Buchrezension

Buchrezension: Sagmeister & Walsh: Beauty

Schönheit als Schlüsselkonzept für die Gestaltung der Zukunft

„Stefan Sagmeister und Jessica Walsh sehen Schönheit als das Quantum Menschlichkeit, das unser Leben besser macht“, so ist es in der Verlagsankündigung zu lesen. Was sehr idealistisch gestimmt klingt, fast wollte ich schreiben „naiv“.

„Schönheit als Schlüsselkonzept für die Gestaltung der Zukunft“ heisst es etwas pragmatischer im Untertitel und genau dieser Satz verleitete den Rezensenten zum Lesen. Denn wo Wege in die Zukunft aufgezeigt werden, die nicht von Skeptizismus, von Für- oder Wider-Abwägung, von Astrologienherrschaften oder politischer Vernunft, wo Autoren einmal über den jahrtausendealten Schönheitsdiskurs hinausschauen und ihre ganz eigene Sicht auf das Schöne präsentieren, da sollten doch neue Erkenntnisse zu holen sein!

Der erste Eindruck vom Gefäß (dem handwerklich Gemachtem, dem Buch) ist Verführung: geprägter Deckel eines allerdings dünnwandigen Schubers, Schnörkeltypo auf dem Rücken. Dann: Silberfarbe auf dem Buchschnitt, der, in welche Richtung man ihn aufdrückt, „Schönheit=Wahrheit“ oder „Schönheit=Funktion“ aufleuchten lässt. Im flexiblen Inneren dann die Enttäuschung: Die eher nüchtern langweilig (zeitlose?) Type (Lyon Text) überrascht nach dem Auftakt. Es überraschen aber vor allem die Allgemeinplätze, die seitens der Gestalter zum Thema geäußert werden. Schönheit müsse wieder entdeckt werden, Schönheit sei wichtig, Schönheit darf nicht sterben, Schönheit hänge unverbrüchlich an Wahrheit … Letztere These – die hier ja nicht zum ersten Mal geäußert wird – ist nun derart schwergewichtig und durchaus auch zentral, dass man gleich nach der Begründung für sie sucht. Auf sie wartet. Vergeblich.

„Schön=gut=wahr“? Dass Schönheit etwas Zeitloses sei, dass eine Ahnung davon im menschlichen Instinkt verankert ist, dass Schönheit durch Umfragen zur Verallgemeinerung geführt werden könne (wie es in diesem Buch mehrfach gemacht wird, allerdings ohne zu offenbaren, wie diese Umfragen durchgeführt wurden), dass vielfach behauptet wird, ohne Quellen zu nennen, dass im Gegenteil viel zu häufig auf einen (!) antiken Philosophen Bezug genommen wird, dass die zehn schönsten (Städte) und die hundert schönsten Kunstwerke und die zwanzig schönsten Designarbeiten der Welt für eine Argumentation herangezogen werden, die immer nur das eine belegen soll: Schönheit ist unverzichtbar! Das alles reicht nicht aus. Wenn man, wie der Rezensent, auf Aufklärung über ein Schlüsselkonzept gehofft hat.

Die Schönheit im Häßlichen entdecken, das war und ist immer noch der Weg, den die Philosophie eben auch geht. Von der Häßlichkeit, dem scheinbar Banalen als einem mächtigen kreativen Moment liest man in diesem Buch nichts. Nichts von der Langeweile, die Schönheit freisetzen kann … Und immer wieder: Was ist denn eigentlich schön? Und warum?! Schönheit als Mittel zum Zweck, Schönheit als Immerdar, Schönheit als Machtmittel, als Verführung, als Lüge … Was Wahrheit ist, davon soll hier schon gar nicht die Rede sein, ist sie leider aber.

Die bilderreiche Arbeit hätte Widersprüchlichkeiten statt Oberfläche nötig gehabt. Um das Einfache, Schematische in ein chaotisches Ganzes zu formen, zu zwingen, in dem die Schönheit mit allem anderen auch eine wirkungsvolle Koexistenz führt. So haben wir viele Worte, viel Kitsch und ganz viel von dem, was ein Mainstream wohl schön findet (empfindet): einen Jaguar E-Type (der D-Type ist doch viel schöner!), Möbel von Jean Prouvé oder Max Bill und das Blau von Business-Anzügen.

Es bleibt: ein sehr persönliches Statement zweier „Design Stars“ (Verlag) zu ihrem Anliegen, Schönheit (was immer das auch sei) wieder hoffähig zu machen im Diskurs, der – mit Recht – dem Schönheitsbegriff durchaus skeptisch gegenübersteht. Von Wahrheit wollen wir lieber gar nicht schreiben an dieser Stelle. Be. K.

Stefan Sagmeister | Jessica Walsh, Sagmeister & Walsh: Beauty. Schönheit als Schlüsselkonzept für die Gestaltung der Zukunft. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2018, 284 S., 377 Farbabb., im Schuber, 39,80 €, ISBN 978-3-87439-922-7

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