Liebe Leserinnen und Leser,
der Blick auf Bäume reduziert den Schmerzmittelbedarf – so lässt sich knapp das Ergebnis einer frühen Untersuchung des Architekturprofessors Roger S. Ulrich zusammenfassen, die 1984 im Magazin Science erschien. Betonmauern vor dem Fenster haben diesen Effekt nicht. Was sich intuitiv erschließt, gehört auch vier Jahrzehnte später noch zu den ‚weichen‘ Faktoren, für deren Umsetzung Planerinnen und Planer mit den Bauherren ringen müssen. Effizienz ist gefragt, vor allem in großen Kliniken, deren Infrastruktur jener kleiner Städte ähnelt. Aber selbst bei Pflegeimmobilien, unserem Heftthema, in denen kein Röntgenplan, OP-Kalender oder die Belegung des Kernspintomographen den Rhythmus vorgibt, wird zumeist nach der Devise „Effizienz steigern“ gebaut.
Aber was ist Pflege? Ein kurzer Korridor, den möglichst wenige Beschäftigte im Blick behalten können? Auf Demenzstationen, in Psychiatrien und Hospizen sollten eigentlich andere Werte zählen. Linderung, mitunter auch Besserung, hängen hier von Ruhe, Menschlichkeit, Teilhabe und einer lebensnahen, natürlichen Umgebung ab.
Seit 2009 gewinnt Healing Architecture – heilende Architektur – hierzulande mehr Aufmerksamkeit. Damals machte Christine Nickl-Weller das Thema an der TU Berlin zu ihrem Forschungsschwerpunkt. Und mit ihrem Büro Nickl & Partner setzen sie, ihr Mann und ihre beiden Söhne die neugewonnenen Erkenntnisse auch in die Praxis um. Längst geht es dabei nicht mehr nur um den Baum vor dem Fenster. „Statt zuerst das Gebäude und danach den Freiraum zu denken, müssen Mensch, Funktion, Landschaft und Architektur von Beginn an als zusammenhängendes System verstanden werden“, schreibt Hieronimus Nickl in seinem Fachbeitrag ab
S. 48. Das war einer der Schwerpunkte der gemeinsamen Projektauswahl für dieses Heft. Vorbildlich gelöst beim Hospiz in Heiligenstadt (S. 42ff.), elegant in den Bestand integriert beim Zentrum für seelische Gesundheit in Altscherbitz (S. 24ff.). Aber uns interessierte auch, wie die Architektur aktuell alternative Möglichkeiten der Pflege erkundet. Sei es beim Seniorenwohnen in München (S. 30ff.), wo die Grundrisse Rückzugsmöglichkeiten und Teilhabe erlauben und eine Tagespflege im Haus integriert ist, oder beim Demenzdorf Furuset Hageby (S. 36ff.), dessen Typologie und Topographie vollständig den Bedürfnissen und dem Bewegungsdrang der Patientinnen und Patienten untergeordnet ist.
Wer beim Entwerfen die Formel „Form folgt der Funktion“ ernst nimmt, sollte Trost, Mitgefühl und Menschlichkeit als Teil der Funktion begreifen. Denn auch für diese Aufgaben werden die Häuser gebaut. Wie das möglich wird, lesen Sie in dieser DBZ.
Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen Ihr
Jan Ahrenberg
