Im Gespräch mit … Johannes Fritsch und Joachim Helfert, Fritsch Knodt Klug + Partner mbB Architekten, Nürnberg www.fritsch-knodt-klug.de

Wir fassen den Domenig nur da an, wo er Gebrauchsmängel hat

Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ist zur Zeit geschlossen. Der Grund: das Haus hat beim Publikum deutlich mehr Erfolg, als vor 20 Jahren vorhergesagt. Darum soll es endlich erweitert und saniert werden, eine durchaus heikle Aufgabe, könnte man denken. Wir trafen uns mit den planenden Architekten im Haus und wunderten uns über vieles. Auch über das Wunderbare des Entwurfs Günther Domenigs, der zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten scheint.

Die Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ist zur Zeit geschlossen. Der Grund: Das Haus hat beim Publikum deutlich mehr Erfolg, als vor 20 Jahren vorhergesagt. Es soll erweitert und saniert werden. Eine durchaus heikle Aufgabe, könnte man denken. Wir trafen uns mit den planenden Architekten im Haus und wunderten uns über vieles. Auch über das anhaltend Wunderbare des Entwurfs von Günther Domenig, der zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten scheint.

Herr Fritsch, Herr Helfert, kommen wir gleich zur Sache, hier oben ist es wunderbar, aber etwas sehr warm! Womit hat das Büro die Wettbewerbsjury überzeugen können? Was war das Zentrale Ihres Vorschlags?

Johannes Fritsch (JF): Ein Wettbewerb war es nicht, wir hatten ein VgV-Verfahren zu absolvieren. Und da gibt es immer nur einen sehr, sehr beschränkten Teil Wettbewerbs-, Entwurfsleis-tung. Wir haben mit unserem sehr zurückhaltenden Konzept überzeugen können, mit dem Vorschlag, den Hauptzugang zur Seite, also von der Straße und dem heutigen Zugang wegzuziehen. In der direkten Konkurrenz war das Büro Wallner, Günther Domenigs Nachfolgebüro, das mit seinem Vorschlag nicht zum Zug gekommen ist.

Ist der originale Zugang über den „Pfahl“ jetzt nur noch Ausgang?

JF: Der sogenannte „Pfahl“ bleibt natürlich das zentrale Element im Gebäude, er wird jetzt anders erschlossen. Anlass der Neuplanungen ist der große Erfolg des Hauses, die ursprünglich erwarteten 60 000 Besucher:innen sind mittlerweile knapp unter 400 000 pro Jahr. Klar, dass da die Dimensionierung des Konzepts nicht mehr stimmt. Auch deswegen kommt der neue, größer dimensionierte Zugang. Aber in seiner Lage unangetas­tet bleibt der „Pfahl“ zentrales Element im Gebäude. Aber es ist jetzt nicht so, dass dieser Raum nur Ausgang ist, man wird weiterhin auch über den alten Eingang das Haus betreten können.

Neben der Fortschreibung des Dokumentationszentrums ist auch die Gebäudesanierung ein Thema. Gibt es nach gut 20 Jahren Nutzung neben Oberflächlichem größere Schäden, die es zu reparieren gilt?

JF: Durchaus. Tatsächlich sollten Bestandsreparaturen nicht unsere Aufgabe sein, aber wir haben in der Planung schnell festgestellt, dass das so gar nicht funktioniert. Und dass die Dinge, die nicht funktionieren, so zentral für alles sind, dass wir eingreifen müssen.

Als da wären?

JF: Zum Beispiel die Glasdächer, die teils derart gravierende Undichtigkeiten haben, dass wir dort sofort eingreifen mussten. Auch der Brandschutz ist ein großes Problem, da hat man damals wohl über viele Dinge hinweggesehen, über die wir heute nicht mehr hinwegsehen können.

Hinwegsehen … Wir schauen hier gerade sehr weit hinunter ins offene Foyer. Wäre das heute noch so möglich? Und müssen Sie hier massiv eingreifen?

