Haus u r und Gregor Schneiders
andauerndes Suchen
Er sammelt Räume wie andere Bücher. Doch wenn die Büchersammlerin eines Tages irgendwann in die Lektüre einsteigen will, so ist der Künstler Gregor Schneider längst und lange schon in seinen Räumen unterwegs. Um sie uns zu zeigen, um mit ihnen die Diskussion darüber zu führen, was denn ein Raum eigentlich ist und ob wir uns nicht trennen sollten vom allgemeinen Raumgebrauch. Eine Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle.
Warum wir uns in der Architektur immer noch auf Vitruv beziehen? Vielleicht, weil wir uns sonst – ohne die Authorität des Römers – nicht sicher fühlen in der Suche nach dem richtigen Bauen. Dass der Römer neben den drei Hauptanforderungen an den Entwerfer – seine von ewig her zitierte, niemals grundsätzlich als banal erkannte Triade – noch sechs ästhetische und planerische Dimensionen aus der (griechischen) Antike destillierte, um Raum zu ordnen, wissen die wenigsten. Gut so, denn Ordinatio, Dispositio oder Decor enthalten eigentlich nichts anderes, als die Triade uns schon abverlangte: Raum richtig zu gestalten. Oder gut, angemessen raffiniert etc. Dass Vitruv zwischenzeitlich weitergedacht wurde und im 19. Jahrhundert gar mit Camillo Sittes Der Städtebau sowie August Schmarsows Leipziger Antrittsvorlesung 1893 die Subjektivierung der bis dahin gerne auch als universell und dann auch als göttlich gegebenen lancierten Ordnung vorangetrieben hat, ist heute vielleicht noch Forschenden bekannt, der planenden, entwerfenden Architektenschaft eher nicht. Raum hat nach allen Regeln der Kunst gestaltet zu sein, Punkt.
Was aber sind die Regeln? Bevor ich zu den Regeln komme, treten wir zusammen in die Kunsthalle am Rand der Altstadt Düsseldorfs, ein Ort zeitgenössischer Kultur, von dem aus Künstlerinnen ihre Weltkarriere gestartet haben. Der brutalistische Bau im Herzen der Stadt (s. dazu DBZ 5 | 2026) steht vor Modernisierung und Sanierung, vielleicht ab 2029. Schon einmal leergeräumt für die Arbeiten, die starten sollten, dann aber verschoben wurden, war das Haus März/April unter dem Titel Nur der Beton selbst Ausstellungsstück und zugleich ein Kandidat im Wartezimmer ohne Termin. Was in den Monaten (Jahren?!) machen bis zur Schließung? Der Interimsdirektorin Alicia Holthausen haben wir es zu verdanken, dass sie aktuell den Künstler Gregor Schneider eingeladen hat, seine Arbeiten in der Kunsthalle aufzubauen als Räume im (Kunst)Raum. Ihr habe ich es auch zu verdanken, Gregor Schneider in der Woche vor der Eröffnung seiner Einzelausstellung Haus u r 2026 in der sensiblen Phase der Aufbauarbeit sprechen zu können; kein Interview, keine Fotos. Das Werk gehört dem Künstler im Ganzen ausnahmslos; insbesondere dann, wenn es noch im Werden ist.
Aber Zeit für einen Rundgang war; Zeit auch, dem durchaus umstrittenen, politisch denkenden Künstler ein paar Fragen zu stellen.
Rohe Kisten im White Cube, Raum und Zimmer
Vom Eingang aus geht es es über die skulptural elegante Betontreppe entlang von Fotografien Schneiders an der hohen Wand des Foyers hoch auf die erste Ausstellungsebene, in den „Kinoraum“. Hier beginnt der Parcours durch insgesamt 17 Räume – Bade- und Wohnzimmer, Schlaf- und Abstellräume, Keller, Küche … Räume, dem Raumlager in Rheydt/Mönchengladbach entnommen. Dieses Lager oder auch die „Enzyklopädie der Räume“ ist ein Gegenüber, eine Aufweitung, Ergänzung, ein Überlaufbecken des zentralen Werks Schneiders, seines Hauses u r, in dem er seit 1985 der Frage nachgeht: Was ist Raum und was ist Wahrnehmung von Raum?
