur Ausstellung im 1. OG, ein Rampentunnelsystem, das sich am Wendepodest – Aufgang 1. OG – nach außen öffnet. Das gleiche Gangsystem findet sich am nordsüdlichen Hallenabschluss, hier dient es dem Ausgang nach dem Rundgang.
Wenige weitere Blechelemente schließen, wo nötig, die Fenster in der Fassade. Sie haben die gleiche Farbe wie der komplette Stahl-/Containerbau.
Materialien
„As found“, diese von Alison und Peter Smithson kultivierte Haltung zum Bauen, hat auch bei der SLA eine zentrale Rolle gespielt: einmal in Bezug auf den Bestand, dann bezogen auf den Erschließungsneubau. In der Audi-Halle wurden, wo nötig, Fenster (reversibel) mit Folie abgedunkelt, „ein paar Einbauten, die über die Jahre dazu gekommen waren, wurden entfernt. Die zweigeschossige Halle ist im Grunde geräumt, aber die Nutzungsspuren sind geblieben, deutlich zu sehen beispielsweise an den Böden, die nur dort repariert wurden, wo sie kaputt waren“, so Martin Fröhlich. Die für die Ausstellung nötigen Trennwände sind sämtlich reversibel geplant. „Das war im Kern unser Konzept“, so Martin Fröhlich weiter, „ein bestehendes Industriegebäude aktivieren, das aus einem repetitiven Stützenraster-System gebaut ist – auch mit repetitiven Elementen außen –, um dem Gebäude eine weitere Nutzung zu geben.“ As found.
Audi Halle, 1. OG: Hier dockt die Rampenerschließung an. Um Reparaturen zu zeigen, ist der Flüssigharz auf dem Boden farbig
Foto: AFF
Aufbausituation Empfang und Containergang. Die Stahlkonstruktion steht auf Punkt- bzw.
Streifenfundamenten
Foto: AFF / Sven Fröhlich
Dieser Blick auf das Vorhandene schärfte den Blick auf die Zugabe: Wo Industrievergangenheit ist, wurde mit Industriezeitgenossenschaft reagiert: Mit Stahl für die Konstruktion; mit Containern als schon vorhandenen Bauelementen, die zudem komplett einer weiteren Verwertung zugeführt werden; mit Leihgerüsten und Sichtlagerblechkisten, die leicht modifziert wurden (verschließbare Deckel). Sägeraues, unbehandeltes Holz für Brüstungsabschnitte im Rampensystem und nicht zuletzt das große Sitzmöbel aus Altautoreifen vor der Garderobe (Produkt Design Leipzig, Ilja Oelschlägel, hier auch verantwortlich für sämtliche Möbeleinbauten im Pavillon) zeigen, dass der Rückgriff auf das Vorhandene eine pointierte Gestaltung nicht ausschließt. Das meiste davon in RAL 7018 blaugrau gestrichen, ein Farbton, den man auch bei anderen AFF-Projekten entdecken kann.
Axonometrie o. M.
1 HEA 240 Randträger
2 Befestigung Randträger
3 HEA 240 Randträger Riegel
4 Befestigung Randträger
5 HEA Rahmenträger Stütze
6 Fußplatte Rahmenträger
7 Streifenfundament
8 Vorhang (Gaze HDPE, Agroflor, Nr. 202 Farbe Schwarz)
Fazit
Erfahrung mit Containerelementen hatte AFF bereits bei früheren Projekten gesammelt. Hier in Zwickau gab es die Anforderungen durch die Maßstäbe (großer Container Halle zu kleiner Container Sichtlagerkiste) wie den industriellen Kontext, in dem sich das Projekt bewegt. Die Architektinnen von AFF reagierten darauf mit dem Einsatz industrieller Halbzeuge, verzichteten auf Sonderanfertigungen und -maße und achteten grundsätzlich darauf, auf besenrein gemachtes Vorhandenes mit Lagerware von Vorhandenem zu reagieren. Allein die farbliche Angleichung erzeugt hier die architektonische Anmutung, die die Wahrnehmung vom Eindruck „industrielles Standardprodukt“ wegführt auf das Edle eines USM-Haller-Möbels.