JF: Hier müssen wir abwägen, das Haus – neu mit Bestand – ist ja bereits Exponat. So reicht der Feuerwiderstand der Bestandsdecken bei weitem nicht mehr aus und wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder den Bestand brandschutztechnisch ertüchtigen, was in letzter Konsequenz Betoninstandsetzung hieße. Damit hätten wir aber das von mir so bezeichnete Exponat selbst verändert. Oder man kompensiert den Mangel über eine Sprinkleranlage. Das haben wir gemacht.

Das ist der dezentere Eingriff.

JF: Der konsequentere. Günther Domenigs Haltung war ja ohnehin, ein Haus nicht fertig zu bauen, also es zu beenden in einem endgültigen ­Finish. Wir spinnen diese Haltung, diesen Entwurfsgedanken weiter und legen die notwendigen neuen Installationen, die Sprinkler z. B., ganz offen dazu.

Gab es mit dieser Haltung Zustimmung aus dem Büro Domenig? Wie arbeiten Sie überhaupt mit den Grazern zusammen?

JF: Wir arbeiten mit dem Büro sehr konstruktiv zusammen. Und glauben Sie nicht, die hätten uns zu bremsen versucht. Ganz im Gegenteil hat uns Gerhard Wallner immer wieder nachdrücklich aufgefordert, mutig zu sein, nicht zu ehrfürchtig: Ihr dürft auch eingreifen, auch mal Hand anlegen!

Gibt es etwas, wo Sie ahnen, dass das Günther Domenig so nicht gemocht hätte?

JF: Ich habe ihn nicht persönlich kennengelernt. Ich denke aber, er hätte unsere Arbeit begrüßt, weil wir ja seine Öffnung des Bestandsgebäudes fortführen. Auch, dass wir intensiv über den richtigen Eingang nachdenken, eine Schwierigkeit, die er auch nicht hat lösen können. Wir haben die zentrale Raumachse, den von Domenig sogenannten „Pfahl“, so bearbeitet, dass er jetzt im Sockelgeschoss in die neue Erschließung mit eingebunden wird und dadurch eine weitere Dimension der Erlebbarkeit bekommt.

Joachim Helfert (JH): So müssen wir jetzt unter dem „Pfahl“ durchtauchen, können ihn auf der Unterseite fast berühren, wir erleben ihn bereits im Eingang als eigenes, räumliches Element.

Die meisten Besucher:innen kommen gar nicht wegen Günther Domenig. Sie wollen die deutsche NS-Vergangenheit in all ihrer schrecklichen Monumentalität erleben. Wird das weiterhin möglich sein? Werden Sie das Inszenatorische, das Domenig ja gewollt hat z.B. über Lichtinszenierungen fortschreiben?

JF: Technisch wird das Licht natürlich angepasst, aber das Konzept, dass das Licht ausschließlich von den neuen Bauteilen auszugehen hat, das setzen wir fort. Dezenter und zugleich klarer.

Was man heute mit LED-Technik kann.

JF: Ja. Man hat vor 20 Jahren sehr hohe Leuchtdichten an einzelnen Stellen gebraucht, das können wir jetzt in die Fläche bringen und dadurch die Lichtintensität an den einzelnen Punkten im Haus reduzieren.

Wer sind die zentralen Fachplanerbüros, mit denen hier gearbeitet wird? Oder ist das alles aus Ihrer Hand?

JF: Nein, dafür ist die Bauaufgabe zu komplex und umfangreich. Also wir haben die Elektrofachplanung dazu geholt, die Klimatechnik, die auch fortgeschrieben wird. Das Haus hat zum Beispiel keine Kühlung, was bei der steigenden Zahl von Besucher:innen ein großes Problem ist. Kälte entsteht hier draußen durch eine konventionelle Anlage, die später den Strom über eine Photovol­taik-Anlage auf dem Rundbau beziehen wird. Das ist das Konzept. Das Gebäude selbst ist aufgrund seiner Massivität bei massiven Außenwänden aus Vollziegel mit bis zu 2,80 m Wandstärke gar nicht so schlecht. Wir haben Klimamessungen im Rundbau vorgenommen und konnten trotz Einfachverglasung feststellen, dass selbst bei -10 °C Außentemperatur die Innentemperatur nie unter 0 °C sinkt. Wir haben es also kaum mit Temperaturspitzen zu tun.