Das bis heute andauernde Um- und Weiterbauen in diesem Wohnhaus, das mehr Wände als Räume hat, mehr Türen als erwartbar oder zu wenige, tote Gänge, eigenartige Flure, deren Funktion sich nicht sofort (oder niemals) erschließt. „Im Haus u r baue ich Räume in Räume, die nicht als Raum in Raum um Raum erkennbar sind und die sich unmerklich bewegen können. Dort kann ich selbst nicht mehr erkennen, wo ein Raum endet, wo eine Wand eine andere verdeckt, welcher Grundriss schließlich der ursprüngliche ist. Es entstanden Räume, die ich nicht mehr betreten, fotografieren, ausmessen und beschreiben kann“, so der Künstler beim Gang durch seine Raumsammlung, der im Rundgang noch die verbindenden Räume fehlen. Bei meinem Besuch stehen sie noch als rohe Kisten im White Cube des Museums derart, dass sie Transportkisten sind, die gleich geöffnet werden, um eine Arbeit, eine (Raum)Skulptur zu offenbaren. Was aber nicht der Fall ist, die Kisten sind Teil des Raums, den sie nach innen bilden. In der Architektur würde man sie Wand, Decke und Boden nennen.
Ein mathematisch beschreibbarer Raum ist nicht mehr als er selbst
Ein Geschoss höher auf der Galerie warten sieben gleichgroße Kästen, in denen innen Badcharakter durch wenige Wandfliesen und eine geschlossene Duschkabine in der Ecke angedeutet wird. Armaturen, Waschbecken oder Toilette sind nicht zu sehen. Man wird, wenn es still ist, in jedem Raum das Tropfen von Wasser aus dem Brausekopf hören, den man auch nicht sieht. Alle Bäder (oder Räume, die Bäder sein wollen, aber etwas ganz anderes sind) sind identische Klone, scheinbar, denn natürlich unterscheiden sie sich in Details. Die Räume sind zu einem Rundgang als eine in sich geschlossene Einheit zusammengefügt, die man, wenn man nicht aufpasst, auch ein zweites Mal gehen muss, ein drittes Mal … Es gibt aber Fluchttüren.
Zu diesem Parcours durch die beiden Raumkons-tellationen von Zimmern (jetzt schreibe ich mal nicht Raum), deren triviale Alltäglichkeit in dieser Konzentration und Zusammenstellung wenigstens neugierige, sicher aber auch mutige Besucherinnen voraussetzt, kommen Räume, in denen mittels Live-Streams aus den Zimmern nebenan berichtet wird wie auch aus einer parallen Ausstellung im National Museum of Art of Romania, Bukarest, wo bis zum 14. März 2027 die Ausstellung BAD von Gregor Schneider gezeigt wird. Erstmals werden so der gebaute Raum, der fotografierte Raum, der gefilmte Raum und der live gestreamte Raum synchron nebeneinander gezeigt, was es uns Besuchern möglich macht, das ganze Spektrum der Auseinandersetzung und Forschung Gregor Schneiders zu Mensch und Raum zu erleben.
Womit ich wieder bei den Regeln der Raumkunst bin und der Frage: Wer setzt die Regeln eigentlich und mit welchem Interesse? Kommen die Mechanismen in der idealen Raumproduktion tatsächlich von einem „Über-Vitruv“, der diese dann seinem Propheten in die Feder diktierte? Wie erleben wir Raum, wie nehmen wir ihn wahr mit welchen Sinnen? Und wann wird ein Raum, dessen Physis vielleicht nicht komplett, aber wohl zu 99,99 Prozent mittels avanciertester Rechnerleistung abbildbar ist, wann wird diese reine Physis zu einem Ort (Zimmer!)? Raum ist zuerst ein mathematisch beschreibbares Etwas, von Punkten definiert, von Linien, von Volumen und Volumenzuschnitt markiert. Ein solcher Raum ist nicht mehr als er selbst.
