Am liebsten das ausstellen, was gerade ist
In Düsseldorf sollte die Kunsthalle wegen Sanierung und Umbau geschlossen werden, daraus wird vorläufig aber nichts. Die Gründe überraschen ebenso wie die Geschichte des Hauses, dessen bauliche Qualitäten vor Wochen für eine sehr kurze Zeit erlebbar waren: Die Kunsthalle war leergeräumt. Wie es weitergeht, welche Umbauten geplant sind, darüber sprachen wir mit Alicia Holthausen, die seit Jahren Gebäude und Betrieb kennt und seit 2025 die kommissarische künstlerische Leitung innehat.
Liebe Frau Holthausen, was braucht eine Museumsdirektorin zuallererst? Ein Haus, ein Team oder reicht eine gute Idee?
Gute Frage. Ich glaube, dass wir als allererstes das Team brauchen, weil mit dem Team lässt sich die Idee entwickeln. Das Haus ist eine Option, aber nicht unbedingt notwendig.
Eine Gewissheit, die aus Ihrer kuratorischen Erfahrung herrührt. Sie haben auch außerhalb des etablierten Kunstraums kuratiert, im Straßenraum, dem öffentlichsten Öffentlichen?!
Ja, auch abseits der Häuser. Wir sind zudem ein Haus ohne Sammlung, kein Museum. So sind wir auch davon befreit, zu unserer Sammlung zu forschen oder sie auszustellen. Wir schaffen jede unserer Ausstellungen praktisch aus dem Nichts. Dafür ist ein Haus natürlich von Vorteil, aber Kunst kuratieren kann ich auch überall anders machen. Zum Beispiel im öffentlichen Raum, also an anderen Orten als hier, und das war auch unser Plan für die Interimszeit. Da wären wir jetzt im April ausgezogen und drei Jahre lang in der ganzen Stadt unterwegs gewesen, hätten alle 50 Stadtteile von Düsseldorf aufgesucht.
Wie haben Sie das noch genannt?
Das Motto war „Die Kunsthalle schließt, willkommen zum Opening“.
Nun haben Sie aber ein Haus. Ist Ihnen hier schon mal das „Wow!“ herausgerutscht, ein Gefühl des Glücks, weil es sich für bestimmte Dinge sehr gut eignet?
Also die Kunsthalle ist ein fantastisches Haus, auch und vielleicht gerade architektonisch gesehen. Sie ist ein klassischer White Cube, aber eben auch gar nicht. In erster Linie besteht die Kunsthalle aus zwei großen, miteinander verbundenen Räumen, dem sogenannten Kinosaal mit 8 m Raumhöhe bzw. sogar bis zu 12 m Höhe, wenn man die Glasdächer mitrechnet. Darin steht der Emporensaal, der eine Balkonsituation darstellt, weil man von der Empore aus hinunter in den Kinosaal schauen kann, was eine Zweiansichtigkeit herstellt, die ungewöhnlich ist in Ausstellungshäusern.
Diese absolut ungewöhnliche Architektur ist hier zentral, eine Herausforderung an Kuratorinnen wie Künstlerinnen, die sich mit damit auseinandersetzen müssen. Denn niemand wird hier wie in einem klassischen White Cube 20 Arbeiten auf 1,50 m Bildmitte nebeneinander hängen und ist dann fertig. Das wirkt hier nicht. Man muss diese Räume betrachten, die riesigen Wände befragen, man muss die Draufsicht, die Zweiansichtigkeit beachten, sich auf den vielleicht schwierigen Raum einlassen.
Aber ich bin überzeugt, dass das das Schönste an dem Haus ist, dass man zusammen mit der Architektur die Ausstellung entwickelt und nicht einfach weiße Flächen mit Werken plakatiert und fertig.
Nun haben Sie auch attraktive Flächen zwischen den eigentlichen Ausstellungsräumen, das Foyer, das sich ins Treppenhaus mit der wunderbaren Treppe fortsetzt, mit unterschiedlichen Ebenen, mit Ausblicken auf den Grabbeplatz. Machen Sie damit auch etwas?
