Schnellhefter für Norm-Bending
Ich drehe und wende, öffne, schließe, klappe aus und peile an Zahlenreihen entlang, die auf dem Buchdeckel offenbar Zeilen markieren von 1 bis 42. Dann mache ich mir die Arbeit und tippe den ebenfalls auf dem Buchtitel abgedruckten ellenlangen HTTPS-Link in meinen Browser, gespannt, wohin die Reise geht: „Datei kann derzeit nicht geöffnet werden“ meldet Google-Sheets. Doch irgendwie bin ich dennoch angekommen, denn dieses Buch, das mehr eine Sammlung von Arbeiten ist, ist komplett mit Google Sheets gebaut.
Dass das Google-Produkt (cloudbasiert!) für ein Buchprojekt ausgewählt wurde, hat seinen Grund: Die Abweichung vom üblichen Produktionsweg ist das Thema, mit dem sein Autor uns sehr bilderreich konfrontiert. Vom „Anti-Environment“ ausgehend, einem Begriff des Medientheoretikers Marshall McLuhan, fragt der Designer und Künstler Borchardt, wie anders wir mit den zur Verfügung stehenden digitalen Programmen und digital arbeitenden Devices umgehen können, vielleicht gar müssen?! Wir können davon ausgehen, dass mit der Monokultur digitaler Werkzeuge aus dem Haus Adobe oder Microsoft die Produktion kreativ gedachter Dinge vielleicht nur scheinbar in gestalterischer Freiheit entstehen. Die Nutzung von Hochglanzarbeitsflächen führt in den seltensten Fällen dazu, diese zu hinterfragen, ihre Funktionen kritisch zu sehen und den gestalteten Raum (das Environment) durch ein Anti-Environment zu brechen.
Sein Vorschlag: die gebräuchlichen und überall verfügbaren Tools zweckzuentfremden, sie anders zu gebrauchen, als sich das deren Entwicklerinnen vorstellten. Beispielsweise mit einem „Schnittprogramm Ton“ Bilder zu bearbeiten oder eben Google-Sheets, das wie Excel gedacht ist, hier aber ganz anders verwendet wird.
So werden gut 20 digitale Anwendungen dazu verwendet, anders interpretiert zu werden. Ein paar davon sind bereits so angelegt, dass sie mit anderen Programmen subversiv arbeiten. Einmal wird man damit selbst zum Tool-, zum Werkzeugmacher, dann bezieht man als subversiv Handelnde Stellung, nimmt eine explizite kreative Haltung an.
Dem Autor und seiner kongenial realisierten (gedruckten) Arbeit geht es im Wesentlichen darum, Standards so zu hinterfragen, dass sie einerseits durchschaut und als Handelnde selbst erkannt werden. Andererseits möchte er – und damit wir alle – mit den Standardtools so arbeiten, dass wir das Produkt am Ende drehen, öffnen, demontieren (was hier durch die Schnellheftbindung angeboten wird) und vielleicht gar noch einmal bearbeiten. Mit dann ganz anderen Werkzeugen und einem anderen, neuen Blick auf die Zusammenhänge. OK, ein bisschen technisches Verständnis sollte man mitbringen, um die hier angebotenen, sämtlich frei zugänglichen Tools zu testen. Ob man sie dann dem Schnellhefter beilegen will? Heftplatz für weitere Blätter ist jedenfalls keiner, das Buch ist voll! Be. K.