Sie hatten das Bestandsbebäude, die sogenannte „Kongresshalle“, nur in den Bereichen angeschaut, die für die Arbeit mit dem Domenig-Zubau relevant ist?

JF: Der Planungsbereich hatte zunächst die erste Achse vom Rundbau mit umfasst. Es ging darum, eine Stelle zu finden für die Verwaltung, die länger schon aus Platzgründen ausgelagert war, nun aber wieder zurückkommen soll. Für uns war das auch ein erweiterter Denkbereich. Allerdings haben wir uns nach der Untersuchung dieses Bereichs entschlossen, nicht in den Rundbau zu gehen aufgrund der hohen Anforderungen an den Brandschutz. Das wäre auch kostenmäßig hier im Projekt gar nicht abzubilden gewesen.

Teile des Hauses sind seit Wochen geschlossen, wir sitzen hier oben unter dem Glasdach, beim Studienforum. Hier ist es sehr warm. Was machen Sie an einem solchen Schwachpunkt im Haus? Andere Gläser? Horizontaler Sonnenschutz?

JF: Dieses Glasdach ist tatsächlich einer der Punkte, die technisch von Beginn an nicht funktioniert haben. Aber neben der Hitzeregulierung hatten die Gläser immer schon absturzsichernde Anforderungen, die von den verbauten Scheiben nicht erfüllt werden. Sie sind auch in ihrer Lage statisch bis zu 500 Prozent überlastet, weshalb wir die komplette Konstruktion ersetzen müssen; dimensionsgleich natürlich.

500 Prozent ist auch in diesen Zeiten sehr viel!

JF: Das ist zuviel. Wie das genehmigt werden konnte, können wir heute nicht mehr nachvollziehen. Aufgefallen ist das Ganze, als es um die Nachrüstung durch einen Sonnenschutz ging. Wir haben die Konstruktion angeschaut, weil wir einen außenliegenden Sonnenschutz planen sollten, der von Günther Domenig schon mal konzipiert gewesen war, dann aus Kostengründen aber nicht ausgeführt wurde.

Wo wurden Sie noch überrascht? Bei dem bis unter das Glasdach offenen Foyer?

JF: Die Dinge funktionieren. Meist hängt es an der Ausführung, den Details, wie den Brandschutzverkleidungen zum Beispiel. Schauen Sie ­hinunter auf den ehemaligen Kinosaal, der als Stahlbetonplatte frei im Raum hängt. Der soll das neue Medien- und Recherchezentrum werden. Hier wollten wir die Tür verändern, wofür wir die Verkleidungen öffnen mussten. Schon nach der ers-ten Gipskartonplatte war Schluss, der Trockenbauer hat sich geweigert, weiterzumachen. Er erklärte uns, dass das so nicht funktioniert, alles keine Zulassungen habe. Auf dieser Konstruktion werde er nichts aufbauen. Jetzt hängt es an dieser Stelle …

Bauen im Bestand ist immer ein Abenteuer.

JF: In diesem Fall zwei Abenteuer: der 90 Jahre alte Bestand und der 20 Jahre alte Bestand.

Ich höre keinen Baulärm: Was ist gerade so ungefähr der Stand der Bauarbeiten?

JH: Der Rohbau ist nahezu zu 100 Prozent abgeschlossen. Und wir befinden uns inzwischen in der Ausbauphase, Estriche, Türen und Fenster … Vielleicht fragen Sie auch nach dem Stand, weil man so wenig sieht, wir nicht mehr viel hinzutun. Wir lassen alle Oberflächen gleich, Wände, Decken auf Sicht, wir fassen den Domenig nur da an, wo er Mängel hat. Also Gebrauchsmängel.

