Gutenbergmuseum Mainz
Die Bagger rollen. Das war einmal ein Bild, das neben Lärm und Staub Aufbruch und Prosperi-tät versprach: Umsatz im wahrsten Sinne des Wortes. Doch die rollenden Bagger sind länger schon auch zum Synonym für ein Handeln geworden, das Probleme mit der Brechstange lösen möchte. Ist ein Gebäude marode oder brandschutztechnisch überholt, ist es schadstoffbelas-tet oder insgesamt einfach ungeeignet und von Baujahr – sagen wir mal – 1962, dann muss es einfach ersetzt werden.
In Mainz wird ein solches Gebäude gerade abgerissen. Der Bauschutt kommt auf die Deponie, an die Stelle der „Schell-Bau“ genannten Erweiterung des Gutenbergmuseums kommt ein Neubau. Den Erweiterungsbau hatte der Architekt, Designer und Maler Rainer Schell (1917-2000) entworfen, eröffnet wurde er 1962. Schell, Meisterschüler von Egon Eiermann, kann als reiner Nachkriegsmoderner bezeichnet werden, ein Wunder fast, dass sein „Schell-Bau“ – so hieß die Erweiterung landläufig – nicht längst unter Denkmalschutz gestellt war. Nun ist er fast verschwunden.
Der Neubau, ein Entwurf von h4a Gessert + Randecker Architekten, Stuttgart, steht etwa auf dem Baugrund des Vorgängerbaus, wird jedoch nicht flach, sondern von einem „skulptural gefalteten Dach“ (Architekten) bedeckt, womit sich „der neue Baukörper in unmittelbarer Nähe zum Mainzer Dom in das Herz der Altstadt [schmiegt]“ (Architekten). Anders als bei dem durch Fassadengitter (Brise Soleil, Südfassade) und schmale Fensterbänder in Natursteinplattenhaut geschlossen wirkenden Vorgängerbaus, wird der rötlich gefärbte Neubau im Gassenraum schweben; Von der hohen Foyerdecke senkt sich eine „Raumkapsel“, die den größten Attraktor des Museums enthält: die beiden (ersten) Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert.
Der Neubau – Szenografie von facts and fiction, Köln – ist damit sowie mit Café und großzügig verteilten informellen Flächen ein Kind unserer Museumszeit, in der die reine Anschauung dem Erleben (Erlebnis) hat weichen müssen. Man hätte den Altbau sanieren können. Und ob man damit, wie die Stadt mutmaßt, vom internationalen Leih- und Kooperationsverkehr mit anderen Häusern und Institutionen abgehängt gewesen wäre, ist zweifelhaft: Der wertvolle, singuläre Bestand, die Forschung und Sammlung insgesamt hätten das Museum weiterhin unverzichtbar gemacht. Aber: Mit dem Neubau strebt die Stadt auch einen Wechsel in der Rechtsform an: Man möchte hier Land und Bund in die (finanzielle) Pflicht nehmen.
In einem ersten Wettbewerbsaufschlag 2018 gab es noch einen „Bibelturm“ (DFZ Architekten, Hamburg), dessen überartikulierte Form durch die erste Bürgerabstimmung der Stadt gestoppt wurde. 2032 könnte der Neubau der Museumserweiterung eröffnen. Es sei denn, die noch ausstehenden archäologischen Grabungen vor Ort fördern Erkenntnisse zutage, die die großartige Buchdruckerstadt Mainz vor ganz andere Fragen stellen. Eine 50-zeilige Gutenberg-Bibel-Makulatur beispielsweise!? Be. K.