Unbedingt! Allerdings ist es nicht so einfach, das als Ausstellungsfläche zu nutzen, weil es unser erster Fluchtweg ist. Aber diese Flächen am Rand sind immer Teil des Ganzen, denn niemals realisieren wir einfach nur eine Ausstellung und das war‘s. Immer gibt es Kontexte, die wir räumlich auch als solche behandeln können. So haben wir zum Beispiel das „Nachtfoyer“, was es seit über 20 Jahren in unserem Foyer gibt, da stellen Düsseldorfer Künstler ihre neuesten Bücher vor. Aber auch bei anderen Veranstaltungen ist das Foyer eingebunden, so zuletzt zu unserer eigenen Kunstbuchmesse, das ist ein sehr intensives, lebendiges Ereignis.
Das passt dann auch zur anstehenden Sanierung, die auch Umbauelemente hat, die das Haus stärker in den Stadtraum öffnen. War das auch ein Auftrag an die Planenden?
Ja, unbedingt. Die Kunsthalle wird immer noch auch als „Kunstbunker“ bezeichnet, was nicht unbedingt neu ist. Fünf Professorinnen der Kunstakademie – unter anderem Joseph Beuys – hatten schon kurz nach der Eröffnung darauf bestanden, dass die Halle sofort wieder abgerissen wird. „Das Biest muss weg“, hieß es da, man hatte es damals schon als Bunker wahrgenommen. Seit einigen Jahren können wir allerdings eine wachsende Begeisterung für den Brutalismus beobachten, trotzdem gibt es immer noch Leute, die es gerne abgerissen sähen. Wir haben keine großen Öffnungen nach Draußen, man sieht keine Kunst, kein Caféambiente, keinen Shop. Wir haben nur die schmale Glasfuge in der Platzfassade. Zudem muss man noch die sperrige Treppenanlage überwinden … Das werden wir alles nicht komplett ändern können, auch gar nicht wollen. Das Haus steht unter Denkmalschutz, die Betonfassade wird also bleiben, wir werden immerhin eine hoffentlich einladende Rampe bekommen.
Auf jeden Fall werden wir das Foyer im Inneren öffnen, wozu die Architektinnen einen großartigen Vorschlag gemacht haben. Sie werden einen Luftraum über der Abfahrt zur Tiefgarage hin zum Aufzug überbrücken. Damit hätten wir die Möglichkeit, für eine alle Ebenen verbindende vertikale Erschließung, wir hätten zudem neue Räume für die Toiletten, die Garderoben. Zusammen mit der Verschiebung des Kassenraums vergrößern wir das Foyer, gewinnen einen Raum für die kulturelle Bildung, der zum Foyer durch eine teilweise verglaste Wand geschlossen wäre. Wo heute Kasse und Shop untergebracht sind, entsteht ein Multifunktionsraum, wo aber auch unsere bisher interne Bibliothek als Präsenzbibliothek untergebracht wäre. Damit hätten wir einen Ort, an dem man verweilen kann, von dem aus auch die Verbindung zum Salon des Amateurs, die Bar bei uns hier im Haus, gestärkt würde, möglicherweise auch in der Nutzung als Café.
Ausstellungshäuser, Museen, vergleichbar Kunstzentren haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Ansprüche, so wird jedenfalls kolportiert, hätten sich grundlegend verändert. Wie ist Ihre Wahrnehmung dazu? Haben Ihre Vorgänger ein anderes Verständnis gehabt von Kunst-Präsentation?
