Mikroklein und riesig groß
„Es geht um alles!“ Diese dramatischen Worte stehen ganz vorne und aus Sicht der Autorinnen geht es auch um alles – um ein anderes (besseres?) Zusammenleben in einer Stadt, die wir uns „zurückgeholt“ haben. Von wem wir uns die Stadt, die wohl niemals „unsere“ sein kann, zurückholen sollen, wird genannt: vom kapitalistischen System, gar vom „Finanz-Brutalismus“. Die, die gegen dieses System arbeiten, das im Wesentlichen ein Verwertungssystem ist und das, grundsätzlich auf Maximieren programmiert, Stadtraum ausschließlich aus Wirtschaftsraum betrachtet, sind die Stadtaktivisten. Die bedienen sich – zunächst noch unbewusst – einer Mikropolitik, ganz nach dem Motto: Wenn das Kleinste nicht so arbeitet wie das große zu erreichende Ziel, dann wird es mit der Zielerreichung auch nichts.
Die kleine und zum Bersten gefüllte Publikation nun beschreibt aktuelle Mikropolitiken. Es geht um Besetzung, um Teetrinken, das Denken, das aus dem Kreisen ausbricht, es geht um Kommunisierung und die Sanfte Stadt. Und immer um das Kleine, das etwas bewegen soll, verändern kann, das in seiner Überschaubarkeit auch Erfolg verspricht oder zumindest die Entdeckung von Selbstwirksamkeit.
Dass das alles leicht verschoben und dennoch eingebunden zum klassischen Stadtdiskurs betrachtet wird, gibt dieser Stimmensammlung hier ein wunderbares Gewicht. Wir lernen Mikroprojekte in Marseille, in Hamburg, Malaga oder Berlin kennen, die außerhalb unseres beschränkten Gesichtsfelds liegen, lesen von solidarischen Initiativen, selbstorganisierten Treffpunkten, utopischen Festen und sozialen Architekturen, die mehr und mehr Platz im kapitalisierten Stadtraum einnehmen, physisch wie diskursiv. Mit Interviews, wissenschaftlichen Beiträgen, mit Fotos, Diagrammen und Zeichnungen bietet dieser Band das, was eine Akteurin in einem Interview so zusammenfasst: „Die Arbeit zu reflektieren ist Teil der Arbeit.“ Das ist hier mit Gewinn für unsere Sicht auf Stadt mehr als gelungen. Be. K.
Versammlung der Mikropolitiken. Hrsg. v. Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer, Thies Warnke. adocs, Hamburg 2025, 224 S., zahlr. sw-Abb.Formularbeginn
22 €, ISBN 978-3-943253-98-6
