Überbauung des Ostwestfalendamms

Die Situation

Die Stadt Bielefeld ist geprägt von der Lage am Teutoburger Wald, dessen Höhenzüge bis an die Innenstadt heranreichen. Ende der 1970er-Jahre wurde der Ostwestfalendamm (OWD) als Entlas-tungsstraße für die Innenstadt als vierspurige Kraftfahrstraße (Stadtautobahn) gebaut und folgte der damaligen Auffassung einer verkehrsgerechten Stadt. Die Schnellstraße verläuft parallel zur Trasse der Bundesbahn und verbindet die Bielefelder Innenstadt mit der A 33. Das Verkehrsaufkommen hat sich seit der Zeit erheblich vergrößert, genauso wie die Einwohnerzahl.

Die stetige Bevölkerungszunahme führte zu einem Mangel vor allem an bezahlbarem Wohnraum. Gleichzeitig steigen die Preise für Grundstücke, Häuser und Eigentumswohnungen, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In der Innenstadt sind zusätzliche Räume für Kitas Schulen, Grünflächen, öffentliche Plätze oder zur Neustrukturierung und Neugestaltung von Stadtvierteln so gut wie nicht mehr vorhanden.

Die Vision

Ausgehend von dieser Situation, entwickelte die WählerInnengemeinschaft BÜRGERNÄHE, die auch in Stadtrat vertreten ist, eine Vision zur Überbauung des Ostwestfalendamms, unter dem Motto: Für Wohnen und Lärmschutz: „Einen Deckel auf den OWD!“ und stellte diesen zur öffentlichen Diskussion. „Wir wollen nicht nur eine „Bausünde“ reparieren und den Lärm in den Wohnquartieren der Stadttteile Gadderbaum und Brackwede mindern“, meint Christian Heißenberg, Architekt und ehemaliges Mitglied im Bielefelder Stadtrat. „Auf den Flächen über dem OWD können ohne zusätzlichen Flächenverbrauch dringend benötigte Wohnbebauung und Grünräume entstehen. Der Vorteil liegt darin, dass dieses neue Viertel bereits heute zentrumsnah und deshalb infrastrukturmäßig optimal an die Innenstadt und den ÖPNV angebunden wäre.“

Die Idee sieht eine innerstädtische Teilüberbauung des OWD, einschließlich der Bahntrasse vor. Die topografischen Gegebenheiten werden hierbei für einen fließenden Flächenübergang aus dem Westen genutzt. Der „Deckel“ bietet eine Möglichkeit, die auf absehbare Zeit noch unverzichtbare Verkehrsanbindung für Auto und Bahn in dem begrenzten Raum der Schneise zu erhalten und nichtsdestotrotz neue Flächen für zentrumsnahe Nutzungsansprüche zu gewinnen.

Für Nutzer der Stadtautobahn ist der „Deckel“ als Tunnel erlebbar, während oberirdisch für das Zentrum Bielefelds dringend benötigte Flächen für Wohnen, öffentliche Räume, Wege für FußgängerInnen und FahrradfahrerInnen entstehen können. An der Konzeptentwicklung sollten AnliegerInnen, InvestorInnen und ArchitekturstudentInnen beteiligt werden. Eine Bebauung unter An­wendung zukunftsweisender Nachhaltigkeitskriterien sollte sich in die Landschaft und die vorhandene Bebauung einfügen. In einer durchgrünten Infrastruktur mit Wohnen, Spielplätzen, Geschäften und Büros sollte zusätzlich auch die bestehende, jedoch stark lärmbelastete Radwegeverbindung von der Innenstadt nach Quelle aufgewertet werden. Das neue Stadtviertel könnte als energieautarkes Modellviertel geplant werden. Ob mit Solarmodulen und / oder Kleinwindanlagen, Null-Energiehäusern, intelligent geregeltem Stromnetz mit Ladeinfrastruktur für Elektroautos – all diese Technologien könnten den neuen BewohnerInnen zur Nutzung bereitgestellt werden. Wo heute 24 Stunden der Verkehrslärm dominiert, könnte sich ein urbanes, sozialvielfältiges nachbarschaftliches Miteinander entwickeln. „Gerade in den Bereichen Städtebau und Verkehr sind Visionen gefragt“, meinen die Mitglieder der AG-Stadtentwicklung und Verkehr von BÜRGERNÄHE Gordana Rammert, Gerd Bobermin, Christian Heißenberg und Martin Schmelz. „Der Klimanotstand ist nicht die einzige Herausforderung, die Bielefeld bewältigen muss. Trotz unserer wachsenden Stadt wollen und müssen wir den Flächenverbrauch begrenzen! Nicht nur um unsere selbstgesetzten Klimaziele zu erreichen, sondern um auf kreative, vielfältige und umweltverträgliche Weise das Angebot an Wohnraum zu verbessern.“

Die Mitglieder der AG-Stadtentwicklung und Verkehr der BÜRGERNÄHE. Beteiligt an der Konzept­entwicklung und der grafischen Gestaltung: Laura Voelzkow, Studentin für Stadt- und Raumplanung, Text: Laura Voelzkow/Martin Schmelz.

www.buergernähe.wordpress.com
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