Wie die Kunsthalle architektonisch kurativ ursprünglich gedacht war, dazu kann ich leider nichts sagen. Aber natürlich gab es auch früher Ausstellungen, die das Format und den Raum mitgedacht haben. Anderseits war die Architektur aber auch rigider in der Hinsicht, dass sie Dinge alternativlos angeboten hat. Vielleicht haben Sie das wahrgenommen bei Ihrem Besuch, dass in der Mitte des sogenannten Kinosaals eine quadratische Fläche sichtbar ist, die explizit der Platz für eine Skulptur war. Hier ist der Boden verstärkt. Darin drückt sich doch aus, dass für jede Ausstellung ein etwa gleiches Format gedacht war: eine Skulptur in der Mitte, drumherum die Arbeiten an den Wänden.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem K20 gegenüber? Tauschen Sie sich aus?
K20 und K21 sind als Kunstsammlung NRW eine Institution des Landes NRW. Die Kunsthalle war bis kurz vor 2000 städtisch. Nach einer kleinen Sanierung durch das Büro rheinflügel wurde das Haus als gemeinnützige GmbH neu aufgemacht: 65 Prozent Stadt, dazu kommen als Teilhaber noch die Sparkasse und der Kunstverein. Dieser Mix hat Vor- und Nachteile. Ich sehe vor allem, dass wir relativ autark arbeiten können. Aber die Umwandlung brachte auch eine Verkleinerung des Teams und des Budgets, von ehemals 2 bis 3 Mio. DM Ausstellungsbudget sind es heute noch etwa 300 000 €.
Gibt es dennoch eine irgendwie übergreifende Zusammenarbeit?
Wie gesagt, auf städtischer Ebene mit Kunstpalast oder Schauspielhaus, Oper etc. ja, aber eher auf informeller Ebene; mit unserem direkten Nachbarn, dem K20 eher weniger. Aber auch deshalb nicht, weil das K20 Kunst des 20. Jahrhunderts zeigt, hier wäre uns das K21 näher. Auch der Kunstpalast macht natürlich zeitgenössische Kunst wie wir. Da schauen wir dann, welchen Fokus wir wählen. Zudem haben die anderen Häuser auch ganz andere Zyklen. Der Kunstpalast und die Kunstsammlung arbeiten mit 5 bis 7 Jahren Zeithorizont in die Zukunft. Wir planen etwa ein Jahr in die Zukunft, was damit zu tun hat, dass wir uns auf das wirklich Zeitaktuelle fokussieren wollen, auf das Jetzt. Wir zeigen KünstlerInnen, die jetzt gerade an aktuellen Themen dran sind, gesellschaftlicher, sozialer, politischer Art. Wir zeigen am liebsten das, was die KünstlerInnen jetzt gerade in ihren Ateliers machen, und das haben die meisten noch nicht gesehen.
Aber war das tatsächlich immer schon so? Wenn ich auf die frühen Jahre schaue, sehe ich durchaus die etablierten Künstler, Gerhard Richter oder Bill Viola, Henri Mattisse!
Vielleicht war das in den 1980er-/1990er-Jahren noch so, aber schon länger zeigen wir Künstlerinnen, die zu dem Zeitpunkt, als sie ausgestellt haben, noch nicht weltberühmt waren. In deren Karrieren war eine Ausstellung in der Kunsthalle häufig eine der ersten großen institutionellen Schauen.
Gibt es eine Konkurrenz zum Kunstverein?
Nein, auch hier gibt es eine andere Schwerpunktsetzung. Ich würde mal sagen – wenn man es denn hierarchisch oder chronologisch sehen will – wäre in einer Künstlerinnenkarriere die erste Station nach der Akademie ein Kunstverein, ein Museum wäre dann eine der letzten Stationen. Wir liegen dazwischen.
Wie gut kennen Sie das Gebäude, seine Geschichte? Und spielt das für Sie eine Rolle?
Die Geschichte, die auch eine Baugeschichte ist, spielt eine große Rolle. Auch deswegen hatten wir uns drei Wochen lang dem leeren Haus, seiner puren Architektur gewidmet, ein extremer Ausnahmefall, dass unser Haus komplett leer war. Selbst zwischen zwei Ausstellungen ist Umbau, da stehen Leitern und Gerüste und Farbtöpfe und Kunst in Kisten, Kunst neben Kisten, Luftpolsterfolie ... leer ist das Haus nie.