JF: Unsere Zubauten sind die neue Stahlbetontreppe, die wir unten hochgegangen sind. Das ist, glaube ich, das Markanteste unseres abschließenden Einbaus. Das zweite wird der Saal sein. Und natürlich kommen auf die ganzen Estriche noch die abschließenden Oberflächen.

JH: Wir wären also schon bald fertig und ziemlich im Zeitplan, hätten wir nicht die schon angesprochenen zusätzlichen Aufgaben. So hält uns von der Fertigstellung unserer ursprünglichen Leis-tung beispielsweise die Erneuerung dieser Glasdachkonstruktion ab. Jetzt haben wir demnächst unseren abschließenden Ausbau pünktlich fertig, müssen dann aber das Glasdach darüber noch einmal öffnen und erneuern. Das heißt, wir brauchen dann ein komplettes Schutzdach, über dessen Ablastung sich Statiker:innen und weitere Fachplaner:innen noch mal auseinandersetzen müssen. Das ist noch mal eine ganz schöne ­Herausforderung!

Auch eine pekuniäre für die Stadt … Wer zahlt hier eigentlich?

JF: Das Projekt wird mit 11 Mio. € durch drei verschiedene Fördergeber bezuschusst: 7 Mio.€ durch den Bund aus dem Förderprogramm „Nationale Projekte Städtebau“, 3 Mio. € durch das

Land aus den Sondermitteln des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und 1 Mio. € über die Regierung von Mittelfranken aus dem Top „Fördermittel Städtebau“.

Sie beide leben und arbeiten in Nürnberg, sind mit den Bauten des Reichsparteitagsgelände sowohl diskursiv, aber eben auch sehr konkret vertraut. Was meinen Sie: Brauchen wir ein solches Haus, um die Überwältigungsarchitektur aus dem sogenannten „Dritten Reich“ auch erlebbar werden zu lassen?

JF: Dieser Frage stellen wir uns natürlich. Ich persönlich bin der Meinung, dass es absolut notwendig ist, vor diesen Bauten stehen zu können, durch sie gehen zu können, um die Dinge auch zu begreifen, ganz im Wortbildsinn. Man kann hier spüren, dass diese Bauten etwas mit einem machen. Ich bin sicher, dass das Verführerische, das hier stattgefunden hat, heute noch funktioniert.

JH: Ja, das glaub ich auch. Es gibt keinen besseren Ort als den hier, um die Geschichte des Natio­nalsozialismus noch erlebbar zu haben. Ich kann vor oder in diesem Gebäude stehen und auch wenn es nur ein Dreiviertel fertiger Rohbau ist, spüre ich, was für eine Macht davon ausgeht. Und die kann beängstigend sein.

Ist Günther Domenig noch präsent? Hat das, was er hier gemacht hat, noch eine Bedeutung für heutige Architekt:innen?

JH: Ja. Wir hier in Nürnberg haben kaum eine Architektur, die eine derartig starke, markante Ausstrahlung hat. Vielleicht spielt Günther Domenig heutzutage bei den Studierenden keine Rolle mehr, begegnet einem vielleicht, wenn man in die Ursprünge des Dekonstruktivismus eintaucht. Wir Nürnberger können froh sein, dieses Haus zu haben, so viele Domenigs gibt es nicht.

JF: Das Haus hätte ohne die Arbeit von Günther Domenig nicht den Erfolg gehabt, den es hat und wegen dem wir hier arbeiten. Die Ausstellung, der Erfolg der Ausstellung, basiert auf dem wirklich hervorragenden Konzept des Gebäudes. Das wird aber auch von der Museumsleitung so gesehen. Die wissen, was sie hier haben. Und auch die Stadt Nürnberg, also auch das Hochbauamt weiß, was sie hier haben. Also wenn es dann mal tropft irgendwo, dann haben sie die Jahre immer gesagt, okay, es ist halt so. Aber wir haben etwas ganz Großes dafür.

Mit Johannes Fritsch und Joachim Helfert unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft auf der Baustelle des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände am 28.07.2022 in Nürnberg

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