AFF Architekten, Berlin
www.aff-architekten.com
Foto: Dawin Meckel
Dass AFF weniger zuerst auf das Material als vielmehr auf das Bauelement geschaut haben, hat das Team schnell zur Materialfrage zurückgeführt. Nicht, ob Holz oder Glas oder eben Stahl, eher in dem Sinn, dass das Weiterbauen gegenüber und mit dem rau belassenen Bestand zu einem Materialecho geworden ist. Martin Fröhlich: „Material als Gebrauchsmaterial, das Schäden hat, Gebrauchsspuren. Wir haben die Präzision der Zubauten mit dem Selbstbewussten der Halle kombiniert, dabei vielleicht auch Dissonanz erzeugt. Um Wahrnehmung für das richtige Material zu schärfen, brauchen wir dieses Leicht-aus-dem-Gleichgewicht-Sein. Material, wie wir darüber denken, ist nicht gut oder schlecht oder sonst wie. Es muss in seiner Verwendung einer Logik folgen und die muss man finden. In Zwickau ist es das Weniger, die Reduktion und Schönheit … Und hier sehen wir, dass sich in Deutschland so langsam eine Akzeptanz für die Rauheit des Bestehenden etabliert – und vielleicht eine neue Ästhetik des Ready-Made.“
Dass die Erschließungsbauten längst verschwunden sind, war in der Projektaufgabe angelegt. Dennoch hoffen die Architekten, mit dem Projekt eine Art Reminder gesetzt zu haben, der zu vergleichbaren Folgeprojekten ermutigt. Die historische Halle steht noch, ihr Wert wurde wiederentdeckt. Nun sollte sie gut genutzt werden.⇥Benedikt Kraft/DBZ
DBZ-Heftpartner AFF Architekten, Berlin
Projektdaten
Objekt: 4. Sächsische Landesausstellung 2020 Zentralausstellung Zwickau
Standort (bis 2020): Audistraße 18, 08058 Zwickau
Typologie: Temporäres Eingangsgebäude / Umbau Bestandsgebäude Audi-Bau
Bauherr: SIB (Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement NL Zwickau)
Nutzerin: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Architektur: AFF Architekten, www.aff-architekten.com, GEORGI architektur + stadtplanung, www.ab-georgi.de
Team: Sven Fröhlich (PL), Markus Jahnke
Bauleitung: AFF Architekten & GEORGI architektur + stadtplanung
Planungs-/Projektzeit: 2019 – 05/2020
Grundstücksgröße: 9 000 m²
Grundflächenzahl: 0,4
Geschossflächenzahl: 0,83
Nutzfläche gesamt: 5 500 m²
Brutto-Grundfläche: 7 470 m²
Brutto-Rauminhalt: 27 535 m³ (Neubau: 4 085 m³; Bestand: 23 450 m³)
Baukosten (nach DIN 276), gesamt brutto: 2,97 Mio. €
Fachplanung
Tragwerksplanung: ib-bauArt GmbH, Berlin, www.ib-bauart.de
TGA-Planung: Ingenieurbüro BBS GmbH, Mittelbach (HLS-Planung), www.ing-buero-bbs.de
Lichtplanung: Ingenieurgesellschaft Lachmann-Dominok mbH, Oelsnitz (Elektroplanung), www.lachmann-dominok.de
Landschaftsarchitektur: AFF Architekten & GEORGI architektur + stadtplanung
Energieplanung: Iproplan, Chemnitz (Gebäudesimulation/ Bauphysik), www.iproplan.de
Brandschutz: hartmann Ingenieurbüro für Brandschutz, Dresden, www.brandschutz-hartmann.de
Produkt Desgin (Einbaumöbel Eingangsbauwerk): ILJA OELSCHLÄGEL / Produkt / Design, Leipzig, www.iljaoelschlaegel.com
Energie
Aufgrund des temporären Einsatz des Eingangsgebäudes und der Rampenkonstruktion (April – Oktober 2020) konnte auf den Nachweis EnEV und EEWärmeG verzichtet werden.
Energiekonzept
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand: U = 1,23W/(m²K)
Bodenplatte: U = 1,20W/(m²K)
Dach: U = 0,6W/(m²K)
Fenster: Uw= 3,2W/(m²K)
Hersteller
Beleuchtung: Innen: RZB - Planox ECO / Außen SITECO; Schalter Steckdosen: NIKO
Bodenbeläge: PUR Beschichtung, Epoxid Harz
Dach: Seecontainer + Gaze von Agroflor
Dachverglasung: Marlon CS Diamond PC-Wellplatte
Innenwände/Trockenbau: Rigips (Saint-Gobain Rigips GmbH)
Möbel, Einbaumöbel Eingangsbauwerk: ILJA OELSCHLÄGEL / Produkt / Design, Leipzig
Sanitär / Armaturen: DELABIE; Sanitärobjekte: KERAMAG / DELABIE
Software / CAD / Zutrittssysteme: Zeichen- und Renderprogramme: ARCHICAD 22 / RHINO
Sonnenschutz: Safety Films – Tracon
Türen / Tore: Innentüren: Teckentrup; Beschläge: ECO; Schließanlage: DOM