War „Nur der Beton“ ein Erfolg? Feedbacks?
Diese Aktion war ein absoluter Erfolg, das Haus war fotogenes Modell, es sind sehr viele Fotografinnen gekommen oder Leute, die Architekturfotografie aus unterschiedlichen Gründen machen. Wir haben viele verschiedene Veranstaltungen gemacht und immer noch häufen sich die Nachfragen, ob ein Besuch des leeren Hauses noch möglich ist. Absehbar ist das aber nicht. Die positive Erfahrung hat uns erkennen lassen, dass wir endlich einmal eine kleine Publikation zur Architektur der Kunsthalle herausbringen müssten.
Die könnte dann auch eine Geschichte beleuchten, die auffällig nebensächlich behandelt wird: der Einfluss, das Wirken von Friedrich Tamms auf die Realisierung der Kunsthalle. Tamms, Hitlers Flakturm-Architekt und eingetragen auf Hitlers „Gottbegnadeten-Liste“, war nach Kriegsende Leiter des Düsseldorfer Stadtplanungsamts und in der Wettbewerbsphase der Kunsthalle Dezernent für das Bauwesen. Hat diese Verflechtung für Sie ein spürbares Gewicht?
Ich stehe da vielleicht nicht ganz alleine, wenn ich sage, dass Tamms Einflussnahme bis heute nicht besonders bekannt ist. Beckmann & Brockes werden als Entwerfer genannt …
Auf Ihrer Webseite bis heute!
Im Wettbewerb waren sie zweitplatziert, der eigentliche Gewinner hat hingeworfen, weil zuviele Änderungswünsche im Raum standen. Dann sind es die Zweiten geworden. Das ist, glaube ich, die offizielle Geschichte zur Architektur der Kunsthalle. So richtig klar wurde uns die andere Geschichte erst, als Pablo Molestina und Kaspar Stöbe, die Architekten der anstehenden Sanierung, ins Stadtarchiv gegangen sind, um die Geschichte aufzuarbeiten. Aber hier gibt es auch noch viele Vermutungen. Es fehlt eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte.
Die Bauakten sind vorhanden, es müsste nur mal jemand reinschauen!
Wie gesagt, wir denken an eine kleine Publikation, hier wäre das absolut ein Thema. Und vielleicht sind die drei Jahre, die wir noch bis zur Sanierung warten müssen, genau die Zeit, die wir dafür u. a. verwenden wollen.
Wieso ist die schon für 2026 avisierte Sanierung der Kunsthalle verschoben worden?
Weil die Stadt – gelinde gesagt – andere Aufgaben im Umfeld erst jetzt als zusammenhängend erkannt hat und die aus logistischen Gründen Vorrang haben – die marode Tiefgarage hier gegenüber oder der Umbau der Mühlenstraße.
Zum Schluss der obligate Ausblick in die Zukunft: Wie sieht die Kunsthalle in zehn Jahren aus?
Oh, in zehn Jahren. Das ist weit hin! In sieben Jahren, realistisch gesehen sicher länger, soll, so hoffe ich, die nach der Sanierung wiedereröffnete Kunsthalle nach wie vor ein offener Ort sein, einer, der alle Menschen begrüßt, der immer nah am Zeitgeschehen ist, der künstlerische Strömungen beobachtet und ausstellt und der vor allem Experimente wagt. Ich wünsche mir, dass die Ausstellungen auch in Zukunft berühren, das etwas passiert, es pritzelt, man Neues entdecken kann. Das wäre zumindest mein Wunsch für in zehn Jahren.
Mit der Kommissarischen Künstlerischen Leiterin der Düsseldorfer Kunsthalle, Alicia Holthausen, unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 8. April 2026 in der Kunsthalle.