Aber das alles ist so abstrakt, wie das Sprechen und das Denken über Raum/Räume abstrakt bleiben muss, wird es nicht belebt.
Raum entsteht durch Inbesitznahme (wir gehen den Parcours und erleben Raum), wird ausgemessen und als Ganzes erfasst durch die richtungslose, absichtslose Bewegung, erfasst durch die Aktivierung aller Sinne. Augen, Ohren, Nase, Haptik und noch etwas, das irgendwo im Bewusstsein liegt, ganz oben oder, noch nicht erkannt, sehr tief: „Ich weiß noch nicht so genau, wie wir Raum wahrnehmen, mit welchen Sinnen, die vielleicht außerhalb von uns selbst sind. Wie wir Räume wahrnehmen, ist aus meiner Sicht noch nicht abschließend geklärt. Ich baue einen Raum, den ich nicht mehr kennen kann. Alles bleibt eine Ahnung, ein nicht mehr zu wissender Zeitraum.“ So Gregor Schneider, dem trotz aller Beschäftigung mit dem Raum die Architektur, die Architekten selbst fremd sind, suspekt. Auf meine Frage, warum denn soviele große Architekten sich intensiv mit Kunst auseinandergesetzt haben, kommt die lapidare, aber wohl treffende Replik: „Weil sie alle von unserer Freiheit im Machen und Denken träumen.“
Werden wir nicht seit Jahrhunderten gehindert?
Sehen wir den Raum anders nach der Haus u r 2026-Erfahrung? Vielleicht. Vielleicht sprechen wir danach anders von Gestaltung und Typologie, vielleicht werden unsere Sinne geschärfter bei anstehenden Raumentwurfsarbeiten. Wir alle sehen Räume – ob nun natürlich geformte oder künstliche – als Orte (Zimmer?) an, selbst die, die uns auf Gregor Schneiders Fotografien erscheinen und die uns unheimlich sind, weil auf ihnen immer die analoge Raumerfahrung fehlt. Immer aber löst die Fotografie vorausgegangene Raumerfahrungen aus; ob die mit dem abgebildeten dann übereinstimmen, ist eher unwahrscheinlich. Aber: Aus dem Raumdenken folgt sofort ein Ort (Zimmer).
Gegen den Automatismus „Sehen = Erinnern = Erkennen = Für wahr halten“ hilft am Ende nur die Bildung, das Wissen von Räumen und ihrer Wirkmächtigkeit. Dieses Wissen tragen wir als Erfahrungsbibliothek mit uns herum, die voll ist mit Bildern, Gerüchen, Texten über Raumwahrnehmung, Raumpsychologie, Raumgestalt und -gestaltung, die unsere sich langsam herausbildende Vorstellung von Raum prägen und eher konservieren als brechen. Ein Besuch in der Kunsthalle kann das ändern, kann den Raumkonstellationen Gregor Schneiders den Platz am inneren Schaltpult einräumen, der länger schon verwaist ist: Aktivierung von Irrationalität, Aktivierung von Horizonterweiterung, Aktivierung von Diskursfreude und nicht zuletzt immersivstes Erleben von Raum/Zimmer, Kinderzeit, Aus- und Endzeit als fast schon zärtliche Echos auf das Vitruvsche, das uns seit Jahrhunderten an der Auflösung unserer Raumvorstellung hindert.
Benedikt Kraft/DBZ
Haus u r 2026, noch bis zum 17. Januar 2027.
Katalog bei Walther und Franz König, Köln.
